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Fünf mutmassliche Opfer – aber keine Verantwortlichen

Dass die Solothurner Behörden den Pädophilen William W. nicht enger überwachten, ist unverständlich.

MeinungRoland Gamp
Verwarnungen schrecken ihn nicht ab: Pädophiler William W. Foto: PD
Verwarnungen schrecken ihn nicht ab: Pädophiler William W. Foto: PD

Die in der Anklage beschriebenen Szenen sind nur schwer zu ertragen. William W. soll sich an fünf Minderjährigen vergangen haben. Fünf unschuldige Kinder habe er geschändet, belästigt, genötigt, missbraucht. Noch ist der Gerichtstermin nicht bekannt.

Und der Kanton Solothurn? Freigesprochen, in allen Punkten. Die Regierung verkündete an einer Pressekonferenz im September 2019, die externe Untersuchung habe «keine Hinweise auf fehlerhaftes Verhalten» ergeben. Obwohl die mutmasslichen Übergriffe von William W. genau in jene Zeit fallen, als ihn die Behörden eng überwachen sollten.

Gerne hätte die Öffentlichkeit damals erfahren, wie das zusammengeht. Doch die Regierung lehnte ein Einsichtsgesuch der Redaktion Tamedia ab, gab auch nach einer Schlichtungsverhandlung nur unbedeutende Passagen der Experten-Evaluation heraus. Der Rest enthalte zu viele schützenswerte Personendaten, lautete die Begründung. Ausserdem könne eine Publikation das laufende Verfahren gegen W. gefährden.

Manipulierte William W. seine Therapeuten?

Wie sich jetzt herausstellt, sind im vollständigen Untersuchungsbericht aber nur einige Namen enthalten. Die wenigen Personendaten hätte man innert kürzester Zeit schwärzen können. Welche Passagen im Bericht konkret das Verfahren gefährden sollen, erschliesst sich auch nach mehrfacher Lektüre nicht.

Stattdessen zeigt sich, dass William W. die Überwachung durch seine elektronische Fussfessel systematisch umging. Ohne jegliche Konsequenzen. Eine Erkenntnis, die mit Sicherheit im öffentlichen Interesse liegt.*

Möglich ist, dass der Pädophile seinen Therapeuten, die Bewährungshilfe, das Amt für Justizvollzug und andere involvierte Stellen geschickt manipulierte. Das würde zumindest erklären, wie er immer wieder mit Verwarnungen davonkam. Als ob diese einen renitenten Wiederholungstäter wie ihn kümmern würden.

«Hinterher ist man immer klüger»

Die Lektüre des Untersuchungsberichts ist zermürbend. Ständig denkt man: Jetzt ist es endlich so weit. Jetzt fordert die Staatsanwaltschaft oder das Amt für Justizvollzug die nachträgliche Verwahrung des Mannes. Zum Beispiel, als der heute 46-Jährige nicht im geschützten Wohnheim übernachtet. Oder als er Drogentests und Termine mit dem Therapeuten auslässt. Spätestens nach der unerlaubten Reise an einen christlichen Kongress in Belgien. Doch nichts passiert.

Erst ein mutmasslicher Übergriff führt zur Verhaftung von William W. Wie lange ihn die Behörden noch in Freiheit belassen hätten, bleibt offen. Schon so soll der vorbestrafte Kinderschänder fünf neue Opfer gefunden haben.

Im Untersuchungsbericht zeigen die Experten viel Verständnis für die Solothurner Behörden. Man habe sich während der Beurteilung folgenden Satz vor Augen gehalten: «Hinterher ist man immer klüger.» Eine Einstellung, mit der völlig klar ist,dass am Ende niemand zur Verantwortung gezogen wird.

* In einer früheren Version dieses Artikels stand fälschlicherweise, dass die Verstösse von W. in der publizierten Kurzfassung mit keinem Wort erwähnt wurden. Tatsächlich ist dort aber vermerkt, er habe «zahlreiche Regelverstösse» begangen.

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