Firmen kehren WIR-Geld den Rücken

WIR-Geld ist eine Art zweite Schweizer Währung – das Geld der Gewerbler. Weil diese seit Jahren immer weniger mit WIR-Geld zahlen, startete die WIR-Bank einen kühnen Rettungsversuch. Doch nun wenden sich verärgerte Firmen massenweise von WIR ab.

Rückgang bei den Zahlungen, verärgerte Kunden: die WIR-Bank geht unsicheren Zeiten entgegen.

Rückgang bei den Zahlungen, verärgerte Kunden: die WIR-Bank geht unsicheren Zeiten entgegen.

(Bild: zvg)

Mischa Aebi@sonntagszeitung

WIR ist ein Zahlungsmittel, das vor allem unter Gewerblern die Hand wechselt. 45'000 Baufirmen, Autohändler, Restaurants, Optiker, Möbelgeschäfte und Coiffeure erlauben ihren Kunden, die Rechnungen ganz oder teilweise mit WIR zu zahlen. Bezahlt wird mit Checks oder elek­tronisch. Zahlen kann nur, wer ein WIR-Konto hat.

Schöpferin der Zweitwährung ist die WIR-Bank in Basel. Gegründet wurde das Geld in den 1930er-Jahren von Schweizer Firmen. Hauptvorteil damals: WIR-Firmen kamen in der Wirtschaftskrise an günstige Kredite. Hauptvorteil heute: WIR-Firmen sind Teil eines Netzes, das Anreize bietet, sich gegenseitig mit Aufträgen zu begünstigen.

Doch nun hat die Bank mit ihrer Währung ein ernsthaftes Problem. Nach einem Relaunch des WIR-Systems letztes Jahr kehren verärgerte Firmen WIR massenweise den Rücken.

Der Hintergrund: Weil die jährlich mit WIR-Geld getätigten Zahlungen seit den 90er-Jahren von 2,5 Milliarden auf gerade noch 1,35 Milliarden geschrumpft sind, hat die WIR-Bank vor vier Monaten gewissermassen einen Rettungsanker ausgeworfen: Sie änderte die Regeln für WIR-Konto-Inhaber. Neu müssen sich alle verpflichten, von jedem Kunden bei jedem Geschäft mindestens 3 Prozent WIR-Geld anzunehmen.

Damit will die Bank Firmen zwingen, wieder öfter WIR-Geld zu benutzen. Zudem muss neu ­jeder Teilnehmer bei jeder WIR-Zahlung der Bank 2 Prozent Provision zahlen, und zwar in Schweizer Franken.

Erst 40 Prozent machen mit

Erste Zahlen zeigen, wie schlecht die Zwangsmassnahmen vielerorts ankommen: 4000 Firmen haben in den vier Monaten seit der Neuerung von sich aus gekündigt, wie Nachforschungen dieser Zeitung ergaben.

Und es könnte noch sehr viel schlimmer kommen: 60 Prozent aller WIR-Teilnehmer haben den Vertrag mit den neuen Regeln bis heute nicht unterzeichnet. Bei mehr als der Hälfte ist also ungewiss, ob sie in Zukunft WIR noch als Zahlungsmittel brauchen werden.

«Nicht akzeptabel»

Der Protest gegen die Neuausrichtung des Geldsystems kommt insbesondere von grossen, bekannten Firmen. In einigen Branchen macht man keinen Hehl daraus, warum man WIR den Rücken kehrt. Im Fahrzeughandel haben unter anderem der grösste Schweizer Autoimporteur Amag und Scania Schweiz, eine der grössten Nutzfahrzeugimporteurinnen, die WIR-Konten quittiert.

Amag-Sprecher Dino Graf spricht Klartext: «Die WIR-Bank verlangt neu, dass wir auf allen Umsätzen 3 Prozent WIR entgegennehmen. Solche Verpflichtungen entsprechen nicht un­serem Verständnis einer freien Marktwirtschaft.» Nicht anders bei Scania. Man habe WIR gekündigt, weil die neuen Geschäftsbedingungen «nicht mehr akzeptabel sind».

Die beiden Händler sind dem Ruf ihres Dachverbandes Handel Schweiz gefolgt. Dieser hat nach Bekanntwerden der neuen Regeln den Mitgliedern empfohlen, bei WIR auszusteigen. Handel Schweiz gehören rund 30 Branchenverbände an.

Gleich wie im Fahrzeughandel kündigten gemäss Recherchen seit November auch in den anderen für WIR wichtigen Wirtschaftszweigen Branchenleader ihre WIR-Mitgliedschaft: Feldschlösschen, führender Bierbrauer und Getränkelieferant der Schweiz, Sanitas Trösch, bekannter Küchen- und Badezimmerspezialist, die Sika, grösster Schweizer Bauchemiekonzern, sowie HG Commerciale, grösster Baumaterialhändler. Das Unternehmen informiert Kunden auf der Website, dass WIR nicht mehr akzeptiert wird.

Krise auch in der wichtigsten Branche

Selbst im Baugewerbe, der für WIR mit Abstand wichtigsten Branche, bröckelt das Fundament. Hier hat die Bank mindestens zwei der wichtigsten Baukonzerne vor den Kopf gestossen: Implenia und Frutiger. Implenia ist der grösste Baukonzern der Schweiz, und Frutiger zählt zu den vier grössten.

Die WIR-Bank habe mit ihren neuen Regeln wohl ein Eigentor geschossen, sagt Hans Amport, Finanzchef von Frutiger. Frutiger werde die neuen Regeln «mit Sicherheit nicht unterzeichnen». Denn: «Sehr viele Zulieferer und Subunternehmer haben uns geschrieben, dass sie aus WIR aussteigen.»

Die Rechnung sei einfach: «Wenn wir nicht mehr mit WIR-Geld bezahlen können, können wir auch keines entgegennehmen.» Auch für Implenia sind die neuen Regeln «in der vorliegenden Form nicht akzeptabel.» Offenbar versucht Implenia mit der WIR-Bank aber noch zu verhandeln.

WIR-Bank – scheinbar cool

Bei der WIR-Bank gibt man sich trotz des Mitgliederexodus erstaunlich zuversichtlich. Zu den 4000 Firmen, die seit November aktiv gekündigt haben, sagt WIR-Bank-Sprecher Peter Bellakovics, viele von ihnen hätten ohnehin nur minimale oder gar keine WIR-Umsätze gemacht. Und ausserdem habe man in der Vorjahresperiode auch rund 1200 Kündigungen verzeichnet, viele wegen Geschäftsaufgaben.

Auch dass 60 Prozent der Firmen den Vertrag mit den neuen Regeln auch nach vier Monaten noch nicht unterzeichnet an die Bank zurückgeschickt haben, ist für die WIR-Bank offiziell kein Grund zur Panik. Man gebe den Firmen Zeit bis Ende Jahr, sagt Bellakovics.

Bank muss zurückkrebsen

Es gibt allerdings klare Hinweise, dass die Bank nach den Protesten und Massenkündigungen sehr wohl unter grossem Druck ist: Die Bank sah sich Ende Februar bereits gezwungen, zurückzukrebsen und die im November eingeführten Regeln zu entschärfen: Die umstrittene 3-Prozent-Regel wurde plafoniert.

Die Firmen müssen gemäss den abgemilderten Regeln von ihren Kunden pro Geschäftsabschluss nur noch maximal 5000 Franken in WIR entgegennehmen. Zudem kann die WIR-Bank nach den überarbeiteten Regeln nun mit Firmen, die mehr als 100'000 WIR-Franken Umsatz machen, spezielle Vereinbarungen treffen. Damit will die Bank verhindern, dass weitere Grossfirmen abspringen. Denn wer einmal weg ist, kommt kaum zurück.

Abwärtsspirale?

Nach dem Wirbel und den zahlreichen Kündigungen könnte WIR in eine Abwärtsspirale geraten: Je weniger Firmen bei WIR mitmachen, desto weniger Möglichkeiten gibt es, mit WIR-Geld etwas zu kaufen, sprich, das Alternativgeld noch loszuwerden. Andreas Steffes, Chefökonom des Verbandes Handel Schweiz, sagt: «Der Wegfall von Absatzmöglichkeiten macht das Überleben von WIR-Geld immer fraglicher.»

Dies umso mehr, als der grosse Vorteil von WIR seit mehreren Jahren wegfällt: Zu Zeiten, als die allgemeinen Zinsen hoch waren, konnte die WIR-Bank ihren Kunden WIR-Hypotheken geben, die wesentlich tiefer waren als die Zinsen gewöhnlicher Hypotheken. Seit aber auch gewöhnliche Banken Hypotheken zwischen einem und zwei Prozenten vergeben, fällt auch der WIR-Zinsvorteil weitgehend weg.

Entstehung und Kreislauf des WIR-Geldes (Klicken zum vergrössern).

Offiziell kann der WIR-Franken nicht an Wert verlieren. Denn die WIR-Bank untersagt ihren Teilnehmern unter Androhung von Konventionalstrafen, WIR in Schweizer Franken umzutauschen. Deshalb gibt es offiziell keinen WIR-Kurs. Und wo kein Kurs ist, kann offiziell auch kein Kurs einbrechen. Die WIR-Bank kann deshalb behaupten, ein WIR-Franken entspreche ­genau einem Franken.

«Ruhe vor dem Sturm»

Der offizielle fixe «Kurs» kann aber WIR-Teilnehmer kaum beruhigen: Denn es gibt WIR-Händler, bei welchen man trotz Verbot WIR-Franken in Schweizer Franken umtauschen kann. Der Schwarzhandel floriert. Und er zeigt, dass ein WIR-Franken heute schon weniger Wert hat als ein Schweizer Franken: «Beim Umtausch von WIR-Geld bekommt man für 100 WIR-Franken derzeit zwischen 65 und 75 Schweizer Franken», sagt Peter Albisser.

Er ist einer der Ersten, die begonnen haben, mit WIR zu handeln. Albisser stellt klar, dass der Tausch von WIR-Geld in Schweizer Franken – trotz der von der WIR-Bank angedrohten Konventionalstrafen – nach Schweizer Gesetz 100 Prozent legal ist.

Der WIR-Händler hat in den Monaten seit der Neuerung des WIR-Systems noch keine markante Kursänderung festgestellt. Doch er sagt: Im Moment stehe das Geschäft praktisch still. Es gebe wenige, die WIR verkaufen wollen, aber ebenso wenige, die WIR kaufen. «Ich vermute, das ist die Ruhe vor dem Sturm. Viele warten ab, wie es mit dem WIR-Geld weitergeht.»

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