Gehirnwäsche mit sanften Tönen für die «Sklaven Allahs»

In Basel predigte der Salafist Marcel Krass seinen Zuhörern, sich von der Welt abzukapseln. Den Jihad erwähnte er dabei nicht.

Geringschätzung für das irdische Leben: Marcel Krass (r.) mit den Islamisten Pierre Vogel (l.) und Bilal Gümüs. Foto: PD

Geringschätzung für das irdische Leben: Marcel Krass (r.) mit den Islamisten Pierre Vogel (l.) und Bilal Gümüs. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die kleine Hinterhofmoschee in Kleinhüningen heisst Peace & Blessing, Frieden und Segen. «Welch ein schöner Name», sagt der deutsche Wanderprediger Marcel Krass dazu in einem Video auf Facebook. Und kündigt an, dass er in diesem Basler Gotteshaus nicht nur eine Freitagspredigt halten werde, sondern auch zwei Vorträge. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt in der Schweiz.

In der Moschee predigt gewöhnlich der Basler Salafist Ardian Elezi. Im Januar berichtete diese Zeitung, dass Elezi Schwule als «Krebsgeschwür gegen die Moral» bezeichnet hatte. Muslimische Männer warnte Elezi zum Beispiel vor Frauen im Bikini. Sie seien eine teuflische Versuchung. Seither ist es still geworden um den Imam und seine Moschee – zumindest in der Öffentlichkeit.

Elezis oft etwas eintönige Predigten verfolgen manchmal nur gerade eine Handvoll Getreue. Doch Anfang Mai, als Marcel Krass in der Peace-&-Blessing-Moschee auftritt, ist der kleine Gebetssaal voll. Mehr als 60 bärtige Männer und ein paar Buben lauschen gebannt. Der Konvertit ist einer der begabtesten Wanderprediger Deutschlands. Er hat, was Elezi fehlt: Charisma und Eloquenz. Während andere deutschsprachige Salafisten in ihren Youtube-Predigten von einem grammatikalischen Fehler zum nächsten stolpern, spricht Marcel Krass geschliffen.

Imam Elezi hat die Freitagspredigt in den sozialen Medien angekündigt, und die Behörden waren informiert. Doch es gab keine rechtliche Handhabe, um den Auftritt des deutschen Predigers zu verhindern. Dabei ist Krass kein Unbekannter. Seit rund 17 Jahren befindet er sich auf dem Radar der deutschen Sicherheitsbehörden. Er ist Weggefährte des deutschen Salafisten und Ex-Boxers Pierre Vogel und von Sven Lau, der als Anführer der «Scharia-Polizei» durch Wuppertal patrouillierte, um junge Menschen auf den richtigen, den islamischen Weg zu bringen. Sven Lau sitzt eine fünfeinhalbjährige Gefängnisstrafe wegen Unterstützung einer Terrororganisation in Syrien ab.

Zum Umfeld von Marcel Krass gehört ausserdem Bilal Gümüs. Dieser war ein führender Kopf der in Deutschland inzwischen verbotenen «Lies!»-Stiftung und der auch in der Schweiz immer noch laufenden Verteilaktion «We love Muhammad». Gümüs steht derzeit vor Gericht. Die deutsche Justiz wirft ihm vor, einen 16-Jährigen nach Syrien in den Jihad geschickt zu haben.

Am Draht mit einem Todespiloten

Auch Marcel Krass, der Ingenieur, der früher an einer deutschen Berufsschule Elektrotechnik unterrichtete, hatte Kontakt mit Terroristen. Ihm konnte aber nie etwas Strafbares nachgewiesen werden. Deutsche Ermittler haben herausgefunden, dass Krass am 4. August 2001 während 14 Minuten mit Ziad Jarrah telefonierte. Am 11. September 2001 rammte Jarrah den United-Airlines-Flug 93 in einen Acker im amerikanischen Pennsylvania. Laut dem Magazin «Der Spiegel» gab es eine enge Verbindung zwischen Krass und dem Todespiloten. Der Deutsche sprach damals aber nur von einem «flüchtigen Kontakt».

Bei seinem Auftritt in Kleinhüningen wählte der Deutsche sanfte Töne und versuchte, sich bei seinem mehrheitlich jungen Publikum einzuschmeicheln. Das geht aus Tonaufnahmen hervor, die dieser Zeitung vorliegen. «Irgendetwas gibt es bei euch, warum Allah euch für diesen Weg ausgewählt hat», sagt er. «Aber denkt nicht, Youtube-Videos haben euch hierhin geführt, keinen einzigen von euch. Allah hat euch eine Gnade erwiesen.» Krass gibt seinen Zuhörern das Gefühl, einem auserwählten Kreis anzugehören, einer Art islamischen Avantgarde. Wer auserwählt ist, so die implizite Logik, hat auch eine Vorbildfunktion: Echte Muslime würden ihren Propheten mehr lieben als alle anderen Menschen, mahnt Krass. Echte Muslime seien Sklaven Allahs. «Sklave sein bedeutet, du willst die ganze Welt wegschicken, jeden, du willst nichts mit denen zu tun haben. Aber Allah ruft dich, und es gibt keine Diskussion.»

Die Peace-&-Blessing-Moschee in Basel. Foto: Fabienne Andreoli

So beginnen Gehirnwäsche und Radikalisierung: Krass ruft dazu auf, sich vom Rest der Welt abzukapseln. Und wenn es keine Diskussion mehr gibt, erübrigt sich auch das selbstständige Denken. In der Theorie kommen die Befehle der muslimischen «Sklaven» von Gott. Die Anweisungen, in der Scharia zusammengefasst, sind aber oft widersprüchlich, es gibt häufig einen weiten Interpretationsspielraum und keinen Papst, der seinen Schäfchen bis ins Detail erklärt, was damit genau gemeint ist. Prediger wie Krass legen Gottes Wort in ihrem Sinn aus und präsentieren ihre Interpretation als die einzige Wahrheit.

Anhand einzelner Koransuren erklärt Krass in der Moschee die Welt. Das Leben sei nur Stress, schon in der Kindheit, wenn der Vater seine Söhne mit dem Gürtel züchtige. Dann komme der Schulstress, später Arbeit und Ehefrauen, die etwa immer teure Hand­taschen wollten. «Das hört nie auf, bis ihr sterbt, ist nur Stress.» Man könne sich nur entweder für das Beste im Leben oder für das Beste im Jenseits entscheiden, es gebe keinen Mittelweg.

Kein Wort vom Jihad

Krass sagt nichts Verbotenes, er nimmt das Wort Jihad nicht in den Mund. Doch das Geringschätzen des irdischen Lebens, gepaart mit den versprochenen Belohnungen im Paradies, kann junge Männer ohne Perspektiven auf einen gefährlichen Weg bringen. Es geht bei Leuten wie Krass nur darum, Punkte zu sammeln für den Jüngsten Tag, damit man ins Paradies kommt. Und die jungen Muslime wissen: Am meisten Punkte erhält jener, der auf Allahs Weg kämpft und umkommt. Seine Misse­taten werden ihm vergeben. So steht es im Koran.

Nun kommt Krass auf die Ungläubigen zu sprechen. «Die Juden und die Christen sind Prototypen für bestimmte Fehler.» So würden die Juden immer Ausreden suchen, um sich Gottes Geboten zu widersetzen. Die Christen hingegen, fährt Krass fort, würden sehr viel tun, um Gott zu gefallen, aber das seien eben Dinge, die Allah gar nie von ihnen verlangt habe – zum Beispiel, dass Priester und Mönche nicht heiraten. Die Christen seien irregeleitet. Ihre Religion bestehe aus Science-Fiction. Jetzt lachen die Zuhörer.

Ardian Elezi, der Imam der Peace-&-Blessing-Moschee, erklärt gerne, dass er bei der Integration der Muslime mithelfen wolle. Ob Vorträge wie jene von Krass dazu beitragen, ist zu bezweifeln. Ähnliches gilt für Elezis Aussagen in den sozialen Medien. Auf Albanisch veröffentlichte er kürzlich eine Eloge auf den Nikab, den Schleier, der das Gesicht bis auf einen Augenschlitz verhüllt: Ihn zu tragen, sei ein Zeichen, dass eine Frau nicht von Lust gesteuert sei und sich von Gottes Wort und moralischen Werten leiten lasse. Ausserdem sei ihr ein guter Platz im Paradies sicher. Auf eine schriftliche Anfrage bezüglich der Vorträge von Krass und Elezis eigenen Äusserungen antwortete der Basler Imam mit Vorwürfen: Die Berichterstattung dieser Zeitung über ihn und seine Moschee sei durch Hetze und Hass geprägt. Dadurch würden Ängste in der Bevölkerung geschürt.

Im Januar, kurz nach dem Artikel über Elezi in dieser Zeitung, erhielt der Imam eine «Einladung» des Basler Staatsschutzes für eine sogenannte Gefährderansprache. Wer Elezi kennt, wird ihm nicht unterstellen wollen, zu Gewalt zu neigen. Die von ihm ausgehende Gefahr ist eine ganz andere. In seinem Umfeld könnten sich junge Männer radikalisieren oder seine Aussagen – zum Beispiel gegen Schwule – als Aufruf zu Gewalt missverstehen. Jedenfalls liess Elezi damals via Anwalt ausrichten, dass er nicht zum Gespräch bereit sei. Mit Gefährderansprachen versuchen die Behörden abzuklären, ob von einer Person Gefahr ausgeht. Personen mit Radikalisierungstendenzen sollen damit zum Beispiel auch bewegt werden, ihr Verhalten zu ändern. Die Teilnahme ist freiwillig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 17:25 Uhr

Collection

Die Seite drei

Artikel zum Thema

In Nidau gestartet, jetzt im Kerker in Syrien

Die Recherche von unserem Reporter Kurt Pelda zeigt, wie drei Schweizerinnen dem IS verfielen und nach Syrien reisten. Die hiesigen Behörden wollen ihnen nicht helfen. Mehr...

Blog

Kommentare

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!