Im Gotthard-Simulator üben alle den Ernstfall

Bahnmitarbeiter lernen im Gotthard-Simulator in Olten, wie sie bei einem Krisenfall im neuen Gotthard-Basistunnel richtig reagieren. Sie tun dies als virtuelle Figuren in einer Art Computerspiel.

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Mirjam Comtesse

Ein Koffer brennt. Lokführer Dieter Berner und Zugchef Martin Widmer sind angespannt. Ihr Zug befindet sich im Gotthard-Basistunnel, und ein Feuer könnte sich verheerend auswirken. Der Zugchef nimmt einen Feuerlöscher von der Wand und macht sich auf die Suche nach der Brandquelle. Der Lokführer drosselt derweil die Geschwindigkeit. «Die Nothaltestelle Faido West ist für euch vorbereitet», teilt ihm die Leitstelle mit. «Wenn wir evakuieren müssen, sind wir bereit.»

Doch zuerst soll Zugchef Widmer herausfinden, ob er das Feuer selber löschen kann. Er drängt an Passagieren vorbei, die in die anderen Wagen flüchten. Endlich hat er den brennenden Koffer entdeckt. Er kann die Flammen mit dem Feuerlöscher ersticken. Grosse Erleichterung bei allen Beteiligten. Der Zug fährt weiter.

Avatare in einem Simulator

Wir befinden uns nicht im richtigen Gotthard-Basistunnel, sondern in einem Ausbildungsraum der SBB in Olten. Lokführer und Zugchef sind virtuelle Figuren in einem dreidimensionalen Schulungstool. Dieter Berner und Martin Widmer tragen Kopfhörer und sehen vor sich auf dem Computerbildschirm, was ihre Figuren machen. Doch die Szenarien wirken für die Teilnehmer erstaunlich real: «Bei den Übungen wird es teilweise ziemlich hektisch und laut», erzählt Fachinstruktor Stefan Zimmermann.

Im Gotthard-Simulator

Sinn der Ausbildung ist es vor allem, dass Lokführer, Zugpersonal und Leitstellenmitarbeiter lernen, wie sie im Krisenfall richtig miteinander kommunizieren. Deshalb üben jeweils sechs Personen in verschiedenen Rollen: als Reisende, Reisezugbegleiter, Zugchef, Interventionsmitarbeiter oder als Lokführer. In erster Linie «spielen» sie ihre eigenen Aufgaben durch und lernen dabei, nach den vorgegebenen Prozessen zu handeln.

Die Simulation ist so detailgetreu, dass sie auch das Zugsicherungssystem ETCS Level 2 anzeigt, das am Gotthard eingesetzt wird. Zur Ausbildung für das Lok- und Zugpersonal gehört neben dem Prozesstraining am Computer eine Schulung im Tunnel – zur Ortskenntnis. Die gesamte Schulung dauert drei Tage.

3900 werden ausgebildet

Wie der Gotthard-Basistunnel im Tunnelbau, so setzt auch das Training für alle, die mit ihm zu haben werden, neue Standards: «Bisher übten bei neuen Anlagen oder Systemen die Mitarbeiter getrennt voneinander», sagt François Rast, Verantwortlicher bei den SBB für das Ausbildungsmodul Gotthard-Basistunnel. Der dreidimensionale Simulator mit seinen Interaktionsmöglichkeiten erinnert dagegen an ein komplexes Computerspiel. Nur dass es dabei nicht ums Gewinnen geht, sondern darum, eine schwierige Situation gemeinsam zu meistern. Das Programm kostete die SBB einen einstelligen Millionenbetrag. Es sei notwendig, weil es betrieblich nicht möglich wäre, direkt im Tunnel auf dem Rollmaterial zu üben, erklärt Rast.

Die Tunneleinfahrt

Bis zur fahrplanmässigen Inbetriebnahme des neuen Tunnels im Dezember werden insgesamt 3900 Personen auf ihre Aufgaben vorbereitet. Der Schulungsaufwand für das gesamte Gotthard-Projekt beträgt total 28 Millionen Franken. 2800 der Auszubildenden sind Mitarbeiter der SBB. Bei den Übrigen handelt es um Angestellte anderer Bahnen wie BLS oder Crossrail, die den Tunnel ebenfalls durchfahren werden.

Brandfälle grösstes Risiko

Im Gotthard-Simulator gestaltet der Übungsleiter Szenarien, die man als verschiedene «Levels» bezeichnen könnte. Er kann etwa das Rollmaterial und die Anzahl Passagiere im Zug bestimmen. Das ist wichtig, weil es bei mehr Reisenden mehr Zeit für die Evakuation braucht und mehr Leute betreut werden müssen.

Störungen an den Zügen werden zwar als häufigster Pannengrund erwartet. Der Fokus bei den Übungen liegt aber auch auf seltenen Ereignissen wie Bränden. Die SBB wollen für diesen schlimmstmöglichen Problemfall gewappnet sein.

Eine Evakuierung

Spezielle Schulungen gegen terroristische Anschläge gibt es dagegen keine. Denn die üblichen Sicherheitsmassnahmen sollten auch hier greifen. Ohnehin sollte niemand ungebeten den Tunnel betreten können. Die Tunnelportale sind videoüberwacht, und die Querschläge zwischen den beiden Tunnelröhren sowie die Zugänge sind mit Sensoren ausgerüstet. So würden die SBB merken, wenn sich jemand unbefugt Zugang verschafft. Dafür braucht es keinen Simulator.

Wie gut kennen Sie den neuen Gotthard-Basistunnel? Testen Sie Ihr Wissen in unserem Quiz.

Berner Zeitung

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