Hier braucht es erst ab dem elften Tag ein Arztzeugnis

Kaum fehlt man einen Tag am Arbeitsplatz, gilt es zu beweisen, dass man wirklich krank ist. Eine Schweizer Versicherung geht neue Wege.

Der Arzt muss den Arbeitgeber nicht über die Art der festgestellten Erkrankung informieren.

Der Arzt muss den Arbeitgeber nicht über die Art der festgestellten Erkrankung informieren.

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Gregor Poletti@tamedia

Die rund 7300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Versicherung Bâloise müssen nicht mehr gleich zum Arzt rennen, um zu beweisen, dass sie auch wirklich krank sind. Der Konzern verlangt künftig erst ab dem elften Krankheitstag ein Arztzeugnis. Diese Ankündigung sei intern und extern auf sehr gute Resonanz gestossen, freut sich Mediensprecher Roberto Brunazzi: «Einerseits stärken wir mit dieser Massnahme das Vertrauen in unsere Mitarbeiter. Andererseits wollen wir damit einen Beitrag leisten, die Gesundheitskosten zu senken.»

Achim Elfering, Arbeitspsychologe an der Universität Bern, begrüsst diese Neuerung: «Wenn wir in der betrieblichen Gesundheitsförderung mit Erfolg das selbstgesteuerte Gesundheitsverhalten verbessern wollen, ist es ein Widerspruch, von mündigen Mitarbeitern bereits nach zwei oder drei Tagen ein Arztzeugnis einzuverlangen.»

Tatsächlich fehlen gesetzliche Regelungen dazu. Festgehalten sind die Bestimmungen über krankheitsbedingte Ausfälle meistens im Personalreglement oder im Arbeitsvertrag. Üblich ist die betriebliche Regelung, dass ein Arztzeugnis nach drei bis fünf Arbeitstagen einzureichen ist, betont Daniella Lützelschwab vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Es gibt aber immer noch zahlreiche Betriebe, welche bereits bei einem Tag Abwesenheit ein Arztzeugnis verlangen.

Hohe Gesundheitskosten

Der Druck, möglichst schnell wieder am Arbeitsplatz zu erscheinen, wird durch die Pflicht, schnell ein Arztzeugnis zu beschaffen, noch verstärkt. Mit teilweise verheerenden Folgen, weiss Elfering. Aus arbeitspsychologischer Sicht sei Präsentismus, also wenn man zur Arbeit geht, auch wenn man sich krank fühlt, problematisch: «Die reduzierte Arbeitsfähigkeit führt zu einer grösseren Fehleranfälligkeit, erhöht die Ansteckungsgefahr für andere Mitarbeiter, und die Arbeit kostet viel mehr Energie, an der es aber gerade fehlt und die eigentlich zur Genesung gebraucht würde.»

Elfering warnt vor höheren Gesundheitskosten, die sich langfristig daraus ergeben können: So kann eine nicht auskurierte Grippe etwa das Risiko einer schweren Bronchitis oder sogar einer Lungenentzündung erhöhen.

Tatsächlich schleppen sich immer mehr halb krank zur Arbeit. Gemäss einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz ging fast die Hälfte der Befragten im Jahr 2014 einmal mit einer nicht auskurierten Krankheit zurück an der Arbeitsplatz. Jeder Zehnte tat das sogar mehr als zehn Tage am Stück. Fast 187 Millionen Stunden fehlten Erwerbstätige in dieser Zeitperiode wegen Krankheit oder Unfall. Im Durchschnitt sind dies pro Arbeitnehmer 5,3 Tage.

Der Bund tändelt

Im gleichen Jahr kamen Experten des Forschungsinstituts für Arbeit und Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen zum Schluss, dass Präsentismus ein ernst zu nehmendes Phänomen für Volkswirtschaften darstellt. Neuere Studien zeigen, dass die Kosten aus Präsentismus für den Arbeitgeber jene unberechtigter Fehlzeiten um ein Mehrfaches übersteigen. Erhebungen, wie viel dies in Franken und Rappen ausmacht, gibt es nicht, doch die Schadenssumme dürfte in die Milliarden gehen.

Zumindest was die Kosten betrifft, die durch das Einholen eines Arztzeugnisses verursacht werden, sollte längst Klarheit herrschen. Im Herbst 2014 hat der Nationalrat einen entsprechenden parlamentarischen Vorstoss von Ruth Humbel (CVP) überwiesen. Seitdem ist jedoch nichts mehr passiert, sehr zum Ärger der Aargauer Gesundheitspolitikerin: «In der kommenden Frühlingssession werde ich hier nachhaken.»

Sorgfaltspflicht

Es müsste eigentlich im ureigensten Interesse eines modernen Arbeitgebers sein, mit einer kulanten Regelung die Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer zu honorieren, ist Gesundheitsexperte Felix Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis überzeugt. Er hofft wie Elfering darauf, dass das Beispiel von Bâloise Schule macht.

Lützelschwab vom Arbeitgeberverband begrüsst das Vorgehen der Versicherung. Diese Regelung sei Ausdruck des Vertrauens und der offenen Gesprächskultur, die offensichtlich in dieser Unternehmung gepflegt werde: «Insbesondere bei unproblematischen kurzen Krankheitsabsenzen erachten wir es als sinnvoll, dass nicht in jedem Fall ein Arztzeugnis eingefordert wird.» Einem Verzicht auf ein Attest bei längerer Abwesenheit steht Lützelschwab indes kritisch gegenüber. Damit könnten sich die Anforderungen an die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers erhöhen.

Das befürchtet auch Unia-Zentralsekretärin Corinne Schärer, wie sie im Regionaljournal Basel von SRF sagte: «Gleichzeitig müssen die Arbeitgeber auch ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen, sich für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter interessieren und allenfalls auch dazu anhalten, einen Arzt aufzusuchen.» Eine drei- bis fünftägige Frist ohne Arztzeugnis fände sie daher besser.

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