Gott sollte aus der Verfassung gestrichen werden

Christliche Symbolik ist für den Schweizer Staat nicht mehr zeitgemäss.

«Es bleibt nur, den Bezug auf Gott zu streichen», sagt Josef Hochstrasser. Foto: Keystone

«Es bleibt nur, den Bezug auf Gott zu streichen», sagt Josef Hochstrasser. Foto: Keystone

Der Nationalrat tagt. Auch wenn er sich jetzt zu einer Sondersession trifft, stehen seine Beschlüsse stets unter einem schwer wiegenden Anspruch. Laut Bundesverfassung haben die Damen und Herren den Auftrag, im Namen Gottes des Allmächtigen zu handeln. Sind sie dazu in der Lage?

Wer im Bundeshaus sitzt, vertritt zuerst wohl sich selbst, dann die Wählerschaft, die Partei, bestimmte Interessen von Verbänden. Aber Gott? Welche Parlamentarierin, welcher Parlamentarier kennt die Interessen von Gott? Niemand. Also vermag keiner der nationalen Räte den Anspruch einzulösen, im Namen Gottes zu handeln. Bis Mitte der 60-er Jahre des letzten Jahrhunderts dürfte noch ein hoher Konsens über die Vorstellung eines christlichen Gottes geherrscht haben. Gott ist ein Mann. Er existiert im Jenseits, ist allmächtig, unveränderlich, ewig.

Es ist ehrlich, den Passus «Im Namen Gottes des Allmächtigen» aus der Bundesverfassung zu streichen.

Zwar weisen Erhebungen immer wieder einen erstaunlich hohen Anteil moderner Menschen aus, die an eine höhere Macht glauben. Würde man aber im National- und Ständerat nachfragen, wer Gott sei, ergäben sich die unterschiedlichsten Theorien. Ein Abbild der Gesellschaft. Die Schweiz ist weltanschaulich längst heterogen geworden. Das Christentum ist nur mehr einer der Deutungsfaktoren unter vielen. Und nicht einmal unter Christinnen und Christen wäre man sich mehr einig darüber, wer Gott ist.

Es ist ehrlich, den Passus «Im Namen Gottes des Allmächtigen» aus der Bundesverfassung zu streichen. Unsere vielfältige Gesellschaft kann sich nicht mehr mit grossem Mehr einigen, was unter Gott zu verstehen ist und welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollen. Würde die Schweiz dadurch gottlos? Mitnichten. Es genügt bei weitem nicht, Gott in der Bundesverfassung bloss aufgeführt zu wissen. Gefragt ist die Tat.

Sollte Gott ein Symbol für eine humanistische Politik sein, böte sich dem Parlament eine andere Aussage der Präambel an, doch noch im Namen Gottes des Allmächtigen zu handeln. Dann nämlich, wenn die Damen und Herren Räte die Verpflichtung umsetzten, wonach «die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen». Aber Gott als Anwalt des Humanismus ist auch bloss eine von vielen Interpretationen. Es bleibt nur, den Bezug auf Gott zu streichen.

Ausschnitt aus der ersten Seite der Schweizer Bundesverfassung mit der Präambel und dem Passus «Im Namen Gottes des Allmächtigen!».

Das geschlossene christliche Abendland gehört der Vergangenheit an. Man kann diese Vergangenheit händeringend beschwören. Allein, es nützt nichts. In unserem Land leben Menschen mit den unterschiedlichsten weltanschaulichen Grundhaltungen. Im Zuge dieser gesellschaftlichen Veränderung muss sich ein weiteres, brisantes Symbol der Debatte stellen. Es steht auf dem Dach des Bundeshauses: das Kreuz. Es erinnert an einen Propheten mit einem humanistischen Programm. Aber es galt auch als Folterinstrument römischer Imperialisten zur Disziplinierung von Aufrührern. Was geht in einer Schweizerin oder einem Schweizer vor, die auf dem Bundesplatz zum Kreuz aufschauen, aber nicht dem Christentum angehören? Ist es nicht zu einfach anzumahnen, die Mehrheitsreligion bestimmt? Noch immer ist es das Christentum, das diese stellt. Aber gerade seine Angehörigen müssten Verständnis aufbringen für Minderheiten, für Juden, Muslime, Atheisten, Freidenker.

Es gilt auch hier: Das Kreuz muss weg! Das wäre ein grossartiger Ausdruck von Stärke, Gelassenheit und Demut der Mehrheitsreligion.

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