Glencores zwielichtiger «Trouble-Shooter» im Kongo

Der Rohstoffkonzern steht nach neuen Enthüllungen wieder heftig in der Kritik. Durch zwielichtige Methoden und zu Dumpingpreisen soll sich das Zuger Unternehmen Minenrechte im Kongo ge­sichert haben. Glencore weist jegliche Vorwürfe von sich.

Eine Kupfer-  und Kobaltmine in Katanga: Glencore zahlte nur ein Viertel des vom Kongo ursprünglich  geforderten Preises für die Schürfrechte.

Eine Kupfer- und Kobaltmine in Katanga: Glencore zahlte nur ein Viertel des vom Kongo ursprünglich geforderten Preises für die Schürfrechte. Bild: Getty Images

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Die Demokratische Republik Kongo ist eines der ärmsten Länder der Welt. Nach Angaben des Welternährungsprogramms der UNO leben gut zwei Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Sie haben keinen Zugang zu ausreichender Er­nährung, sauberem Trinkwasser, Sanitärversorgung, Gesundheitsfürsorge und Bildung.

Der Zuger Rohstoffkonzern Glencore ist derweil eines der grössten Unternehmen der Welt. An der Börse ist die Firma 71 Milliarden Franken wert. Das Ver­mögen von CEO Ivan Glasenberg schätzt die Zeitschrift «Bilanz» auf 4,2 Milliarden Franken.

Die Verbindung zwischen dem ungleichen Paar: Glencore baut im Kongo Kupfer und Kobalt ab, zwei lukrative Rohstoffe.

Am Sonntag wurden dank eines Daten-Leaks bei der Anwaltskanzlei Appleby Details bekannt, wie Glencore diese Minenrechte zu einem Dumpingpreis erwerben konnte – und die Be­völkerung des Kongo damit um Millionen Franken Volksvermögen prellte. 13 400'000 Dokumente werteten 381 Journalisten aus 67 Ländern aus, unter ihnen auch ein Team von «Tages-An­zeiger» und «SonntagsZeitung».

Ein Mann wirkt Wunder

Wir schreiben das Jahr 2008. Die Finanzkrise hält die Weltwirtschaft in Atem. An der Börse purzeln die Kurse, so auch an den Rohstoffmärkten. In dieser Zeit verhandelt Katanga, ein Minenunternehmen im Teilbesitz von Glencore, mit der kongolesischen Regierung über die Abbaurechte an Kupferminen.

Es läuft nicht gut. Der Kongo stellt sich quer und äussert laut dem Katanga-Verwaltungsrat «unannehmbare Forderungen». Glencore hat zu diesem Zeitpunkt bereits über 150 Millionen Franken in die Mine im Kongo investiert. Scheitern ist keine Möglichkeit.

An einer Krisensitzung beschliesst der Verwaltungsrat von Katanga, einen Mann namens Dan Gertler als Unterhändler in den Kongo zu schicken. Gertler ist ein israelischer Geschäftsmann mit zwielichtigem Ruf, aber guten Beziehungen.

Insbesondere mit der Politikelite des Kongo versteht er sich gut. Und sein Eingreifen bewirkt tatsächlich Wunder: Wenige Tage nach der Sitzung ist die Sache mit den «unannehmbaren Forderungen» vom Tisch. Auch Wochen später, als es um den Preis der Abbau­lizenzen geht, wird Gertler von Katanga als «Trouble-Shooter» engagiert.

Dem Israeli gelingt das Unmögliche: Statt 585 Millionen Dollar kosten die Rechte nach seinen Diensten nur noch 140 Millionen. «Katanga bezahlte für ihre Lizenzen viermal weniger als praktisch alle anderen Investoren im Kupfersektor», sagt Elisabeth Caesens, Kongo-Spezialistin der NGO Carter Center. Ein Jahr nach dem Erwerb der Lizenzen wird Glencore Hauptanteils­eigner von Katanga. Gertlers Firma bekommt von Glencore Anteile für 45 Millionen Dollar.

19 Vorstösse ohne Folgen

Die grosse Frage: Wie gelang es Dan Gertler, den Preis dermassen zu drücken? Eine mögliche Antwort liefert ein Gerichtsverfahren gegen die Tochterfirma eines US-Hedgefonds aus dem vergangenen Jahr. Dort ist die Rede von einem «israelischen Geschäftsmann», der Katumba Mwanke, die frühere Nummer zwei in Kongos Machtgefüge, über Jahre mit Millionenbeträgen bestochen haben soll. Es gibt mehrere Indizien, dass es sich dabei um Gertler handelt. Dieser weist die Vorwürfe aber von sich. Fakt ist: Er ist weder angeklagt noch verurteilt.

Auch Glencore bestreitet in einer Stellungnahme am Montag jegliche Vorwürfe von Korruption. Die Firma behauptet, dass der Kaufpreis von 140 Millionen bereits vor Gertlers Vermittlungsaufgabe vereinbart wurde. Nicht bestreiten kann Glencore hingegen die Verbindungen zum international unter Korruptionsverdacht stehenden Gertler sowie zur Anwaltskanzlei Appleby.

Die Erkenntnisse aus den Paradise Papers reihen sich damit nahtlos in andere Recherchen zu Glencore ein. 2012 berichtete SRF über die Tätigkeiten der Zuger Firma im Kongo. Die da­malige Berner SP-Nationalrätin Ursula Wyss machte daraufhin einen parlamentarischen Vorstoss. In seiner Stellungnahme blieb der Bundesrat vage. Zwei Jahre später folgte ein Report der Londoner NGO Global Witness. Thema: Kongo, Glencore und Dan Gertler.

«Wie viele Skandale braucht es noch, bis die Schweizer Behörden endlich handeln?», fragt Oliver Classen von der NGO Public Eye. Im Parlament gab es in den letzten sechs Jahren neunzehn Vorstösse zu Glencore. Folgen hatte noch keiner. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.11.2017, 07:33 Uhr

Neue ­Steuerregeln

Die neuen Veröffentlichungen zu globaler Steuervermeidung erhöhen aus Sicht der EU-Kommission die Notwendigkeit für mehr Transparenz.

«Eine Reihe von Dingen wurde bereits getan, aber es muss noch mehr geschehen», sagte EU-Finanzkommissar Valdis Dombrovskis am Rande eines Treffens der Eurofinanzminister in Brüssel. Dazu gehöre etwa eine öffentliche und länderspezifische Berichterstattungspflicht für Konzerne über Gewinne und gezahlte Steuern. Und auch bei der Digitalsteuer müsse man nun vorankommen, sagte er weiter.

Der geschäftsführende deutsche Finanzminister Peter ­Altmaier fordert seinerseits ein schärferes Vorgehen gegen Steuerschlupflöcher. «In den Paradise Papers geht es vor ­allem auch um gesetzliche Gestaltungen zur Steuerumgehung», sagte Altmaier. Hier müsse entschlossen gehandelt werden. Altmaiers österrei­chischer Amtskollege Hans Jörg Schelling drängt auf die «schwarze Liste» für Steuersünderländer, die Ende Jahr fertig erstellt sein soll. Es sei schon viel geschehen, «aber ­offensichtlich noch nicht genug». Nun müsse man mit allen betroffenen Staaten, die als Steueroasen gälten, Gespräche führen. «Wer nicht mitmacht, wird auf der schwarzen Liste landen. Diese Sprache wird jeder verstehen.»

Der maltesische Finanzminister Edward Scicluna forderte eine stärkere Umsetzung bereits bestehender Gesetze. Wenn dies geschehe, würde der Missbrauch verringert. Aber das brauche auch Zeit. sda

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