Haushaltsgutscheine für Luzerner Senioren

Wer nicht mehr selbst putzen oder einkaufen kann, soll in der Stadt Luzern mit Gutscheinen unterstützt werden. Die Idee führt bereits zu einem Machtgerangel.

Luzerns Sozialdirektor möchte, dass sich die Spitex auf Pflege und Beratung konzentriert.

Luzerns Sozialdirektor möchte, dass sich die Spitex auf Pflege und Beratung konzentriert.

(Bild: Keystone Gaëtan Bally)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Luzern gehört zu den «ältesten» Städten der Schweiz. Das stellt nicht nur die Pflege- und Altersheime vor Herausforderungen, sondern auch die Finanzierung der Unterstützung zu Hause, denn die Hälfte der 90-jährigen Luzerner wohnt noch in den eigenen vier Wänden. Wie die NZZberichtet, hat der Luzerner Sozialdirektor Martin Merki (FDP) angesichts dieser Entwicklung einen neuen Vorschlag präsentiert; Gutscheine für Unterstützung beim Einkaufen, Putzen oder anderen Arbeiten und damit die Möglichkeit für ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter.

Finanziert werden sollen die Gutscheine, indem die vorhandenen finanziellen Ressourcen «optimal eingesetzt» werden, wie Martin Merki sagt. «Senioren, die länger selbstständig sind, ziehen später ins Altersheim als andere. So wird in den Heimen Geld gespart, das für Dienstleistungen im Rahmen des Gutscheinsystems eingesetzt werden kann.» Heute werden viele dieser Haushaltsarbeiten vom Pflegepersonal der Spitex erledigt, obwohl die Arbeiten laut Merki auch von anderen Anbietern übernommen werden könnten. Fällt dieser Bereich bei der Spitex weg, seien Mittel frei, um die Gutscheine mit Pauschalen zu finanzieren. Er geht er davon aus, dass bei einem Wettbewerb unter privaten Unternehmen die Preise sinken würden.

Laut Merki sollen Senioren so lange wie möglich und so selbstständig wie möglich zu Hause leben können. «Wenn Frau Meier noch gerne einkaufen geht, die Taschen aber nicht selbst nach Hause tragen kann, dann braucht sie jemanden, der das Tragen übernimmt», sagt Merki. «Nimmt man Frau Meier aber den kompletten Einkauf ab, verliert sie Selbstständigkeit und wichtige soziale Kontakte.»

Die Spitex soll im neuen System eine andere Rolle einnehmen als bisher. Sie bleibt verantwortlich für die gesundheitliche Pflege, könnte laut Merki aber zudem auch zu jener Instanz werden, die darüber entscheidet, wer welche Gutscheine erhält. «Sie könnte eine Art Beraterrolle einnehmen, indem sie zum Beispiel mit der betreuten Person bespricht, wo sie Hilfe braucht, welche Anschaffung Sinn macht, wie viel sie noch selbst erledigen kann und möchte. In der konkreten Situation übernimmt dann aber nicht mehr die Spitex, sondern ein anderes Unternehmen zum Beispiel den Wäscheservice.»

«Es braucht bezahlbare Angebote»

Brigitta Bhend ist Geschäftsführerin der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter in Zürich und bestätigt, dass bei der Unterstützung im Haushalt Handlungsbedarf besteht. In Zürich koste eine Stunde Hausarbeit durch die Spitex 31 Franken für jemanden, der pro Jahr bis 40'000 Franken verdient. «Da kommt schnell ein rechter Betrag zusammen.» Zudem sei es wichtig, dass auch die Angehörigen entlastet würden, die manchmal für die Pflege ihrer Verwandten ihr Arbeitspensum und damit auch ihren reduzierten.

Sozialdirektor Martin Merki ist überzeugt, dass das vorhandene Geld und die Ressourcen der Spitex mit dem Gutscheinsystem richtig eingesetzt werden würden. «Die Stadt und die Spitex müssten natürlich regelmässige Qualitätskontrollen bei den privaten Anbietern durchführen», sagt er auf die Frage, ob Wettbewerb und Preisdruck dazu führen könnten, dass sich die Qualität der Angebote und der Arbeit verschlechtere. Die Stadt Luzern hat bereits Erfahrung mit Betreuungsgutscheinen: Seit 2013 erhalten Eltern je nach Einkommen und Vermögen Gutscheine, die sie bei einer Krippe oder einem Hort ihrer Wahl einlösen können.

Pro Senectute kritisiert die Rolle der Spitex

Bei der Pro Senectute Schweiz ist man vom Vorschlag aus Luzern nicht nur begeistert. «Grundsätzlich braucht es neue und flexible Ideen für die Betreuung im Alter», sagt Sprecher Peter Burri Follath. Man würde es aber bedauern, wenn sich das System in Luzern derart auf die Spitex beschränken würde, sprich, wenn sie die Hoheit darüber hätte, wem welche Gutscheine zustehen. «Die Spitex fokussiert auf die Pflege. Bei den Gutscheinen ginge es aber um jene Unterstützung, die nichts mit Pflege zu tun hat», sagt Burri. «Die Pro Senectute ist mit 130 Beratungsstellen schweizweit auch sehr nah an den Bedürfnissen der älteren Bevölkerung dran. Auch an jenen, die noch keine Pflege, aber trotzdem Unterstützung im Haushalt oder Beratung brauchen. Diese Senioren sind nach wie vor in der überwiegenden Mehrheit.»

Noch ist vieles offen beim neuartigen Unterstützungskonzept. Klar ist, dass vermögende Senioren keine Gutscheine erhalten sollen. Aber wer gilt als vermögend und wie soll man im neuen Sytem Ergänzungsleistungen und andere Zuschüsse abrechnen? Die Stadt Luzern hat das Beratungsunternehmen Interface Politikstudien damit beauftragt, diese Fragen zu untersuchen und abzuklären, wer zur Zielgruppe gehört. Die Resultate werden im Mai 2016 vorliegen. Um die Studie zu finanzieren und ein Pilotprojekt durchzuführen, braucht Luzern 120'000 Franken. Die Hälfte davon soll vom Bund kommen. Martin Merki wird beim Bundesamt für Sozialversicherung ein Gesuch einreichen. Bereits sind andere Städte auf die Idee aufmerksam geworden: Nicolas Galladé (SP), Vorsteher des Sozialdepartements Winterthur, hat Merki seine Unterstützung für das Gesuch zugesagt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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