Economiesuisse-Präsident unter Druck

Heinz Karrer war angetreten, um das angekratzte Image des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse aufzupolieren. Doch nach der Niederlage mit der Unternehmenssteuerreform III steht er selber unter Beschuss.

Heinz Karrer ist überzeugt, mit Economiesuisse die richtige Richtung eingeschlagen zu haben.

Heinz Karrer ist überzeugt, mit Economiesuisse die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. Bild: Andreas Blatter

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Ulrich Giezendanners Stimme bebt. «Der Schlachtplan steht», sagt er. Der Aargauer SVP-Nationalrat und Transportunternehmer sucht nicht die diplomatische Wortwahl, sondern gibt wie eh und je Vollgas. Diesmal zielt er auf die Führungsriege des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse.

Sie sei im Abstimmungskampf zur Unternehmenssteuerreform III kaum in Erscheinung getreten und habe die für die Wirtschaft empfindliche Niederlage zu verantworten. Giezendanner fordert personelle Wechsel und eine Neuorganisation des Verbands.

Giezendanner betont zwar, dass er nicht eine persönliche Fehde führe, es gehe einzig um die Interessen der Wirtschaft. Einer, der den «Schlachtplan» trotzdem persönlich nehmen muss, ist Heinz Karrer. Er ist seit drei Jahren Präsident von Economiesuisse und somit verantwortlich für die Organisation des wichtigen Wirtschaftsverbands. Auch die Kampagne zur Unternehmenssteuerreform III hat er massgeblich beeinflusst.

Ein «Teflon-Manager»?

Vieles wurde über Karrer geschrieben. Ein Journalist bezeichnete ihn als «Teflon-Manager», an dem Niederlagen abperlen, als ob nichts gewesen wäre. «Schön wärs!», erwidert Karrer darauf im Gespräch. Tatsächlich wurden Entscheide des Topmanagers auch schon scharf kritisiert – ein Blatt bezeichnete Karrer gar als «Abwracker der Nation» (siehe auch Box).

Verschiedene Eigenschaften wurden ihm schon zugeschrieben, eine scheint unbestritten zu sein. Heinz Karrer braust nicht auf wie sein Kontrahent Ulrich Giezendanner. Er wirkt im Gegenteil umgänglich, freundlich und vermittelnd. Karrer schafft dies, ohne anbiedernd zu wirken. Er hört genau zu, ist bodenständig und argumentiert klar. Ein Blatt bezeichnete ihn auch schon als «unglaublich Netten», ein anderes als «Charmeur».

«Den Schritt in die Berufswelt habe ich nie bereut, dass ich das Studium nicht abgeschlossen habe, allerdings schon.»

Der 57-Jährige kann nicht nur nett sein, sondern auch ausdauernd. Während andere sich abends in den Fernsehsessel fallen lassen, macht er 100 Liegestütze. Hinzu kommen Klimm­züge und Sit-ups.

Als Handballer lernte er, seine physischen Grenzen auszuloten. Schon mit 17 Jahren spielte Karrer in der höchsten Liga, später auch in der Natio­nalmannschaft. Mit St. Otmar St. Gallen holte er zweimal den Schweizer-Meister-Titel, einmal davon als Mannschaftskapitän. Noch heute ist er überzeugt, seine Stärke vor allem als Teamplayer ausspielen zu können.

Verteidiger und Angreifer

Karrer spielte als Handballer im Rückraum links oder in der Mitte – er musste also sowohl verteidigen wie Tore schiessen können. Auch als Economiesuisse-Präsident versteht er es, rasch von der Defensive in die Offensive umzuschalten. Den Angriff Giezendanners pariert Karrer erst einmal mit dem Hinweis: «Da wir bei der Unternehmenssteuerreform III eine deutliche Niederlage erlitten haben, ist eine solche Kritik mehr als nur nachvollziehbar.»

Sogleich spielt er aber den Ball nach vorn: «Ich verstehe nicht, um was es Herrn Giezendanner geht, und warum er nicht zuerst das Gespräch mit uns gesucht hat.» Karrer vermutet, dass sein Kritiker nicht über alle Informationen verfügt. «Es war ein strategischer Entscheid der Kampagnenleitung, dass diesmal der Schweizerische Gewerbeverband – beziehungsweise die KMU – im Vordergrund stehen sollten.» Viele bringen Economiesuisse immer noch in Verbindung mit Grossbanken und der Pharmaindustrie. Die Kampagnenverantwortlichen gingen davon aus, mit dem Gewerbeverband als Aushängeschild mehr Stimmbürger überzeugen zu können.

Wie im Sport schaffte Karrer auch im Beruf früh grosse Karriereschritte. Nach einer kaufmännischen Lehre bei der Bankgesellschaft holte er die Matur nach und begann anschliessend an der Hochschule St. Gallen Wirtschaft zu studieren. Nach zwei Jahren holte ihn ein Kollege als Geschäftsführer zum Sportartikel-Lieferanten-Verband.

Karrer plante, das Studium später ab­zuschliessen. Doch stattdessen folgte Karrer weitere zwei Jahre später einem Angebot von Adolf Ogi und ging zum Sportartikelhändler Intersport, wo er nach Ogis Wahl in den Bundesrat Geschäftsführer wurde.

Während Handballerkollegen im Alter von 32 Jahren auf das Ende ihrer Sportlerkarriere zusteuerten, leitete Karrer bereits ein Unternehmen mit 200 Millionen Franken Umsatz. «Den Schritt in die ­Berufswelt habe ich nie bereut, dass ich das Studium nicht ab­geschlossen habe, allerdings schon», sagt er heute.

Ehrgeizig und zäh

Heinz Karrer hat klare Ziele, die er hartnäckig verfolgt. Eines davon war, alle 48 Viertausender der Schweiz zu erklimmen. Im vergangenen Jahr schaffte er mit dem Lauteraarhorn den letzten. So zäh mancher Aufstieg auch sein mag, zum Bergsteigen und Klettern muss sich Karrer nicht überwinden. Sofort gerät er ins Schwärmen und beschreibt wie ein einheimischer Bergführer ­zurückgelegte Routen. Als Kind ging er mit dem Vater zum Strahlen unter anderem ins Binntal.

Ursprünglich wollte er Geologie studieren – eine Idee, die Karrer wegen des langwierigen Studiums fallen liess. Ihn fasziniert die Natur. «Ich könnte stundenlang Berge anschauen», erzählt er. Die Touren fordern einen körperlich, was den früheren Leistungssportler motiviert. 10, 14 oder 17 Stunden unterwegs zu sein, hat für Karrer auch «etwas Meditatives». Stets in Bewegung, während man kaum ein Wort mit anderen wechselt. «Abends bin ich körperlich müde und fühle mich trotzdem komplett erholt.»

«Nach einer Tour bin ich müde, fühle mich aber trotzdem komplett erholt.»

Ein Ziel, das Karrer noch nicht erreicht hat, ist die Imagekorrektur bei Economiesuisse. Er wird nicht müde, zu betonen, dass die überwiegende Mehrheit der Mitglieder kleine und mittelgrosse Unternehmen seien. Dennoch haftet dem Verband immer noch der Ruf an, nur die Interessen von Pharma, Banken, von Managern mit Millionensalären zu vertreten.

Karrer war nach der herben Abstimmungsniederlage zur ­Abzockerinitiative im Jahr 2013 der Wunschkandidat fürs Präsidium, da ihm zugetraut wurde, mit seiner glaubwürdigen und bodenständigen Art das Verbandsimage aufzupolieren, interne Wogen zu glätten und eine Abspaltung der Uhrenbranche zu verhindern, was auch gelang. Als Axpo-Chef verdiente Karrer zwar auch ordentlich, er erreichte aber nicht Saläre in Höhe von mehreren Millionen. Statt seine Steuern mit einem Umzug in den Kanton Zug zu optimieren, blieb er dem vergleichsweise kostspieligen Münsingen treu.

Economiesuisse aufspalten?

Der zweite Teil von Giezendanners Schlachtplan zielt auf einen Punkt, den selbst Karrer als pro­blematisch einräumt. Giezendanner will Economiesuisse wie früher wieder in zwei Organi­sationen aufspalten: Eine kümmert sich um das politische ­Lobbying, die andere ist für Abstimmungskampagnen verantwortlich. Karrer kann nach ­seiner Einschätzung nicht gleichzeitig beide Funktionen glaubwürdig vertreten.

Economiesuisse prüft dies nach der Abstimmungsniederlage, doch Karrer scheint kein Freund einer Spaltung zu sein. «Wir haben diese beiden Aufgaben schon vor zwei Jahren intern getrennt», sagt er und unterstreicht das mit entschlossener Geste. Bei einer vollständigen Trennung würde der Austausch von Expertenwissen erschwert und die Kosten erhöht.

«Es war ein strategischer Entscheid, dass bei der Unternehmenssteuer- reform der  Gewerbeverband im Vordergrund stehen sollte.»

Neben der Frage nach den richtigen Köpfen und der Organisation von Economiesuisse gibt es ein tiefer liegendes Problem, das auch die Kritiker kennen: Die Stimmbevölkerung folgt der Wirtschaft bei Abstimmungen wie der Unternehmenssteuerreform III nicht mehr blind.

Wenn die Wirtschaftselite das Vertrauen zurückgewinnen will, muss sie ehrlich informieren, ohne kritische Aspekte auszublenden. Der Teamplayer Heinz Karrer kann das im persönlichen Gespräch und sollte es vielleicht als Economiesuisse-Präsident öfter tun. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.03.2017, 11:44 Uhr

Ein Manager für alle Branchen

Als Spitzenmanager war Heinz Karrer in verschiedenen Branchen tätig, unter anderem beim Sportartikelverkäufer Intersport, beim Medienunternehmen ­Ringier, bei Swisscom, bei der Stromproduzentin Axpo und beim Reiseveranstalter Kuoni. Kritisch kommentiert wurde zum Beispiel, dass er bei der Axpo als Kapitän das sinkende Schiff verlassen und später das Kerngeschäft von Kuoni zu billig verkauft habe.

Karrer hält dagegen und argumentiert nachvollziehbar, dass der Strompreis schon während seiner Zeit als Axpo-Chef über 60 Prozent gefallen ist. Die umstrittene Milliardeninvestition in das Pumpspeicherkraftwerk Limmern hält er aufgrund der 80-jährigen Konzession auch heute noch für richtig: «Niemand weiss, wie sich die Strompreise in zehn Jahren entwickeln, über eine derart lange Zeit wird sich diese Investition sicher auszahlen.» Auf Kuoni angesprochen räumt Karrer ein, dass das Reiseveranstaltergeschäft zwei Jahre früher – «als das Geschäft in Skandinavien noch lief» – zum doppelten Preis hätte verkauft werden können.

Doch die Dynamik im Reise­geschäft sei kaum abschätzbar gewesen. Am Ende sei in einem Bieterwettbewerb auf der Suche nach dem besten Eigentümer ein aus Sicht der Aktionäre ­erfreulich hoher Preis erzielt worden.

Parlamentarier über Heinz Karrer: «Ein glänzender Kommunikator»

Als Verbandspräsident ist es vermutlich ähnlich wie bei einem Fussballtrainer: Viele Interessierte wissen, was man besser machen müsste. Gespräche mit ausgewählten Bundesparlamentariern erwecken den Eindruck, dass SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner mit seiner Forderung nach personellen Konsequenzen beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse jedoch klar in der Minderheit ist. «Ein Rücktritt würde kein einziges Problem lösen», sagt ein bürgerlicher Wirtschaftspolitiker, der nicht genannt werden will. Das Problem bei Economiesuisse sei vielmehr die heterogene Zusammensetzung der Mitglieder.

Da sei es schwierig, eine einheitliche Positionierung hinzubekommen. Präsident Heinz Karrer sei ein glänzender Kommunikator, der nicht polarisiere. Doch weitere kritische Stimmen gibt es durchaus: «Heinz Karrer ist sehr umgänglich, er kennt aber die politischen Mechanismen zu wenig und ist auch nicht bestrebt, sie besser kennen zu lernen», sagt Unia-Gewerkschafter und SP-Nationalrat Corrado Pardini (BE). Er spielt dabei unter anderem auf die Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern an. «Der Sozialpartnerschaft misst Heinz Karrer keine Bedeutung bei.»

Das sei mit ein Grund dafür, dass der Ständerat Economiesuisse bei der AHV-Reform im Regen stehen gelassen habe und Heinz Karrer und seine Organisation schon mehrere Male im Offside gestanden seien. Bei wichtigen wirtschafts- oder sozialpolitischen Vorlagen sollten die Arbeitgeber und Arbeitnehmer vor dem parlamentarischen Prozess die Eckwerte aushandeln und gemeinsam festlegen. So liessen sich böse Überraschungen vermeiden und Mehrheiten gewinnen, sagt Pardini.

Bitte häufiger dirigieren

Der Wirtschaftspolitiker und CVP-Nationalrat Leo Müller (LU) distanziert sich von Giezendanners Forderungen und lobt gleichzeitig die umgängliche Art des amtierenden Economiesuisse-Präsidenten. Doch in einen Lobgesang will auch Müller nicht einstimmen. Er wünscht sich von Economiesuisse und dessen Präsidenten mehr Biss. «Manchmal vermisse ich den unbändigen Willen, eigenen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen – Heinz Karrer dürfte den Dirigentenstab häufiger fester in die Hand nehmen», sagt Müller.

Er verweist auf andere Or­ganisationen wie etwa den Bauernverband, der einmal gefasste Vorsätze hartnäckig verfolgt.

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