Hoteliers bangen um Gäste – wegen Agrarinitiativen

Touristiker befürchten, dass die Lebensmittel verteuert würden.

Höhere Lebensmittelstandards beeinflussen die Preise. Foto: Urs Jaudas

Höhere Lebensmittelstandards beeinflussen die Preise. Foto: Urs Jaudas

Stefan Häne@stefan_haene

Mehr Fair Food in der Schweiz – zum Nachteil der sozial Schwächeren im Inland? Diese Frage entzweit die Konsumentenschützer. Auslöser der Spaltung sind die zwei Agrarinitiativen, die am 23. September zur Abstimmung kommen. Die Konsumenten-Vereinigung Schweiz befürwortet die Fair-Food-Initiative und die Initiative für Ernährungssouveränität, die Stiftung für Konsumentenschutz indes lehnt Letztere ab und empfiehlt bei Ersterer weder ein Nein noch ein Ja.

Nun tritt ein dritter Akteur auf den Plan – und vertieft damit die Verwerfung. Das Schweizerische Konsumentenforum bekämpft beide Volksanliegen. Derzeit laufen die Aufbauarbeiten für ein Komitee, das aus normalen Konsumenten sowie Gastronomen und Hoteliers besteht. In den nächsten Tagen wird es an die Öffentlichkeit treten.

«Touristen halten weniger die Zimmerpreise in den Hotels für zu hoch als vielmehr die Preise fürs Essen und die Getränke.»Andreas Züllig, Präsident Hotelleriesuisse

Eine der zentralen Figuren im Komitee ist Andreas Züllig. Der Präsident des Verbands Hotelleriesuisse sagt: «Beide Initiativen werden die Lebensmittel verteuern.» Sie zwängen den Staat, für die Kontrolle der eingeforderten hohen Lebensmittelstandards einen teuren Kontrollapparat im In- und Ausland zu errichten. Diese Bürokratie werde auf die Nahrungsmittelpreise durchschlagen.

Züllig warnt vor den Folgen: «Ausländische Touristen halten weniger die Zimmerpreise in den Schweizer Hotels für zu hoch als vielmehr die Preise fürs Essen und die Getränke.» Günstigere Alternativen gebe es für sie im nahen Ausland. Das gelte auch für Schweizer Touristen, die über kein grosses Portemonnaie verfügten. «Die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Tourismus», resümiert Züllig, «wird unter dem Strich leiden.»

Ritters Kostenrechnung

Die Hoteliers versichern, dass sie regionale Produkte und das Tierwohl immer mehr berücksichtigen würden. Das entspreche einem wachsenden Kundenbedürfnis, so Züllig. «Es braucht dazu kein staatliches Essdiktat.» Grünen-Präsidentin Regula Rytz kontert: «Herr Züllig muss sich entscheiden.» Entweder lege er Wert auf das Tierwohl und auf nachhaltige und regionale Produkte. Dann könne er die Ziele der Initiative gut erfüllen. «Oder er schaut doch nicht so genau hin. Dann besteht Handlungsbedarf.»

Die Warnung vor teurerem Essen hat den Abstimmungskampf bislang geprägt. Economiesuisse argumentiert, die Grünen als Promotoren der Fair-Food-Initiative strebten «Bio-Standards» bei allen Lebensmitteln an (was diese bestreiten), das Essen koste langfristig 50 Prozent mehr – eine strittige Prognose. Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands und Befürworter der Fair-Food-Initiative, beziffert den Anstieg auf maximal 5 Prozent.

Er rechnet vor: In der Schweiz werden pro Jahr Lebensmittel für 63 Milliarden Franken an Konsumenten und Gastronomie verkauft, davon macht der Wert der Importe 6 Milliarden aus. Würden sich diese Importprodukte um 50 Prozent verteuern, wären es künftig 3 Milliarden mehr, was in etwa 5 Prozent der heutigen Gesamtausgaben entspräche. Doch auch Ritters Rechnung basiert auf einer Annahme: dass sich nämlich die Initiative nur auf den Importbereich auswirke. Der Initiativtext lässt aber strengere Qualitätsvorgaben auch für die Schweizer Landwirtschaft zu. Bis zur Abstimmung bleibt damit viel Raum für Zahlenspiele – und drastische Warnungen.

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