Help me!

«Zeitpunkt»-Redaktor Jürg Steiner wirft einen Blick auf den laufenden Wahlkampf.

Jürg Steiner@Guegi

Es war am letzten Samstagvormittag, als ich wunderbar tiefengereinigt aus der Yogastunde hinausschwebte in die Berner Altstadt. Auf meiner Brille verklärten Schweisstropfen die Sicht, aber nur so, dass ich elegant einen jugendlichen Unterschriftensammler umkurvte – und direkt in die Arme eines lehrbuchmässig motivierten SP-Knochenarbeiters marschierte, der mir ein Alexander-Tschäppät-Brillenreinigungstüchlein in die Hand drückte.

Hilfe! Ich atmete tief durch, putzte meine Brille, und schon erfasste mein glasklarer Blick Philippe Müller – der Namensvetter des Auto fahrenden nationalen FDP-Präsidenten ist Vorsitzender der Stadtberner Freisinnigen –, der, gewandt heranfahrenden Trams ausweichend, ohne Unterlass auf desinteressiert wartende Passagiere einredete. Gleichzeitig schlurfte eine Horde übermüdeter chinesischer Touristen vorbei, in himmlischem Frieden auf ihre Smartphones starrend, ohne die politischen Charmeattacken eines Blickes zu würdigen.

Ni hao, Switzerland! Das ist Wahlkampf im politischen Pluralismus! Raclette, Bratwürste, Saucissons, Luganighe, an jeder Ecke kann man sich direktdemokratisch verpflegen, landesweit stehen sich Tausende Freiwilliger selbstlos die Beine in den Bauch, und ich wette hier um mein verschwitztes Brillengestell, dass dieser Wahlkampf am 18.Oktober direkt im kollektiven politischen Burn-out endet. Einiges tragen auch die Schweizer Grünen dazu bei, die sich heute Freitag geschlagene 24 Stunden lang ununterbrochen auf Internetmedien wie Facebook, Twitter und Skype produzieren. Man kann sich über grüne Wirtschaft belehren lassen, mitten in der Nacht eine Hitparade grüner Evergreens reinziehen und den ganzen Tag Fragen stellen – mit garantiert porentief grünen Antworten.

Help me! Dabei kenne ich einen, einen Grünen notabene, der in meinen inoffiziellen Charts der unkonventionellsten Nationalratskandidaten derzeit die Nummer eins ist: Yahya Hassan Bajwa, als passionierter Motorradfahrer gerne in der Lederkluft unterwegs und vor ein paar Jahren der erste muslimische Grossrat im Kanton Aargau. Jetzt, in der heissesten Wahlkampfphase, ist Bajwa in Pakistan unterwegs, wo er seit Jahren trotz Bombendrohungen und juristischen Schikanen unbeugsam sein «Living Education»-Projekt für die Bildung junger Mädchen vorantreibt. Während sich Bajwa gerade der Realität eines oft gewalttätigen Systems aussetzt, lässt er seinen Schweizer Wahlkampf auf Facebook laufen, wo ein paar Jungs und Mädchen in Hip-Hop-Posen Selfies posten vor Bajwas Wahlplakaten.

Help me, Yahya!

juerg.steiner@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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