Glanzloser Sieg für Thomas Aeschi

Der Zuger Nationalrat Thomas Aeschi führt ab sofort die grösste Fraktion im Bundeshaus. Sein Sieg war weniger klar als erwartet. Ihm ging ein Hin und Her von Alfred Heer voraus.

Thomas Aeschi (l.) übernimmt die Leitung der SVP-Fraktion von Adrian Amstutz. Das freut auch Fraktionsvizepräsidentin Céline Amaudruz.

Thomas Aeschi (l.) übernimmt die Leitung der SVP-Fraktion von Adrian Amstutz. Das freut auch Fraktionsvizepräsidentin Céline Amaudruz.

(Bild: Keystone)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Eine Bundesratswahl war es zwar nicht gerade. Aber es gibt im ­Bundeshaus nicht viele Posten, die potenziell so einflussreich sind wie ­jener, den die SVP ­am Freitag zu ­vergeben hatte. Ihre National- und Ständeräte kürten einen neuen Chef und somit den Präsidenten der mit Abstand grössten Fraktion im Parlament.

Sieger des Tages ist ­Nationalrat Thomas Aeschi. Der ­38-jährige Unternehmens­berater aus dem Kanton Zug wird als Nachfolger des Berners ­Adrian Amstutz ab heute die SVP-Fraktion führen.

«Sorge um die Einheit»

Doch der eigentliche Hauptdarsteller in der Kampfwahl um den begehrten Posten war ein an­derer. Der Zürcher Nationalrat ­Alfred Heer sorgte intern und extern für einige Verwirrung. Alles hatte damit begonnen, dass Heer Mitte Oktober, nach Amstutz’ Rücktrittsankündigung, gegenüber Journalisten signalisierte, er werde nicht antreten, sondern Thomas Aeschi, dem Vorzugskandidaten der Parteispitze, den Vortritt lassen.

Das änderte sich plötzlich ­Ende Oktober, als Heer wenige Stunden vor Anmeldeschluss doch noch seine Kandidatur bekannt gab. Dabei blieb es dann auch. Bis am Freitag. Alfred Heer ging am Freitag noch als offizieller Kandidat in die entscheidende Fraktionssitzung, die hinter verschlossenen Türen stattfand. Dort gab er dann überraschend den Verzicht bekannt, wurde dafür aber als einer von fünf Vizepräsidenten gewählt.

Wie das Hin und Her genau zu verstehen ist, bleibt im Dunkeln. Amstutz sagte vor den Medien, Heers Beweggründe seien persönlicher Art. Später meldete die NZZ, Heer selber begründe den Verzicht mit seiner «Sorge um die Einheit der Partei», nachdem er von ­einigen Medien – aus seiner eigenen Sicht völlig zu Unrecht – als Kritiker von Parteistratege Christoph Blocher hochstilisiert worden sei.

Viele Enthaltungen

Wie auch immer. Als einziger Kontrahent von Aeschi verblieb am Freitag der Berner Nationalrat Werner Salzmann, den im Vorfeld viele als Aussenseiter abgetan hatten. Umso erstaunlicher ist der Ausgang der Wahl: Aeschi wurde mit 39 Stimmen gewählt, auf Salzmann entfielen ­immer­hin 20 Stimmen. Die SVP-Fraktion umfasst 74 Parlamentarier. Sprich: Eine ­relativ grosse Zahl von ihnen muss sich der Stimme enthalten haben, was mit der Verwirrung um Alfred Heer zu erklären sein mag. Jedenfalls startet Thomas Aeschi nicht gerade mit einem triumphalen Sieg in seine neue Aufgabe. Er hat etwas mehr als die Hälfte der möglichen Stimmen erreicht. Doch das ficht ­Aeschi nicht an, jedenfalls liess er sich nichts anmerken.

Weit weg vom BGB-Stil

Inhaltlich wird sich mit dem ­jungen Zuger an der Spitze der SVP-Fraktion nichts ändern. Er steht innerhalb der Partei, gemessen an seinem Abstimmungsverhalten, weiter rechts als Am­stutz. Insbesondere in den Kernthemen der SVP, der Europa- und der Migrationspolitik, ist Aeschi nicht nur voll auf Parteilinie, ­sondern zählt hier inzwischen zu den Wortführern.

Ändern wird sich hingegen der Stil. Zum einen eignet sich Aeschi von ­seinem Naturell her nicht als hemdsärmliger Einpeitscher à la Amstutz. Zum anderen gehört er zu einer noch relativ kleinen Gruppe innerhalb der SVP: zu den jungen Akademikern, die nicht mehr zum althergebrachten Stil der früheren Bauern-, ­Gewerbe- und Bürgerpartei ­passen. Aeschi spricht geschliffen und schnell, ist mehrsprachig, fachlich immer hervorragend informiert. Ein Polterer hingegen ist er nicht, ein ­charismatischer Redner ebenso wenig. Dass er die Parteibasis mitreissen kann, ist schwierig vorstellbar. Der SVP kommen langsam die populären Anführer vom Schlage eines Toni Brunner oder Adrian Am­stutz abhanden.

Berner Zeitung

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