«Ich frage meine Tochter nicht, ob ich kandidieren soll»

Analyse

Der Wahlkampf ist für Kandidierende eine Strapaze. Aber was bedeutet er für ihre Kinder? Und können Vollblutpolitikerinnen und -politiker überhaupt noch gute Eltern sein?

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Claudia Blumer@claudia_blumer

Er habe seine Kinder heute gerade mal 15 Minuten gesehen, sagte SP-Bundesratskandidat Alain Berset im gestrigen Beitrag von «10vor10». Das sei zwar nicht viel, sagte er, aber das sei zum Glück nicht immer so. Er habe durchaus manchmal mehr Zeit für die Familie.

Diese Tage, an denen Berset mehr als 15 Minuten Zeit hat für seine Kinder, dürften im Fall eines Wahlerfolgs allerdings seltener werden. Trotz der hohen Belastung in einem Bundesratsamt stehe seine Familie hinter der Kandidatur, hiess es. Doch es ist klar: 4- bis 8-Jährige, wie im Fall von Alain Berset, sind zu jung, um die Tragweite einer Kandidatur zu realisieren.

Erster Bundesratskandidat mit Kleinkindern

Mit seinen 39 Jahren ist Alain Berset eine jugendliche Ausnahme unter den Bundesratskandidaten, und damit der erste mit kleinen Kindern. Andere Bundesräte oder Anwärter haben entweder keine oder grössere Kinder.

Doch auch ein National- oder Ständeratswahlkampf kann nervenaufreibend sein und die Familie in Mitleidenschaft ziehen. «Als im Ständeratswahlkampf 2007 unser Haus besprayt wurde, war meine Tochter zweieinhalb Jahre alt», erzählt Nationalrätin Chantal Galladé (SP, ZH). Das sei für die Tochter ein einschneidendes Erlebnis gewesen, von dem sie auch in der Krippe erzählte. «Mühsam ist der Wahlkampf für meine Tochter vor allem dann, wenn ich auf der Strasse angesprochen werde und sie sich daneben langweilt», sagt Galladé.

«Bundesrat kann Vaterrolle nicht aktiv wahrnehmen»

Diese Erfahrung macht auch Filippo Leutenegger, Nationalrat (FDP, ZH) und Vater von fünf Kindern (6, 11, 15, 26, 28): «Wenn wir am Einkaufen sind und ich mich an der Kasse mit anderen Leuten unterhalte, sagen sie nachher, sie kämen das nächste Mal nicht mehr mit.» An Drohbriefe und böse Telefonanrufe, mit denen Politiker oft konfrontiert sind, würden sich die Kinder gewöhnen, glaubt Leutenegger. «Man muss das halt erklären, dass es immer Leute gibt, die dafür oder dagegen sind, sobald man in einer Partei ist. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber kein Problem.»

Galladé und Leutenegger sind der Ansicht, dass Kinder in diesem Alter nicht abschätzen können, was eine Kandidatur bedeutet, und deshalb nicht mitentscheiden. Galladé: «Ich frage meine Tochter nicht, ob ich kandidieren soll, das kann sie gar nicht beurteilen. Letztlich ist es bei uns Politikern nicht anders als mit andern berufstätigen Eltern, es kommt einfach der Faktor Öffentlichkeit hinzu.» Leutenegger sagt: «Bis zur Pubertät realisieren die Kinder gar nicht, was ein Wahlkampf wirklich bedeutet. Und nachher haben sie eine grössere Distanz dazu. Klar ist: Wenn man kleine Kinder hat und Bundesrat wird, kann man seine Vaterrolle nicht mehr aktiv wahrnehmen. Das ist unmöglich.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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