«Ich glaube nicht, dass man Politiker mit einer Einladung kaufen kann»

Festivalpräsident Marco Solari wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, Politiker, die sich nach Locarno einladen lassen, seien korrupt. Wenn das nicht mehr möglich sei, werde vieles in der Schweiz massiv erschwert – nicht nur das Festival in Locarno.

«Ein totales Verbot solcher Einladungen würde den Dialog empfindlich stören», sagt Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno.

«Ein totales Verbot solcher Einladungen würde den Dialog empfindlich stören», sagt Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno.

(Bild: Keystone)

Mischa Aebi@sonntagszeitung

Herr Solari, Sie reagierten gestern spontan und auf ein Interview mit Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch. Warum? Marco Solari: Herr Jositsch hat dort gesagt, dass sich Politiker, die sich von Konzernen ans Filmfestival Locarno mit Essen und Übernachtungen einladen lassen, in den Dunstkreis der Korruption begeben. Ich spüre, dass das Interview für Verunsicherung sorgt.

Sie befürchten, dass Politiker sich nun nicht mehr trauen, ans Festival zu kommen? Ja. Ich habe grossen Respekt vor dem Anti-Korruptionsgesetz und vor Herrn Professor Jositsch, der eine Kapazität ist.

Aber? Locarno ist eine wichtige Plattform für die informelle Begegnung zwischen allen Teilen unserer Gesellschaft. Wenn die Firmen Politiker, Kunden und Partner nach Locarno einladen, braucht es eine zweckmässige Übernachtung – das ergibt sich aus der geografischen Lage unseres Festivals.

Strafrechtlich problematisch werden laut Jositsch solche Einladungen erst, wenn Übernachtungen in Luxushotels und teure Essen inbegriffen sind. Schauen Sie, während der Zeit des Festivals hat man oft kaum Wahlmöglichkeiten betreffend die Hotels. Der Grund für Einladungen ist nicht die Beeinflussung von Politikern. Der Grund findet sich in den zahlreichen Begegnungen, die so für alle gesellschaftlichen Gruppierungen und Landesteile ermöglicht werden.

Stimmt es, dass Politiker sich von Firmen nicht nur zu einem Eintritt und einer Zweckübernachtung, sondern zu mehrtägigen Luxusarrangements einladen lassen? Das weiss ich, ehrlich gesagt, nicht.

Wie viele Politiker laden Sie als Festivalorganisator selber ein? Das Festival lädt selber keine Politiker ein.

Warum nicht? Sie könnten den Politikern ein Ticket mit einer bescheidenen Übernachtung in die Hand drücken. Der Korruptionsvorwurf wäre entkräftet, und die Politiker kämen trotzdem noch. Das können wir unmöglich. Denn dann müssten wir entscheiden, welche Politiker wir einladen und welche nicht.

Dann überlassen Sie es den Konzernen, genau jene Politiker mit Luxusarrangements zu verwöhnen, welche sich am besten vor den Karren spannen lassen. Finden Sie das nicht problematisch? Ich glaube nicht, dass man einen Politiker mit der Einladung an eine Veranstaltung kaufen kann. Das ist eine ziemliche Geringschätzung unserer Volksvertreter.

Sie glauben, dass es nicht um Lobbying geht? Ich spreche sehr oft mit den CEOs unserer Sponsoren. Diese sagen mir, dass sie im Sponsoring in erster Linie eine Möglichkeit sehen, ihre gesellschafts- und staatspolitische Rolle wahrzunehmen. Dazu gehört es eben auch, Politiker in periphere Regionen zu bringen.

Nach Ihnen sind also Festivals wie Locarno nur möglich, wenn Firmen Politiker mit Tickets, Essen und Übernachtungen verführen dürfen? Die Schweiz lebt von einer grossen Summe kleiner Gleichgewichte. Dazu ist ein Dialog notwendig. Dafür steht das Filmfestival Locarno seit je. Ein totales Verbot solcher Einladungen würde das Gleichgewicht und den Dialog empfindlich stören. Vieles in der Schweiz würde damit massiv erschwert, nicht nur unser Festival.

Werden Sie Daniel Jositsch Ihre Sorgen schildern und eine Gesetzesänderung vorschlagen? Ja, auf jeden Fall werde ich den Kontakt zu Herrn Jositsch suchen. Er hat eine streng juristische Haltung eingenommen. Ich würde ihn fragen, was wir jetzt machen sollen. Ich mache mir Sorgen.

Berner Zeitung

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