«Gratisanwälte» sind nicht auf Helfertrip

Die kostenlosen Rechtsvertreter für Asylsuchende spielen in den beschleunigten Verfahren eine zentrale Rolle. Der Bund stellte sie und die neuen Verfahrensabläufe am Mittwoch bei einem Rundgang vor Ort vor.

Hat der Asylsuchende anderswo bereits ein Asylgesuch eingereicht? Abnahme der Fingerabdrücke zum Datenabgleich im Testbetrieb in Zürich.

Hat der Asylsuchende anderswo bereits ein Asylgesuch eingereicht? Abnahme der Fingerabdrücke zum Datenabgleich im Testbetrieb in Zürich.

(Bild: Keystone)

Peter Meier@bernpem

Ein Rudel Löwen. Das ist das Erste, was Asylsuchenden begegnet, wenn sie an diesem Morgen ihr Asylverfahren im Zürcher Testzentrum antreten. Löwen in der afrikanischen Savanne. Sie laufen in HD-Qualität über den Flachbildschirm, der über Kopfhöhe an die Wand montiert ist.

Hier in diesem rundum verglasten Raum im zweiten Stock des Verfahrenszentrums mitten in der Gewerbezone Zürich-West warten die Neuankömmlinge darauf, dass es losgeht: das beschleunigte Verfahren mit kurzen Fristen und raschen Entscheiden, das im hiesigen Asylwesen künftig zur Regel werden soll.

Das TV-Gerät ist der Blickfang im kargen Raum mit grauem Spannteppich und kalten Plastikstühlen. Ein zweiter hängt an einer der Glaswände: ein Plakat, das den Asylsuchenden auf Englisch bis zu 2000 Franken verspricht, wenn sie es sich jetzt anders überlegen und freiwillig in ihre Heimat zurückkehren. Je länger sie damit warten, desto kleiner wird die Prämie.

Löwen im TV, Geldversprechen an der Wand – wer aus einem anderen Kulturkreis kommt, wird diese Begrüssung auf Anhieb kaum einordnen können. Doch viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht. Weiter gehts mit Registrierung, Erkennungsdienst, Sicherheitsprüfung. Alles ist hier auf Effizienz ausgelegt, jeder Raum sieht aus wie der andere: kahle Wände, minimalistisch möbliert, abgestufte Grautöne, Neonlicht.

Ein ganzes anderes Bild bietet sich einen Stock tiefer: Im Warteraum stehen zwei rote Sofas, Grünpflanzen, eine japanische Stehlampe mit gedimmtem Licht. Der Bruch mit dem Behördengrau ist bewusst. Hier treffen die Asylsuchenden erstmals jene, die sie in den nächsten maximal 140 Tagen durch den Asylprozess begleiten: die unabhängigen Rechtsberater und «Gratisanwälte», die die SVP bekämpft.

Erste Gespräche werden geführt, Informationen zum Verfahren, eine frühe Chanceneinschätzung – und auch hier der Hinweis auf die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr in chancenlosen Fällen: «Wir wecken keine falschen Hoffnungen», sagt Dominique Wetli. «Das Wichtigste ist die transparente Information der Asylsuchenden, dadurch erkennen sie unsere Rolle als unabhängige Anlaufstelle und Unterstützer.» Wetli ist Geschäftsführer der Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not und leitet den kostenlosen Rechtsdienst im Testzentrum. Der Bund zahlt für jeden betreuten Asylsuchenden eine Pauschale von 1361 Franken.

Wetlis Juristenteam umfasst derzeit zehn Frauen und fünf Männer, alle arbeiten in Teilzeitpensen. Die meisten seien um die 30, sagt Wetli, einige älter. Viele stehen nach dem Jusstudium am Anfang ihrer Karriere. Es ist tendenziell ein Einsteigerjob: kein üppiger Juristenlohn, viel Arbeit, wenig Prestige. Voraussetzung ist Erfahrung im Asylbereich. Anja Huber etwa arbeitete in einer kantonalen Rechtsberatungsstelle, ehe sie ins Testzentrum wechselte. Warum? «Den Asylsuchenden direkte und konkrete Unterstützung zu geben und sie von Anfang bis Ende begleiten zu können und zu einem fairen Verfahren beizutragen, das ist Befriedigung und Motivation zugleich», sagt die 31-Jährige.

Schwierige Rollensuche

Hinzu kam die Neugier, Neuland zu betreten. «Es ist ein Pionierprojekt», sagt denn auch Wetli, «eine neue Form der Rechtsvertretung, die ein neues Berufsprofil erfordert, da man nicht primär mit Fällen, sondern mit Menschen konfrontiert ist.» Daran hatte im Vorfeld kaum einer gedacht. «Auch für uns war es ein Lernprozess», so Huber. Die Nähe zu den Asylsuchenden, die enge Begleitung – in diese Rolle mussten die Rechtsvertreter erst einmal finden.

«Es lässt einen natürlich nicht kalt, wenn eine Mutter und zwei kleine Kinder vor einem stehen und ihre Flucht aus Syrien über die Balkanroute schildern», sagt die 31-Jährige. Abgrenzung, Distanz, psychische Belastung wurden plötzlich zu einem Thema im Arbeitsalltag, das herkömmliche Asylanwälte so kaum kennen. Mit einem intensiven Erfahrungsaustausch im Team sowie regelmässigen Coachings und Supervisionen habe man das inzwischen aber in den Griff bekommen.

Pragmatismus statt Helfertrip

Doch es bleibt ein Knochenjob, der Stressresistenz und Flexibilität verlangt, weil die Fälle parallel betreut werden müssen. Pro Tag begleite sein Team so zwischen 20 bis 30 Verfahrensschritte, erklärt Wetli – vom Vorgespräch über Anhörungen und Stellungnahmen bis zu Entscheideröffnungen (siehe Text rechts). Wer welchen Fall betreut, entscheidet der Zufall. Wechsel sind zwar möglich, werden aber lieber vermieden – gerade wenn es eine enge Bindung gebe wie etwa bei unbegleiteten Minderjährigen.

Bei Wetli wie bei Huber wird das starke Engagement für den Job im Gespräch spürbar. Doch keiner von beiden wirkt so, als lebe er beruflich seinen Helfertrip aus und setze alles daran, möglichst viele Asylsuchende hier zu behalten. «Wir haben weder die Absicht noch ein Interesse daran, aussichtslose Verfahren unnötig zu verlängern», weist Wetli den oft gehörten Vorwurf von rechts zurück. «Das ist nicht unser Mandat und entspricht auch nicht unserem Selbstverständnis.» Tatsächlich liegt die Beschwerdequote um ein Drittel tiefer als im Normalbetrieb.

Kritik an ihrer Arbeit kommt auch von Linken, die in den Rechtsvertretern den verlängerten Behördenarm vermuten. Er und sein Team hätten weder eine staatliche noch eine politische Funktion, stellt Wetli klar. Die «Gratisanwälte» sehen sich als Interessenvertreter, die pragmatisch helfen, faire Verfahren zu sichern. In aussichtslosen Fällen den Betroffenen reinen Wein einzuschenken, ist dabei Teil des Jobs.

«Die Akzeptanz der Entscheide ist aus unserer Sicht höher», sagt Wetli. Nicht nur wegen der Rechtsvertretern und besserer Information. «Der Hauptgrund ist, dass die Entscheide rasch fallen. Es ist leichter, einen negativen Entscheid nach ein paar Wochen zu akzeptieren als nach drei Jahren.»

Berner Zeitung

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