«Ich sah Ahmed an, dass er seine Familie und Freunde vermisst»

Die Zugerin Rabija Efendic kümmert sich über die Festtage um Flüchtlinge in Serbien – als freiwillige Helferin des Zürcher Vereins Borderfree. In einem Tagebuch hält sie fest, was sie in Preševo erlebt.

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«Nach einem Grosseinkauf bereitete ich mich mit unseren drei neuen Volontären, Marie, Jo und Justus aus Deutschland, auf die Nachtschicht vor. Unser Essenszelt und zwei Schlafzelte von Médecins Sans Frontières gleich nebenan waren bis dahin schon ziemlich voll.

Normalerweise verlassen die Menschen unsere Zelte bereits eine Stunde vor Ankunft des Zuges nach Kroatien und warten draussen, um möglichst weit vorne in der Reihe zu stehen beim Einsteigen.

Ich machte mit einem jungen Mann, Ahmed, aus Syrien einen kurzen Spaziergang zum Bahnschalter, um nach der Ankunftszeit zu fragen. Es hiess, dass der Zug in etwa einer Stunde da sein müsste, also gegen 00.30 Uhr.

Am Gleis hatten sich schon einige grosse Gruppen mit vielen Kindern gebildet, sie standen in der Kälte, eingewickelt in Decken. Ich hörte viele weinende Kinder um mich herum, die Eltern versuchten, sie zu beruhigen, aber es war einfach zu kalt. Ahmed und ich stiegen auf einen Stein und ich bat ihn, mir beim Übersetzen auf Arabisch zu helfen. Er informierte sie, wie lange sie warten müssten und dass sie die Zeit drinnen in unserem Zelt verbringen könnten.

Die meisten fürchteten jedoch, den Zug schlussendlich zu verpassen. Ich war erleichtert, dass uns vor allem Gruppen mit vielen Kindern gefolgt waren, um in der Wärme zu warten. Sie setzten sich zusammen und wir schenkten ihnen warme «Corba und Caj» aus, für die Kinder gab es gekochte Eier mit Brot, das lieben sie am meisten. Wenn man noch Seifenblasen dazu zaubert, stimmt für sie die ganze Welt wieder.

Ahmed erzählte mir von seiner Reise und schilderte, wie er zuerst mit einem offenen und nicht gerade auf Vordermann gebrachten Boot auf Kos ankam und danach weiter mit dem Schiff auf das griechische Festland fuhr. Ich sah ihm an, dass er seine Familie und Freunde vermisst. Er wünscht sich, dass sie eines Tages wieder alle zusammen friedlich in ihrer Heimat leben können.

Plötzlich brach Hektik aus. Alle packten ihre Sachen zusammen und liefen hinunter zum Bahnhof. Mit Jo und Justus ging ich mit, um beim Einsteigen in den Zug zu helfen. Der Ansturm war enorm gross, ich zweifelte, ob alle einen Platz finden würden. Wir teilten uns auf, um je bei einem Wagon die Leute zu instruieren, dass zuerst Frauen und Kinder einsteigen sollten.

Doch sobald sich die Türen öffneten, wurde die Situation unübersichtlich und wir konnten nichts anderes mehr tun als aufzupassen, dass niemand im grossen Gedränge verletzt wurde. Als der Zug abfuhr, entdeckte ich Ahmed an einem Fenster. Ich sprang hoch, um ihm die Hand zu klatschen und er winkte mir zu.

In dieser Nacht kamen sehr viele Menschen in Preševo an, der Platz wurde knapp und es gab fast keine Decken mehr in den Zelten. Perparim und Etrit, zwei Einheimische, die für United Volonteers ofPreševo arbeiten, brachten uns Decken und halfen uns, die Leute in den Zelten unterzubringen.

Als es dann ruhiger wurde und ich mich hinsetzen konnte, sah ich eine neue Nachricht von Farhad und Hosein. Sie waren vor einigen Tagen bei uns in Preševo und sind nun in Deutschland angekommen. Sie haben sich bei uns für die schöne Zeit bedankt und hoffen, uns wiederzusehen.

Ich würde mir wünschen, dass mir jeder Mensch, den ich in Preševo angetroffen habe, eine Nachricht schicken könnte, dass er sicher an seinem Wunschort angekommen ist, es wäre wie ein Happy End.

Rabija Efendic (24) ist Kundenberaterin und lebt in Baar (ZG). Sie ist eine von vielen freiwilligen Helfern, die sich mit dem Zürcher Verein Borderfree für Flüchtlinge einsetzen. www.facebook.com/borderfreeassociation

Berner Zeitung

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