Hitlers geheimes Spionagenetz in der Schweiz

Von der CIA freigegebene Dokumente zeigen erstmals das Ausmass der Spitzeltätigkeit von Schweizern im Dienste von Hitler-Deutschland. Es ist grösser als bisher angenommen.

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Am 15. Mai 1945 schlägt die Sicherheits- und Kriminalpolizei der Stadt Bern zu. Es ist zehn Minuten nach 21 Uhr an diesem Dienstagabend, als die Beamten in der Bahnhofhalle der Bundesstadt einen 50-jährigen Deutschen anhalten. Die Polizisten führen den Mann auf den Polizeiposten im Bahnhof ab. Dort eröffnen sie ihm den Grund für seine Verhaftung: «Verletzung militärischer Geheimnisse und verbotener Nachrichtendienst». Mit anderen Worten: Spionage in der Schweiz und gegen die Schweiz.

Im Bezirksgefängnis Bern beginnt ein Tag später das Verhör durch die Polizei. Vor den Beamten sitzt nicht irgendwer: Hans Meisner, Tarnname «Wolfgang», ist Generalkonsul der Reichsdeutschen Gesandtschaft in Bern, Kapitän zur See und Leiter des «Büro F». Was nach einer harmlosen Verwaltungsstelle tönt, ist eigentlich der Hauptsitz des deutschen militärischen Geheimdienstes in der Schweiz. Hier kümmert sich Meisner um die Gegenspionage.

Anfang Mai 1945 hat die Wehrmacht bereits bedingungslos kapituliert. Die deutschen Streitkräfte haben damit die Feindseligkeiten gegen die Alliierten in Europa eingestellt. Mit Druck aus Berlin muss die Eidgenossenschaft nicht mehr rechnen, wenn sie hochrangige deutsche Diplomaten verhaften lässt.

Kommandant eines U-Boots

Meisners Biografie ist klassisch geprägt durch die Einschnitte der deutschen Geschichte um die Wende zum 20. Jahrhundert. 1895 in Dresden auf die Welt gekommen, besucht der Apothekersohn das Realgymnasium und wählt danach die Militärlaufbahn. Im Ersten Weltkrieg dient er als Wachoffizier auf kleinen Kreuzern und befehligt im Jahr 1918 als Kommandant für drei Monate ein U-Boot. Als 39-Jähriger wirbt ihn die deutsche Auslandsspionage an. 1940 wird er als Diplomat getarnt in Oslo und später in Paris stationiert. 1942 übernimmt Meisner die Leitung des «Büro F» in der Schweiz.

In der Einvernahme mit den Schweizer Behörden stellt sich Meisner als einen Chefagenten dar, der seinem Gastland wohlgesinnt ist. Ja, es habe durchaus Spionage gegen die Schweiz gegeben, im Vordergrund seien aber alliierte Ziele gestanden. Er habe es als Generalkonsul abgelehnt, heikle Informationen von deutschfreundlichen Schweizern entgegenzunehmen, weil dies «meine Tätigkeit verunmöglichte». Meisner will einen diplomatischen Zwischenfall mit der Schweiz wegen Spionage um jeden Preis verhindern.

Das Ausmass der deutschen Spionage auf Schweizer Boden, selbst die Existenz eines Agenten-Netzes, spielt der Marineoffizier herunter: «Ich selbst führe keine Vertrauensleute», sagt er laut Vernehmungsprotokoll, das diese Zeitung im Schweizerischen Bundesarchiv gefunden hat.

Ein Spion auf der Flucht?

Die Gegenstände, welche die Polizei in Meisners Wohnung an der Sulgeneckstrasse 36 in Bern beschlagnahmt, wecken bei den Schweizer Behörden Zweifel an den Aussagen des Deutschen. In einem abgeschlossenen und abholbereiten Koffer stossen die Beamten auf folgenden Inhalt: propagandistische Schriftstücke mit Titel wie «Das Reich und Europa», einen Brief des höchsten deutschen Geheimdienst-Chefs Admiral Wilhelm Canaris, eine Pistole des Typs Colt, zwei Magazine, 16 Schuss Munition, ein Verzeichnis mit 19 deutschen Mitarbeitern des «Büro F» und 31 000 Franken in bar. Diese Summe wäre heute knapp 362 000 Franken wert. Es sieht danach aus, als wolle Meisner belastendes Material hastig verschwinden lassen.

Tatsächlich ist die Spionagetätigkeit der Wehrmacht in der Schweiz umfangreicher als bisher angenommen. Das legen Dokumente des US-Geheimdienstes Office of Strategic Services (OSS) nahe, welche diese Zeitung ausgewertet hat. Die OSS-Nachfolgeorganisation Central Intelligence Agency (CIA) hat das 110-seitige Geheimpapier über die Spionageaktivitäten der Achsenmächte in der Schweiz freigegeben. Es ist uns so gelungen, das deutsche Spionagenetzwerk aus dem Jahr 1943 nachzubilden.

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Die wichtigsten Erkenntnisse der Amerikaner lauten: An 27 Orten sind mindestens 193 Agenten im Einsatz, davon mindestens 54 Schweizer. Die Abwehr selbst, so der verbreitete Name des deutschen Militärgeheimdienstes, beschäftigt in der Schweiz mindestens 57 Mitarbeiter. Die Dokumente halten detailliert fest, wie die deutsche Spionage in der Schweiz funktioniert: Aufgelistet sind Namen und Adressen von Abwehr-Kaderleuten und Spitzeln, Adressen von geheimen Treffpunkten, Namen von Kurieren und Namen von inhaftierten Agenten im Dienste Hitler-Deutschlands. Meisner, im Bericht konsequent falsch als «Meissner» aufgeführt, beurteilen die Amerikaner als einen der «effizientesten Abwehr-Offiziere». Ein Hauptmann von und zur Mühlen ist für den Bereich Spionage verantwortlich. Diese Abteilung verzichtet bewusst auf Sabotageakte in der Schweiz, da sich das Land neutral verhält.

Spionage gegen Alliierte

Aus Sicht der Schweiz und Deutschlands ist die Situation im Jahr 1943 eine besondere: «Die Spionagetätigkeit der Deutschen in der Schweiz richtet sich damals nur noch gegen die alliierten Kriegsgegner und nicht mehr gegen die Eidgenossenschaft», sagt der Zürcher Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer.

Noch von 1940 bis 1942 liess die deutsche Armee militärische Ziele der Schweiz akribisch ausspähen. «Die Wehrmacht kannte die Standorte unserer Armeebauten lückenlos», sagt Fuhrer. Er hat Anfang der 1980er-Jahre als erster zur deutschen Spionage während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz geforscht. Diese Zeitung hat Fuhrer die OSS-Dokumente vorgelegt.

Hintergrund der deutschen Zurückhaltung gegenüber der Schweiz ist, dass Abwehr-Chef Wilhelm Canaris im Jahr 1942 Spionage gegen das kleine Land explizit untersagt. «Canaris wollte sich die internationale und unversehrte Spionage-Drehscheibe Schweiz bewahren», sagt Fuhrer. Canaris’ Wahl hat gute Gründe: Nach der empfindlichen Niederlage in Stalingrad hat sich das Kriegsglück Deutschlands gewendet. Die ersten vollstreckten Todesurteile in der friedliebenden Schweiz gegen Spione schrecken den obersten deutschen Spion zusätzlich auf.

Im Fokus deutscher Spionage sind zu Beginn der 1940er-Jahre nach Einschätzung der Amerikaner die grossen Schweizer Städte Bern, Zürich, Basel, Genf, Lausanne und Lugano. In Bern in der Deutschen Gesandtschaft befindet sich die Schweizer Abwehr-Zentrale. Die Befehle kommen direkt aus der Abwehrstelle (Ast) Stuttgart, von wo aus der militärische Geheimdienst seine Hauptarbeit gegen westliche Länder verrichtet. In der Bundesstadt als Standort von ausländischen Botschaften haben es die Deutschen auf diplomatische Ziele abgesehen. Ein Beispiel ist der Fall Jakob Fürst: Der Schweizer Nazi-Sympathisant spioniert als Büroaushilfe den US-Militärattaché Barnwell Rhett Legge aus und stürzt damit die alliierten Geheimdienste in eine Krise.

In Zürich, Basel, Genf, Lausanne, Lugano und im deutschen Konstanz betreibt die Abwehr sogar Spionage-Stationen, die eigene Agenten-Netze führen. Selbst in abgelegenen Gebieten wie dem Puschlav hört das nationalsozialistische Deutschland mit.

Wirtschaftsspionage in Zürich

Kein Zufall ist, dass Zürich als Zentrum der Schweizer Industrie der Knotenpunkt von Wirtschaftsspionage ist. Die Deutschen erhalten ihre Informationen hauptsächlich aus der Schweizer Niederlassung der deutschen Firma Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) und aus dem Chefbüro der Deutschen Handelskammer. «Es ging für die Deutschen darum, den Güterfluss ans Reich und an die alliierten Kriegsgegner zu dokumentieren», sagt Fuhrer. «Aber auch um die Frage, wie sich Deutschland kriegswichtige Ressourcen aus der Schweiz sichern konnte.»

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Die Schweizer Spitzel, das zeigen die OSS-Dokumente eindrücklich, stammen aus allen Schichten der Gesellschaft. Es sind Geschäftsleute, Laborassistenten, Flugzeugmechaniker, Fotografen, Tabakladen-Betreiber, Universitätsprofessoren und Zeitungsredaktoren. «Grosse Fische fehlen auf der Liste», sagt Fuhrer zwar. Trotzdem wird ersichtlich, wie dicht das Netzwerk von Mitarbeitern und Spitzeln war, mit dem der militärische Geheimdienst des Reichs die Schweiz überzogen hatte.

Die Beweggründe, für den Feind zu spionieren, sind vielfältig. Sympathien für den Nationalsozialismus spielen eine gewichtige Rolle, wie der OSS-Bericht nahe legt. Fein säuberlich sind darin nazifreundliche Schweizer Organisationen und deren Schlüsselfiguren aufgelistet und beschrieben.

Idealismus ist auch eine Motivation. Deutsche Spione verstehen es geschickt, gutgläubige Schweizer für sich zu gewinnen: Weiteres Blutvergiessen in Europa könne verhindert werden, wenn Deutschland mit wichtigen Informationen versorgt werde. Sogar Unzufriedenheit und Frustration verleiten zu Hochverrat. Ein Schweizer Offizier bietet Meisner militärische Geheimnisse zum Reduit an. Im Gegenzug verlangt der Mann, in Deutschland ein neues Leben anfangen und im Dienste des Reichs kämpfen zu dürfen. Der Schweizer soll auf Druck seiner Eltern eine Frau heiraten, die er gar nicht liebt. Meisner lehnt dankend ab, denn: «Ein Verrat ist keine Anfangsmöglichkeit für ein neues Leben.»

Teure Spionageaktivitäten

Die Spionage in der Schweiz lässt sich die Abwehr viel kosten. Das monatliche Budget, inklusive Ausgaben für Gehälter, Büromaterial, Telefongebühren und Autos, beläuft sich gemäss Meisner auf mindest 60 105 Franken. Das entspräche heute knapp 751 000 Franken.

Auf eine Anklage gegen Meisner verzichtet die Schweiz. Der Bundesrat verfügt seine Ausweisung mit der Begründung, der Topspion gefährde die innere und äussere Sicherheit des Landes. Am 25. Mai 1945 reist der Agentenchef der Deutschen in Bern nach Deutschland aus. Dort verliert sich seine Spur. Weder in deutschen Militärarchiven noch im Schweizerischen Bundesarchiv lagern heute Personalakten oder Fotos von Meisner.

Es scheint, als habe sich der Marineoffizier unauffällig in die Nachkriegszeit eingefügt – ganz der Meisterspion, der er ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.12.2016, 07:07 Uhr

Historisches Dokument

Seit dem Jahr 2001 geben die US-Behörden unter dem «Nazi War Crimes Disclosure Act» die letzten Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs frei, die damals als geheim eingestuft worden waren und deshalb unter Verschluss gehalten wurden.
Es geht unter anderem um operative Akten im Umfang von 1,2 Millionen Seiten aus dem Office of Strategic Service (OSS), der Vorgängerorganisation des heutigen US-Auslandsgeheimdienstes Central Intelligence Agency (CIA).
Der 110-seitige Bericht «Axis Intelligence Activities in Switzerland» vom August 1943, den diese Zeitung erstmals vollständig ausgewertet hat, gehört zu diesen Akten. Das Papier dokumentiert detailliert die Spionagetätigkeit der Deutschen und der Italiener auf Schweizer Boden aus Sicht der Amerikaner.
Chef der US-Spionage in der amerikanischen Botschaft in Bern ist Anfang der 1940er-Jahre Allen Dulles, der später erster Direktor der CIA wird. Geschäftsmänner, Diplomaten, Flüchtlinge, Nazi-Gegner und Journalisten versorgen Dulles in der Schweiz mit wertvollen Informationen über den Feind.

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