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Erster Fifa-Prozess verkommt zum unberechenbaren Corona-Fall

Im Betrugsprozess um die Fussball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland übernimmt nun ein Tessiner Medizinprofessor die Hauptrolle.

Ohne seinen gesundheitlich angeschlagenen Mandanten Theo Zwanziger vor Ort: Verteidiger Beat Luginbühl mit einer Assistentin. Foto: Freshfocus
Ohne seinen gesundheitlich angeschlagenen Mandanten Theo Zwanziger vor Ort: Verteidiger Beat Luginbühl mit einer Assistentin. Foto: Freshfocus

Das Coronavirus und andere ­Leiden machen den Auftakt der Gerichtsverhandlung um sonderbare Millionenverschiebungen vor der Fussball-WM 2006in Deutschland zähflüssig, aber überraschungsreich. Nun mussten sogar die mit Spannung erwarteten Einvernahmen des Ex-Fifa-Präsidenten Sepp Blatter und des legendären Günter Netzer abgesetzt werden. Vorläufig aus dem Gerichtssaal verdrängt hat sie ein Tessiner Medizinprofessor namens Luca Gabutti.

Der Chefarzt am Regionalspital Bellinzona wusste gemäss eigenen Angaben nicht einmal, worum es beim Prozess ging, bei dem er am Nachmittag die Hauptrolle übernahm. Mittlerweile dürfte er erfahren haben, dass sich die Vorwürfe um Betrug vor der WM drehen, die als «Sommermärchen» in die deutschen Annalen einging.

Der kurzfristig aufgebotene Gabutti sollte die unausgesprochene Frage beantworten, ob sich die deutschen Angeklagten mit medizinischen Gefälligkeitsgutachten vor der Verhandlung drückten. Dem Professore oblag es, deren Reise- und Verhandlungsfähigkeit einzuschätzen.

Zum Prozessauftakt am Montag war von den vier Angeklagten einzig der Schweizer Urs ­Linsi, früher Fifa-Generalsekretär, in Bellinzona erschienen. Drei Ex-Chefs des Deutschen Fussball-Bunds (DFB) hatten sich aus medizinischen Gründen ­abgemeldet, was das Gericht als «unentschuldigt» wertete. Die Strafkammer zeigt sich entschlossen, die Verhandlung durchzuführen, zumal bereits Ende April Verjährung droht. Alle Verteidiger, insbesondere jene der Abwesenden, verwiesen aber auf die erhöhte Sterberate bei älteren Corona-Infizierten. Die Angeklagten sind zwischen 69 und 78 Jahre alt.

Der Entscheid, ins Tessin einzureisen, sei letztlich eine ethische und keine ­medizinische Frage.

Der Medizinprofessor ­Gabutti räumte ein, dass das Ansteckungsrisiko im Tessin höher sei als in Deutschland. Er machte aber auch deutlich, dass man sich durch verschiedene ­Massnahmen schützen könne. Die Corona-­Gefahr allein spreche nicht gegen eine Reisefähigkeit. Allerdings sei das letztlich eine ethische und keine medizinische Frage.

Dem 78-jährigen ­Beschuldigten Horst R. Schmidt hatten deutsche Ärzte wegen eines Herzleidens dringend von der Teilnahme am Prozess abgeraten. Sein Verteidiger erklärte, es sei – auch mit Blick auf Corona – ein «Skandal», dass das Gericht seinen Mandanten einem «lebensbedrohlichen Risiko» aussetzen wolle. Der Sachverständige Gabutti mutet dem ehemaligen DFB-Funktionär trotzdem eine Autofahrt aus der Gegend um Frankfurt nach Bellinzona zu. Nur vor Ort könne er beurteilen, ob Schmidt fähig sei, der Verhandlung beizuwohnen.

Zum ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger konnte Gabutti keine Einschätzungen abgeben. Nach einer Augenoperation waren bei dem 74-Jährigen vergangene Woche schwere Komplikationen aufgetaucht. Doch der Versuch Gabuttis, beim behandelnden Kollegen in Deutschland per Telefon den neuesten Stand über den Patienten zu erfahren, scheiterte an der Combox. Das Gericht hat ­Gabutti deshalb damit ­beauftragt, es nochmals zu versuchen.

Warnungen ignoriert

Zum zweiten Prozesstag gestern war mit Wolfgang Niersbach ein Beschuldigter überraschend aufgetaucht, der am Montag noch gefehlt hatte. Er schlage, so ­betonte Zwanzigers Nachfolger im DFB-Präsidium, die Warnung seines Arztes in den Wind, «sich angesichts der aktuellen Lage in der Schweiz und dem nahen Italien nicht der Gefahr einer Infektion auszusetzen». Er müsse «dieses gesundheitliche Risiko in Kauf nehmen», um sich «vom Albtraum dieses über vier Jahre dauernden Verfahrens» zu befreien und einen «eindeutigen Freispruch» zu erlangen.

Derweil verhängte die Tessiner Regierung den Notstand über den Kanton und verbot alle Veranstaltungen mit über 50 Personen. Dem «Sommermärchen»-Fall wohnen mit Vertretern des Gerichts, der Parteien, der Polizei und der Medien mehr Personen bei.

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