Besorgte Unia-Chefin fordert Rückkehr zum Euromindestkurs

Vania Alleva, Präsidentin der Gewerkschaft Unia, kämpft für bessere Arbeitsbedingungen und gegen Stellenabbau. Sie sei manchmal wütend auf sture Arbeit­geber, sagt sie.

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Frau Alleva, was machen Sie am 1. Mai?
Vania Alleva: Ich werde in Chur an der 1.-Mai-Feier des kantonalen Gewerkschaftsbundes Graubünden teilnehmen.

Die grossen Anlässe zum Tag der Arbeit finden doch in Bern oder Zürich statt.
Der 1. Mai ist der weltweite Kampftag für die Arbeitnehmerrechte, für persönliche Eitelkeiten hat es da keinen Platz. In Zürich und Bern war ich schon, in Chur an diesem Tag noch nie. Ich freue mich darauf, dort zu reden.

Was sagen Sie dazu, dass es an den 1.-Mai-Feiern vor allem in Zürich immer wieder zu Krawallen kommt?
Das war in den vergangenen Jahren kaum mehr der Fall. Ich bin froh, dass die Organisatoren dieses lokale Problem gelöst haben und die eigentlichen Themen des Tags der Arbeit wieder in den Vordergrund rücken: die Verteidigung der Renten, die Stärkung der AHV, der Druck auf die Löhne und die Arbeitsplätze. Angesichts der sehr angespannten Situation ist dies umso wichtiger.

Was schlagen Sie vor, damit sich die Situation beruhigt?
Erstens soll die Nationalbank wieder eine Wechselkursgrenze zum Euro einführen. Zweitens braucht es kräftige Lohnerhöhungen, um die Binnenkonjunktur zu stützen. Und schliesslich ist eine innovative Industriepolitik nötig. Hier kommt von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Amman viel zu wenig. Angespannt ist die Situation aber auch, weil unklar ist, wie die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt wird. Viele Unternehmen warten ab und investieren nicht.

Was müsste Johann Schneider-Ammann konkret machen?
Er sollte dafür sorgen, dass mehr in Forschung und Entwicklung investiert wird – vor allem zugunsten von kleinen und mittleren Unternehmen.

Ypsomed-Präsident Willy Michel hat vorgeschlagen, den Franken aufzugeben und den Euro einzuführen, damit die Probleme mit dem starken Franken gelöst werden können.
Ich halte das nicht für realistisch. Aber wenn man eine eigene Währung hat, dann soll sie dem Land nützen. Im Moment haben wir einen überbewerteten Franken, welcher der Schweiz nicht nützt. Über eine mögliche Lösung muss man diskutieren. Es braucht auf jeden Fall eine Korrektur.

Auf welchem Niveau müsste der Euromindestkurs denn liegen?
1.20 Franken ist die untere Grenze, damit es zu einer Entspannung auf dem Arbeitsmarkt kommt.

Die Nationalbank müsste Hunderte von Milliarden Franken in die Hand nehmen, um einen solchen Mindestkurs zu stützen.
Es handelt sich doch bloss um Buchgeld. Alles, was die Nationalbank braucht, sind eine klare Zielvorgabe und gute Nerven. Im Moment werden Tausende von Arbeitsplätzen wegrationalisiert wegen des überbewerteten Frankens. Und Arbeitnehmende leisten Gratisarbeit, weil die Arbeitszeit erhöht wurde. Das ist eine ungesunde Situation, die wir beheben müssen.

Diese Gratisarbeit kann Stellen retten. Das ist doch im Interesse der Unia.
Gratisarbeit ist keine Lösung, im Gegenteil: Auf lange Sicht wird so nur die vorhandene Arbeit auf weniger Arbeitnehmende aufgeteilt. Häufig werden solche Massnahmen ausgenutzt, um Rationalisierungs- oder Auslagerungsprojekte voranzutreiben, die schon lange in der Schublade lagen. In einem zweiten Schritt bauen die Manager dann doch Stellen ab.

Sie kämpfen auch gegen längere Ladenöffnungszeiten. Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal an einem Sonntag am Bahnhof Bern etwas eingekauft?
Ich mache das nie. Aber es geht hier nicht um das Verhalten einzelner Konsumenten. Es geht darum, ob es in unserer Gesellschaft überhaupt noch Grenzen für die Arbeitszeit geben soll. Verlängerte Ladenöffnungszeiten bedeuten für das Verkaufspersonal immer mehr zerstückelte Arbeitszeiten mit überlangen Pausen und immer mehr Schwierigkeiten, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Neue Stellen werden ja in der Regel nicht geschaffen, nur die Arbeitszeiten des bestehenden Personals noch mehr flexibilisiert. Und das in einer Branche mit sehr tiefen Löhnen und ohne verbindlichen Gesamtarbeitsvertrag.

Wenn man sich an einem Sonntag oder am späteren Abend im Bahnhof Bern umschaut, hat man das Gefühl, viele Konsumenten wären froh, mehr Läden wären zu diesen Zeiten geöffnet.
Wir alle sind Konsumenten, und ich glaube wirklich nicht, dass wir unter einem Mangel an Konsumgelegenheiten leiden. Die meisten von uns sind aber auch Arbeitnehmende – und immer mehr leiden unter dem zunehmenden Flexibilitätsdruck und der Entgrenzung der Arbeits­zeiten. Bei den Ladenöffnungszeiten geht es letztlich nicht um Konsumbedürfnisse, sondern um einen Verteilkampf der grossen gegen die kleinen Anbieter im Detailhandel. Die Kleinen können es sich in der Regel nicht leisten, ihre Läden länger zu öffnen. In Abstimmungen zu dieser Frage stehen sie deshalb oft auf unserer Seite.

Wie sehen Sie die Zukunft der Arbeitswelt? Werden Roboter niedrig qualifizierte Jobs wie etwa die von Kassiererinnen übernehmen?
Der technologische Fortschritt verändert die Arbeitswelt radikal und stellt uns vor neue Herausforderungen. Die Frage ist, ob die Arbeit aufgewertet oder monotoner und zerstückelter wird, weil jeder nur noch in Teilbereichen tätig ist. Darum ist es wichtig, dass die Arbeitnehmenden mehr Einfluss auf die Entwicklung der Arbeitsprozesse und der Arbeitsbedingungen erhalten. Produktivitätsverbesserungen – zum Beispiel durch Roboter in der Pflege – sollen nicht nur dem Unternehmen oder Aktionären zugutekommen, sondern auch dem Personal.

Wird es die Unia noch brauchen, wenn die allermeisten Stellen verschwunden sind?
Die Arbeitswelt wird sich verändern, aber die Arbeit wird nicht verschwinden. Die Beschäftigten werden sich entsprechend anders organisieren müssen. Die Herausforderung wird sein, dies gemeinsam zu meistern, damit es für alle ein Fortschritt wird.

Was sagen Sie zur Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen, über die wir am 5. Juni abstimmen?
Als sozialpolitische Vision finde ich ein bedingungsloses Grundeinkommen interessant. Die Initiative lässt aber zu vieles ungeklärt, von der Finanzierung bis zur Ausgestaltung. Sie könnte darum leicht als Plattform für den Angriff auf die bestehenden Sozialwerke missbraucht werden. Deshalb lehne ich sie ab.

Für Flüchtlinge sind Jobs zur besseren Integration gesucht. Einsätze auf dem Bau drängen sich auf. Eine gute Idee?
Wir unterstützen den Appell, dass die Schweiz wegen der katastrophalen Lage 50'000 Flüchtlinge aufnimmt. Es ist für alle das Beste, wenn Asylsuchende schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden. Entscheidend ist, dass sie nicht dafür missbraucht werden, Löhne zu drücken. Auch für Unqualifizierte müssen die GAV-Mindestlöhne gelten. Wichtig sind auch Investitionen in Ausbildungsprogramme, insbesondere in Branchen, in denen Fachkräftemangel herrscht.

Viele Arbeiter befürchten, Flüchtlinge könnten ihnen den Job wegnehmen.
Unsere Wirtschaft befindet sich in einer anhaltenden Expansionsphase – deshalb zieht sie so oder so Arbeitskräfte an. Entscheidend ist, dass die Mindestbedingungen der Gesamtarbeitsverträge respektive die orts- und branchenüblichen Ansätze eingehalten werden. So gibt es keinen Verdrängungskampf. Ohne verbindliche Regeln wird der soziale Zusammenhalt gefährdet. Verdrängungsängste führten bereits dazu, dass die Masseneinwanderungsinitiative angenommen wurde. Deshalb muss der Schutz der Arbeitsbedingungen für alle verbessert werden.

Was meinen Sie zum Inländervorrang?
Wenn damit gemeint ist, dass alle Menschen, die bereits auf dem Schweizer Arbeitsmarkt tätig sind, unabhängig von ihrer Herkunft gefördert werden müssen, dann sind wir für den Inländervorrang.

Ihr Vater ist als Saisonnier aus Italien in die Schweiz gekommen. Wie hat Sie dieser Hintergrund geprägt?
Ich komme aus einer Arbeiter­familie. Beide Eltern haben ihr Leben lang hart gearbeitet, damit wir Kinder es besser haben. Sie haben ihr Ziel erreicht. Heute wäre das schwieriger – viele Büezer sind auf dem Arbeitsmarkt enorm unter Druck und können ihren Kindern keine bessere Zukunft aufbauen. Mich hat auch die Erfahrung geprägt, dass es soziale Diskriminierung gibt. Die Überzeugung, dass man diese überwinden kann, wenn man dagegen kämpft, ist Auslöser und Motor für mein gewerkschaft­liches Engagement.

Kämpfen mussten Sie etwa bei der Ausbildung. Ihre Lehrerin fand, es sei anmassend, dass Sie ans Gymnasium möchten.
Ja, das war so. Nur wenige Ausländerkinder und nur wenige Arbeiterkinder konnten damals ans Gymnasium, auch wenn sie gute Noten hatten.

Sie sind die erste Präsidentin der Unia. Ist es manchmal schwierig, sich als Frau gegenüber den vielen Männern durchzusetzen?
Der Frauenanteil bei den Unia-Mitgliedern ist in zehn Jahren von unter 18 Prozent auf fast 25 Prozent gestiegen. Bereits mehr als ein Drittel unserer Führungskräfte sind Frauen. Dass ich Präsidentin wurde, ist Ausdruck dieser Veränderung. Auf Arbeitgeberseite stehen mir allerdings immer noch vor allem Männer gegenüber. Mit dem muss man umgehen können.

Und das können Sie?
Ja, das kann ich. Und ich kann auch mal auf den Tisch hauen. Ich suche den Dialog, scheue aber die Auseinandersetzung nicht.

Muss man als Gewerkschaftspräsidentin zornig sein über die Ungerechtigkeit auf der Welt?
Manchmal kann ich mich über sture Arbeitgeber so richtig ärgern. Aber es ist nicht so, dass ich morgens aufwache und zornig auf die Welt bin. Im Gegenteil, einer meiner Vorgänger sagte, wer ein guter Gewerkschafter sein will, muss die Menschen gern haben. Ich habe sie gern, und dieses Gefühl ist stärker als die Wut. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.04.2016, 10:12 Uhr

Vania Alleva im Gespräch

Vania Alleva (46) holt die Journalisten und den Fotografen persönlich in der Lobby des Unia-Zentralsekretariats in Bern ab. Die Präsidentin der Gewerkschaft bringt Wasser für alle und wirkt sehr offen. Im Gespräch wird aber schnell klar: Am wohlsten fühlt sie sich, wenn sie ihre gewerkschaftlichen Anliegen darlegen kann. Weniger Freude hat sie an kritischen Fragen – etwa zu den regelmässigen Unruhen am 1. Mai oder dazu, ob es ihr als Frau in der männerdominierten Gewerkschaft schwerfalle, sich durchzusetzen.

Die schweizerisch-italienische Doppelbürgerin wuchs in Zürich als Tochter eines Lastwagenfahrers und einer Schneide
rin auf. In Rom studierte sie Kunstgeschichte. Dort wurde sie nach eigenen Angaben politisiert. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz arbeitete Vania Alleva als Journalistin und Lehrerin, zudem absolvierte sie ein Nachdiplomstudium in interkultureller Kommunikation. 1997 begann sie bei der damaligen Gewerkschaft Bau und Industrie zu arbeiten, die 2004 in der Grossgewerkschaft Unia aufging. Vor vier Jahren wurde sie Co-Präsidentin der Unia. Seit Mitte 2015 amtet sie als alleinige Präsidentin der grössten Gewerkschaft der Schweiz mit rund 200'000 Mitgliedern.

Die 46-Jährige ist verheiratet und wohnt in Bern. Sie hat keine Kinder.

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