Gerangel um die Seelsorge für muslimische Flüchtlinge

Zwei Zentren an den Universitäten Bern und Freiburg stehen in Konkurrenz.

Mehr Frauen als Männer nehmen die Dienste der Seelsorger im Zentrum Juch in Anspruch. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Mehr Frauen als Männer nehmen die Dienste der Seelsorger im Zentrum Juch in Anspruch. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Michael Meier@tagesanzeiger

Christliche Seelsorger gibt es in den Schweizer Asylzentren schon lange. Angesichts der vielen Flüchtlinge aus muslimischen Ländern haben die Kirchen jedoch angeregt, dass künftig auch muslimische Seelsorger zum Einsatz kommen sollen. Das Staatssekretariat für Migration hat darum im Zürcher Bundesasylzentrum Juch ein Pilotprojekt gestartet. Seit Juli 2016 sind dort zwei Männer und eine Frau zu total 70 Prozent angestellt.

Gestern nun wurde in Bern ein Bericht zum Projekt präsentiert. Die muslimische Seelsorge im Bundesasylzentrum der Stadt Zürich bringe aus Sicht der Asylsuchenden, den Mitarbeitern und den christlichen Seelsorgern einen klaren Mehrwert, sagte David Keller, Leiter der Abteilung Verfahrenszentren im Staatssekretariat. Dieses liess das Projekt vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg evaluieren. Gemäss dessen ­Direktor Hansjörg Schmid fungieren die Seelsorger als Brückenbauer zwischen den Herkunftsländern der Gesuchsteller und der Schweiz, sie vermittelten ein ­offenes humanistisches Verständnis des Islam. Sie könnten zudem zur Prävention der Radikalisierung beitragen, auch wenn dies nicht das Hauptanliegen der Seelsorge sei.

Religiöse Fragen sekundär

Insbesondere Frauen nehmen die Diens­te der Seelsorger im Juch in Anspruch. Explizit religiöse Fragen nehmen dabei einen kleinen Raum ein. Man sei einem breiten Ansatz der Seelsorge verpflichtet. Das Berufsbild und das Pflichtenheft seien nicht einfach identisch mit jenem der Imame, heisst es im Bericht. An einer Stelle wird auch auf die politische Neutralität der Seelsorger verwiesen.

Laut David Keller wäre eine flächendeckende Einführung muslimischer Seelsorge in den Bundesasylzentren der Schweiz insgesamt wünschenswert. Die Finanzierung aber sei ein ungelöstes Problem und von muslimischen Organisationen nicht zu leisten. Weder gebe es genügend ausgebildete muslimische Seelsorger noch fundierte Weiterbildungsmöglichkeiten. Deshalb wird gemäss einer Mitteilung des Staatssekretariats für Migration ein Lehrgang in der Schweiz für christliche und muslimische Seelsorgende angestrebt.

Der Evaluationsbericht verschweigt allerdings, dass die theologische Fakultät der Universität Bern seit letztem Jahr einen solchen Lehrgang anbietet. Isabelle Noth, Professorin für Seelsorge und Religionspsychologie, hat den Kurs aufgebaut. Er biete genau das an, was der Bericht fordere, sagt sie, nicht nur institutionelle und rechtliche, sondern auch theologische, psychologische und seelsorgerliche Grundkenntnisse.

Auch in den Medien wurde breit über den Pionierlehrgang berichtet, den Imame, muslimische Pädagoginnen, christliche Theologen und Hindu-Priester absolvieren. Unter diesen sind zwei der drei Seelsorger des Pilotprojekts im Juch. Auch Belkis Osman, die den Lehrgang im Mai abschliessen soll. Osman ist Vizepräsidentin der Vereinigung islamischer Organisationen Zürich, die mit der Umsetzung des Pilotprojektes im Juch betraut wurde. Auch im Lebenslauf von Osman erwähnt der Bericht den Lehrgang in Bern nicht.

Manko nur herbeigeredet?

Isabelle Noth von der Universität Bern sagt deshalb: «Man gewinnt den Eindruck, es gehe um eigene Interessen: Das Freiburger Zentrum hat einen ­Bericht erstellt mit der Forderung nach einem Lehrgang, der dann so nur das Zentrum selber anbieten kann.» Deshalb werde ein Manko herbeigeredet, das es gar nicht gebe. Quellen aus der Bundesverwaltung bestätigen gegenüber dieser Zeitung, dass das Zentrum in Freiburg die Universität Bern als ­Konkurrentin sieht.

Der Evaluationsbericht entspricht weder den akademischen Anforderungen noch dem Forschungsstand in der Seelsorge, sagt Noth weiter. Was nicht erstaune, da der Bund dafür keine Seelsorgefachleute beauftragt habe. Verfasser Hansjörg Schmid ist Sozialethiker, Noth dagegen Pfarrerin und Theologin, zudem Präsidentin der Aus- und Weiterbildung in der Seelsorge.

Schmid verwahrt sich gegen den ­Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit. Die Evaluation beziehe sich auftragsgemäss nur auf den Zeitraum bis Ende Juni 2017. Es sei auch nicht die Aufgabe gewesen, Ausbildungsmöglichkeiten zu evaluieren. Es gebe verschiedene Facetten islamischer Seelsorge: Während man an der Universität Bern mehr auf den inter­religiösen und seelsorgerlichen Aspekt setze, betone das Freiburger Zentrum mehr die islamisch-theologische Aus­­einandersetzung.

Simon Röthlisberger vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, der den Lehrgang in Bern mitinitiiert hat, sieht in diesem mehr eine Weiterbildung, aber nicht wirklich eine Aus­bildung. Allerdings brauchen die Teilnehmer des Lehrgangs auch keine Grundausbildung, weil sie alle ein volles Theologiestudium absolviert haben.

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