«Im Freiland steigt das Risiko von Missernten»

86 Bauern wollen in der Region Murtensee das grösste Treibhaus der Schweiz bauen. Das löst Kontroversen aus. Jimmy Mariéthoz, Geschäftsführer beim Verband Schweizer Gemüseproduzenten, im Interview.

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Herr Mariéthoz, in der Region Murtensee wollen Bauern das grösste Treibhaus der Schweiz bauen. Braucht es hierzulande Treibhausplantagen wie in ­Holland?
Jimmy Mariéthoz: Es ist nur dann sinnvoll, solche Gewächshäuser zu bauen, wenn es einen Markt dafür gibt, also wenn man das darin angebaute Gemüse sicher verkaufen kann. Ich bin überzeugt, dass die Bauern im Seeland eine entsprechende Marktanalyse gemacht haben.

Gemüseproduzenten schweizweit fordern mehr Möglichkeiten zum Bau grosser Treibhäuser. Warum ist das nötig?
Die Möglichkeit, mehr Gewächshäuser bauen zu dürfen, ist für Gemüseproduzenten in der Tat ein zentrales Anliegen. Die Vorschriften des Bundes sind heute so restriktiv, dass Bewilligungen vielerorts kaum möglich sind. Bei den am häufigsten unter Glas angebauten Gemüsearten wie Tomaten und Gurken ist der Markt in der Schweiz im Moment zwar gesättigt. Weil aber immer mehr Gemüsearten in Gewächshäusern angebaut werden, steigt die Nachfrage nach neuen Gewächshäusern trotzdem. Und: Sie wird in Zukunft noch stärker steigen.

Aber warum ?
Erstens gibt es wegen des Klimawandels immer extremere Wetterkapriolen, Unwetter und Hitzeperioden. Im Freiland steigt das Risiko von Missernten. Dieses Risiko kann man im Treibhaus weitgehend eliminieren. Der Treibhauseffekt fordert gewissermassen mehr Treibhäuser.

Und zweitens?
Die Gesellschaft fordert weniger Pflanzenschutzmittel und einen sparsamen Umgang mit Wasser. Genau das ist in Treibhäusern möglich: Man braucht dort weniger Wasser und weniger Pestizide. Zudem kann der Gemüseanbau in Gewächshäusern stärker automatisiert werden als im Freiland. Um einigermassen konkurrenzfähig zu bleiben, müssen die Produzenten ihre Betriebe modernisieren, da bleibt ihnen keine Wahl.

Hinzu kommt, dass das Gemüse in Treibhäusern oft hors-sol angebaut wird. Da bleibt kein Platz für bäuerliche Idylle.
Hors-sol hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Viele können sich gar nicht vorstellen, was das ist. Ich fordere Skeptiker auf, sich einmal ein Gewächshaus mit Hors-sol-Produktion anzuschauen. Sie werden sehen, dass es sich um einen normalen Anbau und normale Pflanzen handelt. Beim Hors-sol-Anbau kann zum Beispiel der Dünger sehr präzise dosiert werden, deshalb braucht es weniger, und er wird sogar ­wiederverwendet. Die Böden werden geschont, und die Pflanzen haben optimale Wachstumsbedingungen.

Industrieller Gemüseanbau und Hors-sol-Anbau in der Schweiz: Da kann man doch ebenso gut Gemüse aus Holland oder Spanien importieren.
Nein, nein. Es gibt viele Gründe, möglichst viel Gemüse in der Schweiz anzubauen. Erstens wissen wir hier, dass das Gemüse nach strengen Anbauvorschriften produziert wurde, dass die Arbeiter anständig bezahlt ­wurden und dass es nicht in ­Gebieten angepflanzt wurde, wo Wassermangel herrscht. Zweitens haben wir optimale Bedingungen für eine hochstehende Qualität.

Aber Schweizer Tomaten haben schon heute eine schlechtere CO2-Bilanz als importierte Tomaten.
Erstens stimmt das nicht in allen Fällen, und zweitens kommt es immer stark darauf an, wie und wann man es berechnet. Und vor allem: Neue, moderne Gewächshausanlagen werden sehr oft so gebaut, dass der Betrieb CO2-neutral ist. Genau das wollen zum Beispiel die Gemüsegärtner in der Region Murtensee: Ihre Vision sieht vor, das Gewächshaus CO2-neutral zu betreiben. Dann fällt die gesamte Bilanz eindeutig besser aus als jene von Tomaten, die in die Schweiz importiert werden.

Neue Gewächshäuser werden  sehr oft so gebaut, dass der Betrieb CO2-neutral ist.

Heute wird nur etwa die Hälfte des Gemüses, das Schweizer essen, auch in der Schweiz produziert. Wie viel mehr Gemüse würde hier angebaut, wenn mehr Treibhäuser gebaut werden dürften?
Der Anteil könnte um einige Prozent gesteigert werden, indem in der Zwischensaison mehr Gemüse angebaut würde. Im Winter und im Frühling wird so oder so ein sehr grosser Teil des Gemüses importiert werden müssen.

Warum?
Im Winter sind die klimatischen Bedingungen in der Schweiz allgemein ungünstig. Ausserdem werden auf Importgemüse keine Zölle erhoben. Da wird das Gemüse aus dem Ausland immer günstiger sein, weil die Personal-, Energie- und Anbaukosten in der Schweiz höher sind. Da werden Schweizer Gemüseproduzenten auch mit modernen Gewächshäusern nicht konkurrenzfähig sein.

Behörden und Forscher sagen, wenn man Gewächshäuser auf wertvollem Ackerbauland erstelle, gehe fruchtbarer, über Jahrtausende entstandener Boden kaputt. Deshalb müsse man Treibhäuser beschränken. Stimmt das?
Diese Argumentation ist unserer Ansicht nach nicht richtig. Der Boden geht nicht kaputt, auch bei Hors-sol-Anlagen nicht. In vielen Gewächshäusern wird nur im Sommer hors-sol produziert und im Winter direkt auf dem Boden. So bleibt auch die Bodenqualität erhalten.

Die Stiftung Landschaftsschutz findet, Treibhäuser und indus­trielle Gemüseproduktion dürfe man nicht in der Landwirtschaftszone, sondern nur in der Gewerbe- und Industriezone bewilligen. Ist industrieller Gemüseanbau eine Industrie?
Nein, es ist nur professionelle Landwirtschaft. Wegen der hö­heren Einstufung der Industrielandzone würde sich der Gemüsebau in den Industriezonen nie und nimmer rentieren. Das ist eine reine Utopie, wir brauchen sehr guten Boden für Gewächshäuser.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2017, 09:47 Uhr

Jimmy Mariéthoz, Geschäftsführer beim Verband Schweizer ­Gemüsepro­duzenten.

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