«Grösste Mühe, inländische Ingenieure ins Rheintal zu bringen»

Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative müssen auch Grenzgänger kontingentiert werden. Unternehmen im St. Galler Rheintal drohen deswegen mit Auslagerung.

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(Bild: TA-Grafik)

Janine Hosp

240 Personen arbeiten für die Firma Escatec in Heerbrugg. 96 von ihnen fahren täglich von Österreich in die Schweiz zur Arbeit, 2 aus Deutschland. Weitere 46 wohnen zwar in der Schweiz, stammen aber aus einem EU-Land. Und 96 sind Schweizer. «Wir können gar nicht so viele Schweizer rekrutieren, wie wir wollen», sagt Geschäftsführer Thomas Dekorsy. Escatec ist ein Hightech-Unternehmen und stellt im Auftrag von Kunden elektronische Bauteile und Geräte her. Es fehlt ihm in der Schweiz aber nicht nur an Hochqualifizierten, auch für Montagearbeiten oder für die komplexe Kundenberatung ist es auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen.

Das St. Galler Rheintal ist in hohem Masse von Grenzgängern abhängig: Jeder achte der knapp 38'000 Arbeitskräfte passiert die Schweizer Grenze auf dem Weg zur Arbeit. Dennoch – oder auch deswegen – war hier die Zustimmung zur SVP-Initiative überdurchschnittlich hoch: Während in der ganzen Schweiz 50,3 Prozent der Stimmenden Ja sagten, waren es in den Rheintaler Gemeinden bis zu 70,7 Prozent.

«Ich habe schon gedacht, dass die Abstimmung kein Spaziergang wird, als ich die Diskussionen hörte», sagt Thomas Ammann, Präsident des Vereins St. Galler Rheintal. Die Leute hätten Angst gehabt – vor Überfremdung, vor der Konkurrenz aus dem Ausland, genau lasse sich das nicht sagen. Die Politiker hätten aber nicht aufzeigen können, was ein Ja zu Initiative bedeute. Dass etwa, wie die «Ostschweiz am Sonntag» berichtete, auch Grenzgänger neu den Kontingenten angerechnet werden müssten. Das war vor Einführung des freien Personenverkehrs 2002 nicht notwendig. «Ohne Grenzgänger kann die Wirtschaft im Rheintal aber nicht existieren», sagt Thomas Ammann. Und den Gemeinden, so fügt er als Gemeindepräsident von Rüthi an, entgingen Steuererträge, auf die sie angewiesen seien.

Am Rand der Schweiz

Das St. Galler Rheintal, das sich zwischen Appenzell und Österreich hindurch zum Bodensee zwängt, liegt abseits der grossen Pendlerströme; kaum ein Arbeitnehmer mag ausscheren und den Weg nach St. Margrethen oder Heerbrugg auf sich nehmen. Schon gar nicht will sich einer am äussersten Rand der Schweiz niederlassen, wo, wie ein Geschäftsführer sagt, wohl nur an der Fasnacht etwas läuft. «Wir haben grösste Mühe, inländische Ingenieure ins Rheintal zu bringen», sagt der Leiter des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums.

Manche Betriebe wie Swissoptic in Heerbrugg sind gar so hoch spezialisiert, dass sie selbst in Zürich Mühe hätten, genügend Fachleute zu finden, etwa Ingenieure mit Schwerpunkt Präzisionsoptik. «Wir sind stärker als andere Unternehmen auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen», sagt Finanzchef August Waser. Viele arbeiteten seit Jahren für Swissoptic, und dürften sie dies nicht weiterhin, ginge dem Betrieb viel Know- how verloren. Andere wie das Technologieunternehmen SFS in Heerbrugg brauchen nicht nur hoch qualifizierte Fachkräfte, sondern auch solche, die bereit sind, im Schichtbetrieb zu arbeiten. Dass heisst, entweder um 5 Uhr morgens zu starten oder bis in den späten Abend hinein zu arbeiten. Aber gerade die gesuchten Arbeitskräfte, die hoch qualifiziert sind und über Berufserfahrung verfügen, würden auch eine andere Stelle finden, bei der sie nicht Schichtarbeit leisten müssen. So ist SFS sehr auf Grenzgänger angewiesen, wie Mediensprecher Claude Stadler sagt. Von seinen 1800 Angestellten in Heerbrugg sind 450 Grenzgänger.

Dabei gibt es im St. Galler Rheintal viele Arbeitskräfte, die sich gern einstellen liessen – 1107 Personen oder 2,9 Prozent waren Ende Januar arbeitslos. Viele von ihnen verfügen aber nicht über das Wissen, um in den verbliebenen Hightech-Abteilungen zu arbeiten; sie haben die Maschinen in den Industriebetrieben bedient, und als diese die Produktion auslagerten, wurden sie entlassen.

Dennoch: «Die Arbeitslosigkeit würde wohl sinken, wenn die Unternehmen nicht mehr beliebig viele Arbeitskräfte aus dem Ausland holen können», sagt Reto Halter, Inhaber von Halter Personal Consulting. Unter den Arbeitslosen gäbe es auch Schweizer, die für die offenen Stellen infrage kämen, vor allem im kaufmännischen Bereich. Das bestätigt auch Kurt Senti, der Kaderleute und technische Fachkräfte vermittelt. Insbesondere KV-Lehrabgänger fänden nur schwer eine Stelle. «Telefoniere ich aber mit Kunden, höre ich in der Personalabteilung oft Hochdeutsch.»

Senti vermittelt auch arbeitslose Ingenieure. «Manche bekamen dauernd Absagen und waren völlig frustriert.» Sie dachten, sie hätten gute Chancen, weil sich Firmen über den Fachkräftemangel beklagten. Aber die Betriebe seien heute knallhart. Für einen Ingenieur über 50 sei es schwierig, eine Stelle zu finden, für einen über 55 praktisch unmöglich. Chancen habe er nur, wenn er über ein sehr gesuchtes Fachwissen verfüge. Kaum einfacher haben es junge Hochschulabsolventen mit wenig oder gar keiner Berufserfahrung. War einer nach dem Studium noch länger auf Reisen, ist er schon aus dem Bewerbungsverfahren ausgeschieden.

«Viele Unternehmen machen es sich leicht», sagt Senti. Sie seien kaum bereit, in ihre Angestellten zu investieren. Und da sie Zugriff auf das Arbeitskräftereservoir der EU haben, sind sie auch nicht dazu gezwungen. Auch Reto Halter beobachtet, dass neue Mitarbeiter sofort produktiv sein müssen. «Viele Firmen stehen unter grossem Kostendruck und können oder wollen ihren Angestellten keine Zeit gewähren, um sich fehlendes Wissen anzueignen.» Sind die künftigen Kontingente knapp bemessen, müssten die Unternehmen ihre Angestellte vermehrt fördern. «Dann müssen sie sich überlegen, wie sie sie dorthin bringen, wo es sie braucht.» In den angefragten Unternehmen hingegen heisst es, sie würden sehr wohl Fachkräfte ausbilden, vor allem Lehrlinge. Und alle würden auch ältere Fachkräfte anstellen – jedenfalls in der Schweiz, wie der Geschäftsführer von Escatec sagt. In Deutschland seien Angestellte ab 55 praktisch unkündbar, selbst wenn sie keine Leistung brächten.

Bürokratie vertreibt Firmen

Festangestellte Grenzgänger, so sagen Unternehmen und Personalberater, erhalten in der Regel denselben Lohn wie die Schweizer; das Lohnniveau hat sich über die Grenze hinaus angeglichen. Anders verhält es sich bei den Temporärarbeit, die an Boden gewinnt. «Da wird der Lohn gedrückt, wo es nur geht», sagt Kurt Senti. Arbeitskräfte aus dem Osten würden fast für jeden Lohn arbeiten. Senti kennt einen Bäcker, der unverschuldet seine Stelle verlor und sich bei einer bekannten Liechtensteiner Bäckerei bewarb. Er erhielt postwendend eine Absage. Man habe bereits einen Stapel von Bewerbungen von deutschen Bäckern, hiess es. Und die arbeiteten für die Hälfte seines Lohns.

Was geschähe, wenn die Zuwanderung derart eingeschränkt würde, dass die Firmen nicht mehr genügend Arbeitskräfte fänden? «Wir könnten nicht anders, als einen Teil der Produktion nach Osteuropa auszulagern», sagt der Geschäftsführer. Und das sei keine Drohgebärde. Wegen des starken Frankens und der hohen Löhne müssten die Betriebe schlank produzieren; ein Montagemitarbeiter verdiene hier 3600 Franken, in Ostdeutschland 1300 Euro. «Wenn uns zusätzliche Bürokratie auferlegt wird, wird es teuer. Dann wars das.»

Tages-Anzeiger

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