«Heartbreak Hotel»

Eines werde ich nie mehr tun: Schweizer Politikerinnen und Politikern fehlendes Herzblut vorwerfen. Nicht nach diesem Wahlkampf,...

Jürg Steiner@Guegi

...in dem ich reihenweise Leute sehe, die sich an spätabendlichen Apéros, herrgottsfrühen Gipfeliverteil-Events oder mörderisch langen Standaktionen für ihre Partei oder für ihre eigene Karriere mit einem Furor zerreissen, als fürchteten sie weder Tod noch Teufel – die dem einen oder anderen allerdings bedrohlich nahekommen.

Dem exzentrischen grünen Tessiner Sergio Savoia etwa. Er beförderte seine Partei vom Nonvaleur zum politischen Faktor im autofreundlichen Südkanton – unter anderem, indem er als linker Befürworter der SVP-Masseneinwanderungsinitiative landesweit Erregung generierte. Vor drei Tagen schmiss Savoia unangekündigt und per sofort sein Amt als Chef der Tessiner Grünen, und seine parteiinternen Gegnerinnen straften das umgehend als egomanische PR-Aktion des eloquenten Provokateurs ab. Tags darauf liess Savoia seine Twitter-Follower live teilhaben an seinem Termin beim Arzt, der einen mittelschweren Herzklappenfehler diagnostizierte und eine baldige Operation verordnete.

Va benissimo! Für Savoia ist das natürlich kein Grund, den persönlichen Ständeratswahlkampf auszusetzen, den er unter anderem gegen den auch kardiovaskulär mit allen Wassern gewaschenen Filippo Lombardi (CVP, Herzinfarkt 2005) führt, zumal ihm die vertwitterte Herzschwäche wohl noch Sympathiestimmen zuführt. Er reiht sich ein in eine prominente Reihe herzinsuffizienter Wahlkämpfer, so etwa Hans Grunder (BDP, Schlaganfälle 2014 und 2015), Martin Bäumle (GLP, Herzinfarkt 2014) oder Alfred Heer (SVP, Herzoperation 2012).

Man kann jetzt spotten darüber, dass Männer mit akuter Herzschwäche im neuen Parlament möglicherweise Fraktionsstärke erreichen. Ich würde das nie tun: Wenn wir schon als Gesellschaft unsere Leistungsbereitschaft, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit mit Herzschrittmachern, Blutdrucksenkern, Stents und Betablockern befeuern, sind wir nur von Politikern adäquat vertreten, für die ein schwaches Herz kein Grund ist, auf die Bremse zu stehen.

Und was noch dazukommt: Jedes Herz kann leiden oder sogar brechen, wenn man es der Politik verschenkt. Bald verraucht die warme, unverbindliche Aufregung des Wahlkampfs, und viele Gewählte finden sich wieder in der Einsamkeit ihrer Ämter, beim kleinsten Fehler gnadenloser Kritik ausgesetzt. Schnell wird das Bundeshaus zum «Heartbreak Hotel», in dem sie «so einsam sind, dass sie sterben könnten», wie Elvis Presley sang.

Berner Zeitung

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