«Gott wollte, dass ich überlebe»

Die Eislawine donnerte beim Mattmark-Unglück sieben Meter neben Ilario Bagnariol den Berg hinunter. Der Bulldozerführer zog seine toten Kameraden aus dem Eis.

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Tobias Habegger@TobiasHabegger

Als die Zunge des Allalingletschers am 30. August 1965 abbricht, sitzt Ilario Bagnariol wie jeden Tag auf seinem Bulldozer und schiebt Steine von der Seitenmoräne weg. «Ich blickte nach oben und sah Eisblöcke, die mir entgegen stürzten», erzählt der Italiener.

Heute, fünfzig Jahre später, sitzt der 73-Jährige in seinem Garten in Ins. Es ist kurz vor Mittag. Auf dem Grill liegen Bratwürste und Fleischstücke. «Der liebe Gott wollte, dass ich überlebe», sagt er. Die tödliche Eislawine hat ihn um sieben Meter verfehlt. Dafür sei er dankbar.

Doch er musste zusehen, wie die Eismassen die Kantine, die Büros und die Baustellenwerkstatt unterhalb der Mattmark-Staumauer begraben haben. Dabei kamen 88 Menschen ums Leben. «Wir haben vor dem Unglück zwei Jahre lang unterhalb der Gletscherzunge gearbeitet. Doch Angst hatten wir nie.»

Er zog die Leichen aus dem Eis

Auf dem Stubentisch in Ins liegen Fotos und Dokumente aus dieser Zeit. Ilario Bagnariol zieht eine Liste hervor, auf der die Namen der Arbeiter stehen, die beim Gletschersturz ums Leben kamen. Vier Namen sind mit Leuchtstift unterstrichen. «Das waren meine engsten Kameraden», sagt Ilario Bagnariol.

Am Tag der Katastrophe hat er keine Zeit erhalten, den Schock zu verarbeiten. «Ich wurde gefragt, ob ich bei der Bergung helfe.» Natürlich habe er zugesagt. «Wir waren wie eine Familie, und da hilft man einander», sagt er. Ein Careteam, welches den Überlebenden zur Seite stand, gab es damals nicht. «Den ersten Schock ertränkte ich mit einem Cognac.» Danach habe er fast drei Wochen lang leblose Körper aus den Eismassen gezogen. «Mit einem Raupenfahrzeug haben wir die Leichen ausgegraben.»

Viele waren in Einzelteile zertrennt. «Ich zog einen einzelnen Fuss in einem Gummistiefel aus dem Eis. Diese Bilder haben sich in mein Hirn gebrannt. Noch heute sehe ich sie scharf.»

«Das raubt mir den Schlaf»

«Zwanzig Jahre lang hat mein Mann kein Wort über die Katastrophe verloren», erzählt seine Frau Margrit Bagnariol (69). 1985 sei er zum ersten Mal an den Unfallort gereist. «Seither besucht er die Gedenkstätte jedes Jahr», sagt sie.

Am Sonntag jährt sich die Katastrophe zum 50-mal. Der Rummel um Ilario Bagnariol ist gross. Er empfängt Journalisten, er hält Vorträge an Schulen, und am Wochenende reist er an den Unglücksort für die Gedenkfeier. Die schrecklichen Bilder kommen ihm dieser Tage fast täglich hoch. «Das raubt mir zuweilen den Schlaf», sagt er. Hingegen tue es ihm gut, über die Katastrophe zu sprechen. «Das wirkt befreiend», sagt er und atmet tief ein.

Berner Zeitung

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