Hedy Graber: «Kultur ist mein Grundnahrungsmittel»

Das Kulturprozent der Migros feiert sein 60-jähriges Bestehen. Hedy Graber, Direktorin Kultur und Soziales beim Genossenschafts-Bund, im Interview. Sie erzählt, wofür das Geld eingesetzt wird.

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Frau Graber, in Ihrem Job können Sie nichts falsch machen. Sie verteilen Geld wie eine gute Fee und werden deshalb von niemandem angefeindet.Hedy Graber: Im Gegenteil: Wir investieren die uns zur Verfügung stehenden Mittel nach klaren Kriterien – die auf unserer Website öffentlich einsehbar sind. Natürlich gibt es aber immer wieder Absagen an Projekte, was zu Enttäuschungen bei den Gesuchstellern führt.

120 Millionen Franken betrug das Budget des Kulturprozents 2015. Die Hälfte fliesst in Angebote wie die Klubschulen oder die Sprachschulen Eurocentres. Rund 40 Millionen gehen an Kultur und Gesellschaft. Was machen Sie damit genau?Das Migros-Kulturprozent ist der kulturellen Vielfalt und der sozialen Nachhaltigkeit verpflichtet. Wir müssen das Thema nicht in strategischen Papieren aufarbeiten – es ist in der Struktur des Unternehmens angelegt. Denken Sie nur an die Migros-Mitarbeitenden aus 150 verschiedenen Nationen, und das war schon zu einem frühen Zeitpunkt so. Die Angebote des Kulturprozents sind regional sehr vielfältig. Meine Aufgabe besteht unter anderem darin, Impulse zu setzen. Wir fördern zum Beispiel junge Künstler schon zu Beginn ihrer Karriere oder gehen Themen an, bevor diese mehrheitsfähig sind.

«Wenn Sie zum Beispiel eine App hätten und ich wäre eine ältere Person, die nicht aus dem Haus kann, könnte ich Ihnen schreiben, was Sie mir aus der Migros mitbringen könnten.»

Im sozialen Bereich liegen die Schwerpunkte bei Themen wie Arbeit, Generationen, Gesundheit und Integration. Wo erwarten Sie in den nächsten Jahren die wichtigsten Projekte?Beim Zusammenspiel von Globalisierung und lokalem Handeln vor Ort. Wir wollen auf zivil­gesellschaftliches Engagement setzen, um soziale Kohäsion zu fördern – auch mithilfe der sozialen Medien. Wenn Sie zum Beispiel eine App hätten und ich wäre eine ältere Person, die nicht aus dem Haus kann, könnte ich Ihnen schreiben, was Sie mir aus der Migros mitbringen könnten. Diese Gemeinschaft vor Ort, in der Nachbarschaft, hat es immer gegeben, wird es immer brauchen – und in Zukunft wird dieses Grundvertrauen in die lokale Umgebung sogar noch wichtiger.

Können Sie dazu konkrete Beispiele nennen?Ein Projekt, welches die Solidarität vor Ort fördert, ist die Generationenakademie, wo wir Fachleute und Freiwillige vernetzen. Wir schulen, worauf es in der Praxis ankommt, um Projekte zu realisieren, die auf eine bereichernde Generationenperspektive setzen. Wir unterstützen auch politische Gemeinden in moderierten Workshops, den Zukunftskafis, wenn sie darüber diskutieren wollen, wie alle Altersgruppen die Zukunft gemeinsam gestalten können.

Sie wollen also mehr Orte schaffen, wo Menschen zusammenkommen und sich helfen.Für mich ist es eine ganz zentrale Frage, was morgen die Grund­lagen für zivilgesellschaftliches Handeln sein werden und wie wir auch in Zukunft soziale Innovationen vor Ort fördern ­können. Wir beobachten Vereinzelung, Individualisierung mit positiven sowie negativen Effekten und eine Zersplitterung der Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur um Arm oder Reich, auch der Mittelstand bekommt auf einmal Angst und wählt rechtskonservativ. In der Schweiz sind wir noch etwas geschützt, aber die Themen sind da. Ich frage mich zum Beispiel, wie wir das «vierte Alter» erleben wollen: Vielleicht möchten wir nicht mehr im Altersheim wohnen, sondern in­tergenerationell. Und eventuell brauchen wir einen Roboter, der uns im Alltag hilft.

«Wir beobachten Vereinzelung, Individualisierung mit positiven sowie negativen Effekten und eine Zersplit­terung der Gesellschaft.»

Wie eng arbeiten Sie mit dem Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rüschlikon zusammen, um solche Trends zu erkennen?Das GDI ist eine eigenständige Stiftung, mit der wir punktuell für Studien zusammenarbeiten. Wir lassen uns auch von ihren ­Tagungsthemen inspirieren.

Wenn Sie von Freiwilligenarbeit sprechen, beobachte ich, dass sich Junge international in der Flüchtlingsarbeit engagieren oder in der Entwicklungshilfe. Dabei gäbe es humanitäre Aufgaben auch vor der Haustür.Die Schweiz ist eben nicht sexy. Ich will es nicht mindern, aber da gibt es auch eine Bootcamp-Abenteuerlogik. Viele Leute wollen konkret vor Ort etwas tun, dort, wo die grossen humanitären Krisen stattfinden und wo diese durch die Medien gezeigt werden. Ich beobachte aber, dass es auch bei uns zahlreiche Projekte gibt, die durchaus einen weltverbessernden Anspruch haben. Beim Förderfonds Engagement Migros unterstützen wir unter anderem Start-ups. Da gab es ein Projekt gegen Food-Waste, bei dem Früchte in Pulver umgewandelt werden, wenn sie nicht mehr verkauft werden können. Das Pulver eignet sich dann noch lange etwa als Zutat beim Backen. Aber viele dieser Projekte sind unspektakulär. Damit ist man nicht dort, wo die Medien sind.

Das gilt auch für das Projekt Tavolata für gemeinschaftliches Kochen in der Nachbarschaft.Ja. Und sobald jemand dazukommt wie Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die auf einer Medienkonferenz auftritt und über von uns geförderte Projekte spricht, dann berichten auch die nationalen Medien darüber. Aber es braucht erst jemand Bekanntes, der es thematisiert.

Kann man die Ausrichtung der Migrations- und Integrationsprojekte auch politisch lesen – im Sinne des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler? Konkret: Würde er heute SVP-Initiativen bekämpfen?Ich finde es wahnsinnig interessant, wie der Dutti-Geist in der Migros immer noch präsent ist. Er und seine Frau haben ja die 15 Thesen geschrieben. Sie sind in einer 50er-Jahre-Sprache verfasst, zum Beispiel sagt er: «Das Frauenherz ist der sicherste Aufbewahrungsort für unser Ideengut – Männer in der Leitung sind die sichersten Ausführenden und Organisatoren.» Die These 10 lautet: «Das Allgemeininteresse muss höher gestellt werden als das Migros-Genossenschafts-Interesse.» Damit ist schon die soziale Teilhabe gemeint. Dass davon die zugewanderte Bevölkerung nicht ausgenommen sein kann, steht ausser Diskussion.

Die Themen Migration und Integration werden bereits vom Staat bedient. Warum muss die Migros da auch mitspielen, etwa mit Contakt-net.ch, das online Informationen für Migranten zur Verfügung stellt?Die öffentliche Hand leistet viel, und wir können mit unserer Arbeit zusätzliche Unterstützung bieten. Contakt-net.ch bietet den Gemeinden Modellwebsites mit Textmodulen an, die sie selber abfüllen können. Darin geht es um Kinderbetreuung, Arbeits- oder Wohnungssuche. Auch hier schaffen wir regionale Netzwerke, die zum Beispiel Treffpunkte am Nachmittag anbieten. Wir haben diese aufwendige inhaltliche Vorarbeit geleistet – und zahlreiche Gemeinden und Städte haben sie mittlerweile übernommen.

«Unser Auftrag ist in erster Linie, etwas zu entwickeln, das die Gesellschaft weiterbringt.»

Solche Bedürfnisse werden oft höher gewichtet als die Förderung von Hochkultur, die die ­Migros auch betreibt. Braucht es in Zeiten, in denen die sozialen Gräben wachsen, Migros-Klassikkonzerte in etablierten Hallen?Die Klubhaus-Konzerte wurden 1948 noch von Duttweiler selbst gegründet; er holte zum Beispiel Maria Callas nach Basel, wo sie ihr einziges Schweizer Konzert gab. Heute sind es die Migros-Kulturprozent-Classics, eine Konzertreihe mit qualitativ hochstehenden Konzerten zu moderaten Preisen in den namhaften Konzertsälen der Schweiz – wie es zur Migros passt! Durch den Solisten, den Komponisten oder das Orchester ist ein Schweizer Bezug gegeben. Das ist Tradition – in die Zukunft übertragen.

Sie machen Ihre Arbeit auch, um die Migros in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Können Sie dahinterstehen?Das Kulturprozent leistet sicher einen wichtigen Beitrag zur Beliebtheit der Migros. Doch unser Auftrag ist in erster Linie, etwas zu entwickeln, das die Gesellschaft weiterbringt.

Der Förderfonds Engagement Migros wurde 2012 ins Leben gerufen und ist ebenfalls in Ihrer Direktion angesiedelt.Mit dem Kulturprozent reagieren wir auf Gesuche und realisieren eigene Projekte. Der Förderfonds arbeitet nach der Formel «Wir fördern Pioniere im gesellschaftlichen Wandel». Es geht darum, Projekte und Initiativen zu unterstützen, die einen Anschub brauchen. Wir scouten die Projekte und haben derzeit sechzig am Start, mit einem Jahresbudget von 10 Millionen Franken. Es geht um Mobilität, Ernährung, Kreativwirtschaft, das Museumspublikum und die digitale Transformation.

Wer legt die Grenzen der Förderung fest, etwa wenn ein Projekt nicht mehr zur Migros passt?Wir fragen zuerst nach der Wirkung: Was muss das Projekt in drei bis fünf Jahren in der Gesellschaft verändert haben? Wir haben dazu eine Wirkungsmatrix entwickelt, mit der wir die ­definierten Ziele messen. Auch unsere Verträge sind lernfähig, denn wir investieren in Projekte, die teilweise noch sehr offen sind.

M4music, das jährliche Popmusikfestival des Migros-Kulturprozents, feiert die 20. Ausgabe. Was wird in diesem Jahr besonders sein?M4music ist 1998 als Festival für kleine Clubs gestartet und ist heute der nationale Branchentreffpunkt. Am Nachmittag gibt es im Zürcher Schiffbau Gratiskonferenzen für Interessierte zu den neuesten Entwicklungen in der Musikbranche. Beliebt ist die Demotape-Clinic – der Nachwuchswettbewerb in der Popmusik zur professionellen Bewertung von Bandaufnahmen. In ­diesem Jahr hatten wir rund 750 Einsendungen. Der Auftakt findet bei Couleur 3 in Lausanne statt, die den ganzen Abend live Konzerte sendet, die bei ihr in den Radiostudios stattfinden.

«Bei uns gibt es die Sparte neue Medien seit 1998, damals spekulierte man über die Abschaffung des World Wide Web.»

Sie sind Mitherausgeberin eines Buchs über Popkultur. Als Geldgeberin sind Sie doch befangen – weil Sie sich als Co-Autorin einer bestimmten Kunstsparte besonders zugewandt geben.Wir haben das Buch als eigenes Projekt lanciert, weil wir damit sagen wollen: Popkultur ist uns wichtig, deshalb bin ich daran beteiligt. Das haben wir auch beim 2012 erschienenen Buch «Kultur digital» so gemacht; Digitalisierung als übergeordnetes Thema ist uns wichtig. Bei uns gibt es die Sparte neue Medien seit 1998, damals spekulierte man über die Abschaffung des World Wide Web.

Das Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich kauft und zeigt zeitgenössische Kunst. Duttweiler hatte 1950 angefangen, die Sammlung aufzubauen. Wie wichtig war ihm die Kunst?Duttweiler hat Kunst gesammelt, wie man das früher gemacht hat, mit einem befreundeten Künstler als Berater. Für ihn war sie Büroschmuck. Als ich 2004 in der Migros anfing, habe ich alle zehn Genossenschaften besucht und fast überall noch ein Porträt von Duttweiler in Öl oder Bronze gesehen. Früher liess man sich ja porträtieren, oft, um einem hungernden Künstler einen Auftrag zu geben. Wir haben auch noch ein Hodler-Werk aus dieser Zeit.

In welcher Beziehung stehen diese Werke zu den heutigen ­Erwerbungen?Ab 1976 hat man die Sammlung professionalisiert. Als das Löwenbräu-Areal in Zürich als Kulturstandort entstanden ist, hat man sich entschlossen, dort ein Museum ins Leben zu rufen. Wir haben einen roten Faden ent­wickelt, indem wir in die inter­nationale Kunstproduktion investieren und mit den Künstlern eng zusammenarbeiten. Unsere Sammlung umfasst mittlerweile 1400 Werke.

Wie stark fliesst Ihr persönlicher Geschmack in die Künstlerför­derung ein? Schliesslich waren Sie Kuratorin in der Kunsthalle Palazzo in Liestal sowie Direktorin der Abteilung für moderne Kunst bei der Galerie Fischer Auktionen Luzern.Mir ist besonders wichtig – wie ich es bei M4music oder den Mi­gros-Kulturprozent-Classics beschrieben habe –, die roten Fäden zu spinnen, mit unseren Intendanten. Denn was bei uns speziell ist und was ich sehr schätze, ist, dass wir künstlerische Intendanzen haben, die ihre eigene Handschrift einbringen können. Das finde ich als private Förderin wichtig.

Sie sind auch Präsidentin des Forums Kultur und Ökonomie. Was macht dieser Verein?Das ist ein Zusammenschluss der öffentlichen und der privaten Kulturfinanzierer in der Schweiz. Man wollte sich gegenseitig kennen lernen und Synergien stiften; das war vor sechzehn Jahren. Die Hauptaufgabe besteht darin, einmal im Jahr eine themenspezifische Tagung für etwa 120 Kulturfinanzierer zu organisieren. Das Thema der diesjährigen Tagung lautet «Kooperationen – von Mitteln und Zwecken».

«Kultur ist mein Grundnahrungsmittel.»Source

Wann sind Sie selbst der Kultur schon einmal überdrüssig gewesen?Das ist mir bis jetzt noch nie passiert; Kultur ist mein Grundnahrungsmittel. Aber ich schätze es durchaus, ab und zu stundenlang spazieren zu gehen – am liebsten das Meer entlang.

Sie sind jetzt 56 Jahre alt und leiten seit dreizehn Jahren die Direktion Kultur und Soziales. Ist das ein Job, den Sie bis zur Pensionierung machen möchten?Das ist eine Frage, die man sich immer stellen kann. Bis jetzt hatte ich immer Jobs, in denen ich sieben Jahre geblieben bin. Beim Migros-Kulturprozent habe ich mir eine «Verlängerung» gegeben, weil der Job sich inhaltlich ständig verändert hat. Das ist ein grosses Privileg. Heute weiss ich, dass ich auch weiterhin etwas Nützliches für die Gesellschaft machen will, wenn ich eines Tages pensioniert werde.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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