Achtung, die Babyboomer kommen

In der Debatte um die Rentenreform sind die Babyboomer eine Zielscheibe. Sie gelten als Profiteure, die es sich auf Kosten der Jungen gut gehen lassen. «Wir haben das Land vorangebracht», verteidigt Redaktor Stefan von Bergen seine Generation.

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Wir stehen unter An­klage. Wir, das sind die Babyboomer. Die geburtenstarken Jahrgänge der 50er- und 60er-Jahre, die in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren in Massen in die Pension marschieren werden. Weil wir so zahlreich und noch so fit sind, werden in den Zügen bald noch viel mehr ergraute Wandergruppen sitzen als heute. Und das ist nur der kleinste Ärger, den wir auslösen.

Im Vorfeld der Rentenabstimmungvom 24. September wirft man uns vor, wir würden bei der Altersvorsorge eine gewaltige Umverteilung von den Jungen zu uns Alten antreiben. Weil wir so viele seien, aber so wenig Kinder gezeugt hätten.

Unsere El­tern hätten alles dafür getan, dass es uns mal besser gehen würde. Wir aber würden auf Kosten un­serer Kinder leben, die dereinst unsere Renten finanzieren würden, schrieb die «Weltwoche». Und sie schloss: Wir seien die «unverschämteste Generation der Geschichte».

Die Kritik geht etwa so weiter: Weil wir Babyboomer so zahlreich sind und so fleissig abstimmen, würden wir uns am 24. September an der Urne auch noch die mo­natliche Rentenerhöhung um 70 Franken gönnen, ohne uns um die Folgen für unsere Nachkommen zu kümmern. Nach dem Motto «Après nous le déluge» – nach uns die Sintflut.

Mit einem «wir», das über meine Familie oder mein Team im Job hinausgeht, habe ich immer schon Mühe gehabt. Wir Babyboomer: Das ist mir eigentlich zu gross. Ich kann mich nicht kollektiv für eine ganze Generation schämen. Ein Schuldgefühl verspüre ich nur individuell. Man kann sich ja seinen Jahrgang nicht auswählen.

Und überhaupt: Ich habe immerhin zwei Söhne gezeugt und geholfen, sie auf­zuziehen. Ich habe also knapp die Geburtenziffer von 2,1 Kindern erreicht, die zur Reproduktion der Gesellschaft nötig wäre. Derzeit liegt die Geburtenrate in der Schweiz nur bei 1,5 Kindern pro Frau. Das ist – vorsorgetechnisch betrachtet – ein Problem.

Zugegeben: Meine Generation hat ein günstiges Zeitfenster erwischt. Ich wuchs in Frieden, Wohlstand und Freiheit auf. Soziale Marktwirtschaft und Hochkonjunktur haben meinen Werdegang gepolstert. Nach dem Studium fand ich gleich einen Job, ohne Umweg über ein schlecht bezahltes Praktikum.

Der Konkurrenzkampf war da­mals noch milder als in der glo­balisierten Schweiz von heute.Mein Lohn stieg immer mal wieder an. Arbeitslosigkeit war für mich und meine Freunde lange ein Fremdwort. Ich weiss: Für meine Generation musste man neue Schulhäuser und Autobahnen bauen. Die Staatsverschuldung wuchs im Takt mit dem Personalbestand unserer Jahrgänge.

Aber mit Verlaub: Wenn ich schon in Kollektivhaftung ge­nommen werde, dann gäbe es auch ein paar historische Leistungen meiner Generation zu erwähnen. Dafür ein «wir» zu verwenden, fällt mir schon etwas leichter. Also: Weil wir so viele waren, musste man nicht wie heute Spezialkräfte aus dem Ausland holen, um Wohlstand zu schaffen.

Lasst uns erst mal bis 65 durcharbeiten, bevor ihr das Rentenalter erhöht.

Wir Babyboomer zahlen insgesamt Unsummen von Steuern in die Staatskasse. Weil wir so zahlreich sind, liefern wir derzeit so viel Beiträge in die AHV ab, dass diese noch einigermassen im Lot ist. Und wir kurbeln durch unseren Konsum die Wirtschaft an. Allein in unsere Kinder haben meine Frau und ich gemäss Erhebungen über eine Million Franken investiert.

Apropos Frauen: Jene aus der Babyboomer-Generation sind im grossen Stil in die Arbeitswelt eingetreten, haben das Brutto­sozialprodukt gesteigert und ma­nagen nebenher noch ihre Familien. Wir haben das Verhältnis zwischen den Generationen ge­lockert, weil wir zu unseren Kids nicht mehr dieses kalte Autoritätsverhältnis früherer Epochen haben.

Wir haben Freiheiten er­kämpft: Sich scheiden zu lassen, das Lebensmodell zu wählen, den Partner zu wechseln. Wir haben NGOs und neue Parteien ge­gründet und so die Politik vitaler und transparenter gemacht. Wir sind jung geblieben und werden in Jeans und zu Rock ’n’ Roll ins Rentenalter tanzen.

Um noch einer Verwechslung vorzubeugen: Wir sind keine 68er. Die wurden nämlich vor uns geboren. Wir haben deshalb auch eine gewisse Skepsis gegenüber den radikalen Theorien und il­lusorischen Utopien von 1968. Wir sind pragmatischer. Wir sind auch nicht alle links.

Zu uns ge­hören ja auch Leute wie Verleger Roger Köppel von der erwähnten «Weltwoche», FDP-Politikerin Karin Keller-Sutter oder Stadler-Rail-Unternehmer Peter Spuhler, der in der SVP politisierte.

Wenn ich schon beim «wir» bin, möchte ich ein paar Nachteile erwähnen, die gegen unser Image der Profiteure sprechen. Von den Renten, die meine noch zu Kriegszeiten aufgewachsenen Eltern derzeit beziehen, werde ich dereinst nur träumen können. Sie sind die «Generation Gold».

Wir Babyboomer aber erleben, dass unsere Pensionskassenguthaben durch das stetige Schrauben am Umwandlungssatz schmelzen wie Gletschereis an der Sommersonne. Und weil die Pensionskassen­abzüge mit zunehmenden Alter steil ansteigen, zahlen wir Babyboomer derzeit Rekordbeiträge ein – und sind deshalb für die Arbeitgeber teuer.

Der Vorsorgespezialist Stefan Thurnherr hat im «Blick» sogar gesagt: «Die Babyboomer sind die verlorene Generation.» Das ist etwas zugespitzt, aber er hat recht damit, dass wir die Reservebildung der klammen Pensionskassen finanzieren und zu­schauen, wie die Negativzinsen unsere Vorsorge wegfressen. Will man es uns also wirklich verübeln, wenn wir 70 Franken zu­sätzliche AHV nicht gleich als ei­ne Unverschämtheit betrachten?

Noch ein Wort an jene, die das Pensionsalter erhöhen wollen: Lasst uns Babyboomer überhaupt mal bis 65 durcharbeiten. Ein 56-jähriger Kollege hat mir von der Zusammenkunft seiner früheren Gymerklasse erzählt. Schon ein Viertel dieser gut ge­bildeten Truppe steht nicht mehr im Arbeitsleben. Natürlich ist das eine zufällige Stichprobe und wohl auch selbstverschuldet.

Von meinen aus- und weiter­gebildeten Freunden haben aber in diesem Jahr gleich mehrere den Job verloren, sodass ich nicht mehr an individuelles Versagen glauben mag. Wer mal rausge­fallen ist, kommt schwer wieder rein, weiss ich von den Freunden. Am Anfang unserer Laufbahn mag es für uns Babyboomer nur aufwärtsgegangen sein. Aber das ist vorbei. Und es ist okay so.

Als wir ins Er­wachsenenleben starteten, schien die Zukunft vielversprechend, die Hoffnung gross, das Leben leicht.

Man findet in jedem Zeitfenster etwas, das für frühere oder spätere Generationen besser oder schlechter ist. Was für uns Babyboomer gut war: Als wir ins Er­wachsenleben starteten, schien die Zukunft vielversprechend, die Hoffnung gross, das Leben leicht. Zu unserer DNA gehört das Gefühl, dass es vorangeht. Nun geht es zu unserem eigenen Erstaunen voran in die Pension.

Aber auch die erscheint uns vielversprechend. Wir sind gut im Schuss. Wir haben noch jede Menge Projekte, viele von uns werden nach 65 weiterarbeiten. Und viele werden unentgeltliche Freiwilligenarbeit leisten, die in keiner Umverteilungsbilanz zwischen den Generationen je ausgewiesen wird.

Damit das klar ist: Zu den 70 Franken Rentenaufschlag werde ich nicht Nein sagen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.08.2017, 09:48 Uhr

Redaktor Stefan von Bergen (57). (Bild: Andreas Blatter)

Infothek

Das sind die Babyboomer Ab 1954 stieg die Geburtenzahl in der Schweiz von 84 000 auf einen Spitzenwert von 113 000 pro Jahrgang.

Von keinem Jahrgang in der Geschichte gibt es mehr als von den heute 53-Jährigen. Infolge des Pillenknicks ging dann die Geburtenzahl bis 1974 zurück auf das Ursprungsniveau von 84 000.

1945 lag die Geburtenziffer nach kriegsbedingtem Rückgang bei 2,6 Kindern pro Frau, im Superjahr 1964 dank weit verbreitetem Wohlstand gar bei 2,7 Kindern. Bis Ende der 1970er-Jahre ging die Zahl der Geburten dann auf den Tiefststand von 71 000 zurück.

In den letzten Jahren ist sie wieder gestiegen auf zuletzt 87 700 im Jahr 2016. Obwohl gebärfreudigere Ausländerfamilien eingewandert sind, liegt die Geburtenziffer derzeit nur bei etwa 1,5 Kindern pro Frau. Für eine Reproduktion der Gesellschaft wären 2,1 Kinder nötig.

Der Babyboom von 1954 bis 1974 hat die Schweizer Alters­pyramide so verändert, dass die Finanzierung der Renten zum Problem wird. 1960 kamen sechs Erwerbstätige auf einen Rentner. Heute sind es nur noch 3,3 Erwerbstätige, in zwanzig Jahren werden es noch 2,2 sein.

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