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«Manche werden so oft Opfer von Gewalt, dass sie kapitulieren»

Die Polizei soll Delikte gegen Lesben und Schwule entschlossener aufklären, fordert das Transgender Network Switzerland.

Jedes Jahr werden viele Menschen körperlich angegriffen – weil sie schwul, lesbisch oder ein Transmensch sind.
Jedes Jahr werden viele Menschen körperlich angegriffen – weil sie schwul, lesbisch oder ein Transmensch sind.
Keystone

Organisationen, die Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen vertreten, haben innert eines Jahres 95 Hassverbrechen gegen Personen dieser Gruppen registriert, wie sie heute vor den Medien sagten. Das scheint nicht viel.

Das sind zwei pro Woche. Aber das sind nur jene, die tatsächlich gemeldet worden sind. Wir gehen davon aus, dass nur ein kleiner Teil aller Vorfälle gemeldet wird, die Dunkelziffer aber weit höher liegt. Das lassen auch Zahlen aus anderen europäischen Ländern vermuten. Unsere Erhebung zeigt: Hassverbrechen gegen Lesben, Schwule und Transmenschen sind ein Problem. Das lässt sich nicht negieren, wie es die Politik tut.

Tut sie das?

Der Bundesrat und die Kantone haben es abgelehnt, Hassverbrechen gegen Lesben, Schwule und Transleute überhaupt zu registrieren. Aber wenn sie nicht registriert werden, werden sie auch nicht sichtbar und die Behörden sehen sich nicht bemüssigt, dagegen vorzugehen und die Betroffenen zu unterstützen. Wir fordern deshalb, dass sie diese Art von Delikten zumindest erheben. Dieses Anliegen hat BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti mittels einer Motion bereits in den politischen Prozess eingebracht.

Weshalb wird die Dunkelziffer so hoch eingeschätzt?

Manche, vor allem Transmenschen, werden im Alltag so oft Opfer von Anfeindungen und Gewalt, dass sie kapitulieren. Sie integrieren sie sozusagen in ihren Alltag und reden nicht darüber. Sonst müssten sie dauernd auf den Polizeiposten gehen. Viele, die bei der Polizei Anzeige erstatten, machen auch negative Erfahrungen. Deshalb sagen sich manche: Ich erspare mir das. So haben auch nur 18 von den 95 Personen, die bei uns einen Vorfall gemeldet haben, gleichzeitig auch bei der Polizei Anzeige erstattet. 11 von ihnen gaben an, dass die Polizei nicht sachlich reagiert hat. Sie fühlten sich nicht ernst genommen als Opfer einer spezifischen Gewalt.

Wissen Sie von konkreten Fällen?

Aus Beratungsgesprächen schliesse ich, dass Transmenschen, die beispielsweise Sexarbeit machen oder Menschen, die nicht von weisser Hautfarbe sind, besonders oft Opfer von Hassdelikten und Diskriminierung werden. Gerade diese Gruppen erleben die Polizei aber oft mehr als Bedrohung denn als Unterstützung. Das kann sie davon abhalten, einen Vorfall zu melden.

Sie haben 95 Vorfälle registriert. Was ist den Betroffenen konkret widerfahren?

Bei einem Grossteil der Fälle geht es um Beleidigungen und Beschimpfungen. Nun kann man sagen, das sei nicht so schlimm, da könne man doch darüber hinwegsehen. Aber bei manchen Personen nehmen die Beschimpfungen ein Ausmass an, das sie nicht mehr ertragen. Immer, wenn sie sich im öffentlichen Raum bewegen, werden sie angestarrt, fotografiert, beschimpft, angespuckt. Ich weiss von Personen, die haben sich deshalb das Leben genommen. Jedem Dritten, der einen Vorfall meldete, wurde mit Gewalt gedroht und etwa jeder Dritte wurde tatsächlich körperlich angegriffen, eine Person wurde durch eine Schusswaffe verletzt. Das ist heftig.

Wer sind die Täter?

Aus den Daten können wir kein Täterprofil erstellen. Was wir aber sehen, ist, dass die Taten an homo- und bisexuellen Menschen meist an anonymen Orten begangen worden sind und sich die Beteiligten nicht kannten. Transmenschen hingegen sind auch mehr von Vorfällen betroffen, die sich an Orten ereignen, die nicht anonym sind.

Können Sie sich das erklären?

Was genau dahintersteckt, müsste man wissenschaftlich aufarbeiten. Ich kann mir vorstellen, dass es tief liegende Ängste auslöst, wenn unsere Vorstellung, was ein Mann und was eine Frau ausmacht, infrage gestellt wird. Manche Leute werden dadurch derart verunsichert, dass sie mit Gewalt reagieren. Wenn sie das in aller Öffentlichkeit tun, kann das nur eines heissen: Die Täter glauben, ihr Vorgehen würde gesellschaftlich gebilligt und entsprechend auch nicht geahndet. Umso wichtiger ist es, dass die Politik handelt. Es braucht einen Kulturwandel. Es darf nicht sein, dass jemand gemobbt wird oder gar seine Stelle verliert, wenn er sich outet. Wir sehen zum Beispiel Kinder, die von der Schule nicht unterstützt werden. Das gibt den anderen Kindern mit auf den Weg: Es ist okay, Transmenschen auszuschliessen und sie nicht zu respektieren.

Sie lebten früher als Frau und sassen für die AL im Zürcher Stadtparlament. Heute leben Sie als Mann und arbeiten für Transgender Network Switzerland. Haben Sie auch negative Erfahrungen gemacht?

Ja, aber vergleichsweise wenige und ich erlebte keine extreme Gewalt. Aber ich bin weiss, Schweizer und Akademiker. Ich werde eindeutig als männlich gelesen und bin nicht als Transmensch identifizierbar. Das sind alles Faktoren, die vor einem höheren Mass an Gewalt und Diskriminierung schützen können. Andere trifft es viel stärker, vor allem solche, die kaum verbergen können, dass sie ein Transmensch sind.

Die Schweiz ist gesellschaftlich liberal und hat als erstes Land per Volksabstimmung die eingetragenen Partnerschaften angenommen. Werden hier Lesben, Schwule und Transmenschen ebenso angefeindet wie in anderen Ländern?

Gemäss einer Studie der EU, an der auch 6579 Transleute teilnahmen, zeigte sich: Es gibt kein einziges Land, in dem Transmenschen nicht behelligt würden, Gewalt und Diskriminierung ziehen sich durch ganz Europa. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Ländern. So beantragen manche Transleute aus anderen Ländern Asyl in der Schweiz, weil hier insbesondere Gewalt gegen sie weniger ausgeprägt ist. Nur: Wenn sie als Ausländer gesehen werden und von Rassismus betroffen sind, dann gilt dies auch in der Schweiz nicht mehr unbedingt.

Was muss getan werden?

Es ist nur ein erster Schritt, Verbrechen gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen zu erfassen und auch anzuerkennen. Wir fordern, dass der Rassendiskriminierungsartikel auch auf diese Gruppen ausgedehnt wird – heute können Private Hassreden gegen diese Gruppe von Menschen führen oder sich zum Beispiel auch weigern, sie in einem Restaurant oder einem Laden zu bedienen, ohne bestraft zu werden. Und nicht zuletzt sollen die Behörden Sensibilisierungsmassnahmen ergreifen, damit es erst gar nicht zu Diskriminierungen und Straftaten kommt.

Ist das in der Schweiz notwendig?

Ja. Es muss aber nicht nur die Bevölkerung für unsere Probleme sensibilisiert werden, sondern auch die Polizei, die Staatsanwaltschaft und die Gerichte. Es braucht spezifische Schulungen, wie sie etwa die Zürcher Stadtpolizei durchführt, um den Opfern gerecht zu werden und ihnen den Zugang zu Rechtsmitteln zu ermöglichen. So steigt auch die Motivation der Betroffenen, Hassdelikte überhaupt zu melden.

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