Experten warnen vor Glaubenskrieg bei Erdgassuche

Politiker von links bis rechts lehnen das Fracking ab. Auch der Bundesrat äussert Zweifel. Laut Geologen gefährdet diese Bohrtechnik die Umwelt aber nicht.

Experten fordern eine sachliche Diskussion: Anlage der Erdgas Ostschweiz AG.

Experten fordern eine sachliche Diskussion: Anlage der Erdgas Ostschweiz AG.

(Bild: Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Unter Schweizer Geologen wächst die Sorge, dass diffuse Ängste die Debatte über die Erdgassuche in der Schweiz dominieren. «Es braucht mehr klare, sachlich-wissenschaftliche Informationen statt Glaubensdiskussionen», sagt Peter Burri, Präsident der Schweizerischen Vereinigung von Energie-Geowissenschaftlern. Das findet auch Georg Stucky, Verwaltungsratspräsident der Aktiengesellschaft für Schweizerisches Erdöl: «Es sind technische Fragen, die nicht verpolitisiert werden dürfen.»

Ausgelöst hat die Kontroverse eine Technik bei der Erdgassuche: das Fracking. Am Bodensee suchen britische Konzerne nach Erdgasvorkommen, die in 2000 bis 3000 Meter Tiefe in dichtem, wenig durchlässigem Gestein eingeschlossen sind. Herauslösen lässt sich das Gas nur, indem Risse im Gestein erzeugt werden – mit hohem Druck und bisher meist mit einem Gemisch aus Sand, Wasser und Chemikalien. Die Gegner befürchten, dass dies das Trinkwasser verpesten könnte. Sie verweisen auf die USA, wo an mehreren Orten der Giftcocktail durch Risse in den Erdschichten ins Grundwasser gesickert sei.

Wirtschaft gibt Gegensteuer

Der Bundesrat ist gegenüber dem Fracking kritisch eingestellt. Umweltministerin Doris Leuthard (CVP) mahnte jüngst, es seien bei dieser Methode noch viele Fragen offen, speziell was die Umweltaspekte anbelange. Die Wasserqualität werde oft nicht beobachtet, sodass man Langzeitschäden nicht abschätzen könne. Besorgt geben sich auch Parlamentarier. SVP-Nationalrat Lukas Reimann qualifiziert Fracking als «nicht hinnehmbares Risiko», der Bodensee diene über vier Millionen Menschen als Trinkwasserspeicher. In einem Vorstoss fordert er nun, dass sich der Bundesrat auf internationaler Ebene gegen die Fracking-Pläne einsetzt. Unterzeichnet haben ihn über 50 Nationalräte aus allen grossen Parteien.

Diese breite Front schreckt Experten auf. Auch die Wirtschaftsverbände Economiesuisse und Swissmem warnen davor, diese Technik vorschnell zu verteufeln. Es geht um einiges: Im Schweizer Untergrund vermuten Fachleute bis zu 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas – eine Menge, die ausreicht, um den Schweizer Erdgasbedarf während über 60 Jahren zu decken. Ohne Fracking ist es laut Burri kaum möglich, diese Volumina zu fördern. «Die Technologie hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt», sagt Burri. So sei es heute möglich, Bohrungen abzuteufen, ohne der Umwelt zu schaden, zum Beispiel mit Fracking ohne Wasser und ohne chemische Zusätze.

Die Vorfälle in den USA führt er nicht auf die Fracking-Methode zurück, sondern auf «lausige, unsorgfältige Bohroperationen». Es gebe aus Zehntausenden von Bohrungen in Nordamerika nicht einen einzigen nachgewiesenen Fall von Fracking-Rissen an die Oberfläche oder ins Grundwasser.

Gute Erfahrungen am Genfersee

Gute Erfahrungen gemacht hat auch Werner Leu, leitender Geologe bei Petrosvibri. Die Schweizer Explorationsfirma hat am Genfersee kürzlich eine Tiefbohrung direkt am Ufer abgeteuft, ohne dass Gewässer verschmutzt worden seien. «Sicherheitsmassnahmen wurden sorgfältig vorbereitet und mit Behörden und Umweltschutzorganisationen abgesprochen und kontrolliert.»

Just diesen Punkt heben die Experten als entscheidenden Vorteil hervor: In Europa und auch in der Schweiz lasse sich die Erdgassuche professionell und nach klaren Umweltvorgaben durchführen und kontrollieren, sagt Burri. Eine einheimische Produktion verschwende zudem nicht unnötig Energie, so, wie dies der Fall sei, wenn Gas etwa von Sibirien über 4000 Kilometer nach Westeuropa transportiert werde. Erste Kantone wie Aargau und Solothurn regeln nun mit neuen Gesetzen die Suche im tiefen Untergrund (TA vom 15. Dezember). Das weckt Ängste vor einem föderalen Geflecht. Burri fordert deshalb landesweite Richtlinien.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt