Gottfried Locher hart kritisiert – und wiedergewählt

Mit 43 zu 24 Stimmen macht er das Rennen gegen die Zürcher Pfarrerin Rita Famos.

Kirchenbund-Präsident Gottfried Locher (rechts) verfolgt die Versammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes in Schaffhausen.<p class='credit'>(Bild: Keystone ENNIO LEANZA)</p>

Kirchenbund-Präsident Gottfried Locher (rechts) verfolgt die Versammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes in Schaffhausen.

(Bild: Keystone ENNIO LEANZA)

Dölf Barben@DoelfBarben

Kirchenbundpräsident Gottfried Locher hat die Wiederwahl geschafft. Mit 43 zu 24 Stimmen hat die Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) ihn am Sonntagnachmittag in Schaffhausen in seinem Amt für vier weitere Jahre bestätigt. Der Zürcher Pfarrerin Rita Famos, die erst vor drei Wochen portiert worden war, gelang die Überraschung nicht. Locher musste sich zum Teil aber sehr harte Kritik anhören. Er wurde gar zum Rücktritt aufgefordert.

Die Kampfwahl zwischen den beiden 52-Jährigen hat in den letzten Wochen hohe Wellen geworfen. Locher, der den SEK-Rat seit 2011 präsidiert, war lange Zeit unbestritten gewesen. Nachdem aber in einem Bericht der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens Ende Mai Kritik am Frauenbild und der Amtsführung des Berners laut geworden war, entschied sich Famos, als Gegenkandidatin anzutreten.

«Ist einfach nicht fair»

Der Abgeordnete Martin Schmidt aus St. Gallen verteidigte Locher. Er nannte Famos’ Kandidatur eine Symbolkandidatur. Famos gebe nun jenen ein Gesicht, die seit längerer Zeit gegen Locher ankämpften. Die Kandidatur sei zu kurzfristig erfolgt. Letztlich gehe es um die immer gleichen Vorwürfe - zum Beispiel um die Bischofsdiskussion. «Aber wir haben keinen Bischof und wir kriegen auch keinen», sagte Schmidt. Und aus Gottfried Locher einen frauenverachtenden Halbbischof machen zu wollen, «ist einfach nicht fair».

Hart ins Gericht mit Locher ging Michel Müller von der Zürcher Kantonalkirche. Er stellte Locher als einen SEK-Präsidenten dar, der bei Projekten zögerlich handelte. Den Kopf hätten aber andere hinhalten müssen. Auch jetzt im Wahlkampf, in dem Rita Famos innert Kürze prägnante Bilder habe schaffen können, habe er sich rar gemacht und sei der Debatte aus dem Weg gegangen. Wenn Gottfried Locher die reformierte Kirche tatsächlich in einer schweren Krise sehe, wie er das gesagt habe, dann wäre es nur richtig, wenn der Amtsinhaber sich verantwortlich fühlen und zurücktreten würde. «Vertrauen kann nicht mit Macht erzwungen werden», sagte Müller. Rita Famos dagegen könnte die Kirche, die eine neue Verfassung erhält unbelastet in die Zukunft führen.

Gewichtige Traktanden folgen

Die Schweizer Reformierten werden bis am Dienstag in Schaffhausen weiter über ihre neue Verfassung beraten. Zentraler Punkt ist die Umformung des Kirchenbundes - eines losen Vereins der Mitgliedskirchen - in eine evangelisch reformierte Kirche Schweiz (EKS) mit einem Präsidenten oder einer Präsidentin.

Die Ausmarchung zwischen Locher und Famos war auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Der Präsident oder die Präsidentin soll neu stärker als bisher geistliche Leitung wahrnehmen. In diesem Punkt unterscheiden sich Locher und Famos. Dem Amtsinhaber werden Ambitionen nachgesagt, das Präsidium eher bischöflich ausüben zu wollen. Herausforderin Famos betonte dagegen ihre Stärke als Teamplayerin.

Alte Kritik am Amtsinhaber

In der Kritik standen Aussagen, welche Locher vor vier Jahren gemacht hatte, in einem Buch und in den Medien. Geäussert hatte er sich unter anderem über die Prostitution - “Befriedigte Männer sind friedlichere Männer”, lautete der meistzitierte Satz - und über die Feminisierung des Pfarrerberufs.

Aber auch Lochers Ambition, die geistliche Leitung der Schweizer Reformierten auf eine einzige Person zu konzentrieren, kam nicht überall gut an. Von Beginn weg haftete ihm das Etikett an, reformierter Bischof werden zu wollen. Er betonte stets, es gehe nicht um Macht und Hierarchie wie bei den Katholiken, sondern vielmehr darum, den Reformierten ein Gesicht und eine Stimme zu geben, also um eine bessere Wiedererkennbarkeit.

Tages-Anzeiger

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