Erneut sorgt ein Kesb-Fall für grosse Irritationen

Ein Fall aus Wettswil am Albis macht Schlagzeilen wegen hoher Kosten – und einer offensichtlichen therapeutischen Überforderung gegenüber einem Zwölfjährigen. Aktuell ist dieser in der Psychiatrischen Klinik Basel untergebracht.

Sefika Garibovic tritt als Expertin für eine strenge Erziehung ein.

Sefika Garibovic tritt als Expertin für eine strenge Erziehung ein. Bild: zvg

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Der heute zwölfjährige B. kam 2008 mit seiner Mutter Tatsiana Z. von Weissrussland in die Schweiz. Schon im Kindergarten fingen die Probleme an. Das Kind kam in die Sonderschule, mit neun ins Internat.

Vor eineinhalb Jahren wurden die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) eingeschaltet, nachdem der Partner der Mutter handgreiflich gegen den Jungen geworden war; er ist nicht der leibliche Vater. Die «Schweiz am Wochenende» hatte den Fall publik gemacht und in der Schlagzeile die Mutter zitiert: «Mein Sohn ist teurer als Carlos.»

Ihre Aussage bezieht sich darauf, dass der Junge nach dem Scheitern diverser Sondersettings in die Kinderabteilung der Psy­chiatrischen Universitätsklinik Zürich eingewiesen wurde. Dafür sollen in einem Monat Kosten von 85 000 Franken angefallen sein.

Für den therapeutischen Teil kam die Krankenkasse auf. Rund 50 000 Franken zusätzlich kostete die Bewachung rund um die Uhr durch einen externen Sicherheitsdienst. Diese wurde wegen Sicherheitsbedenken der Klinik aufgezogen. Der Junge falle durch impulsive Ausbrüche auf. Die Rechnung ging an die Wohngemeinde der Mutter, Wettswil am Albis.

Medikamentös ruhiggestellt

Man habe die Rechnung an den Kanton weitergesandt, sagt dazu Gemeindepräsident Hanspeter Eichenberger (SVP). «Ich gehe davon aus, dass für uns die Sache damit erledigt ist.» Bei Ausländern müsse der Kanton in den ersten Jahren für die Sozialkosten aufkommen, nicht die Gemeinde.

In den besagten Fall sei Wettswil gar nie involviert gewesen. Zuerst habe sich das kantonale Amt für Jugend- und Berufsberatung um den Jungen gekümmert, dann die Kesb. Er kenne Frau Z. gar nicht.

Mittlerweile befindet sich B. in der Forensik der Psychiatrie in Basel. Dort gibt es einen haus­internen Sicherheitsdienst, was zu tieferen Kosten führt: noch ­gesamthaft 43 000 Franken pro Monat. Bei Carlos, der 2013 für Schlagzeilen sorgte, waren es rund 30 000 Franken gewesen.

Allzu hoffnungsvoll erscheint die Situation für B. jedoch nicht. Er sei therapie- und medikamenten­resistent geworden, heisse es im Ärztebericht. Dieser erwähne neben psychischen und sozialen Störungen auch ein Trauma durch Gewalterfahrungen.

Tatsiana Z. hatte sich vor sechs Monaten der Expertin für Nacherziehung und Buchautorin Sefika Garibovic anvertraut. Garibovic tritt für eine strenge Erziehung mit klaren Grenzen für die Jugendlichen ein. Sie wird gerne in Fernsehsendungen eingeladen, um ihre Standpunkte darzulegen.

Nicht zuletzt wenn es um Problemjugendliche mit Migrationshintergrund geht. Garibovic erzählt, wie sie B. mit der Mutter in Basel besucht hat. Sie hätten ihn nur im Beisein des Sicherheitsdienstes sehen dürfen. Er sei so unter Medikamenteneinfluss gestanden, dass er kaum habe sprechen können. Sie berichtet auch von Würge­malen, die dem Jungen von einer Insassin zugefügt worden seien.

Probleme mit «Gspürsch mi?»

So weit hätte es nicht kommen müssen, sagt Garibovic. Sie hatte der Beiständin von Tatsiana Z. angeboten, den Fall zu über­nehmen. Diese habe das Angebot aber gar nicht weitergeleitet. Für 5000 Franken pro Monat würde sie ein Setting für Mutter und Sohn aufbauen, führt Garibovic aus. Dieses fände zu Hause bei der Familie statt. «Alle Therapien und Medikamente absetzen ist immer der erste Schritt.»

Die Schule würde einbezogen – mit Schulen mache sie, anders als mit Beiständen, meist gute Erfahrungen. Klar sei, dass auch die Mutter lernen müsste. Diese sei sich bewusst, dass sie Fehler mit dem Kind gemacht habe. Sie sei aber weder Alkoholikerin noch drogenabhängig. In zwei bis drei ­Sitzungen pro Woche würde dann therapeutisch miteinander gearbeitet – und zwar nicht nach dem «Gspürsch mi?»-Ansatz. ­Damit könne sie nichts anfangen.

Immer fragen müssen

In dem Punkt scheinen die Therapeutin und die Mutter übereinzustimmen. In diversen Medien hat Tatsiana Z. ihr Unverständnis gegenüber den von der Kesb veranlassten Settings geäussert. Diese bestanden etwa aus einer Reise in Frankreich per Kutsche mit Mutter, Partner, Kind und Sozialarbeiterin.

Der Ausflug wurde ­abgebrochen, weil die Mutter ausrastete. Dann ziehen die drei zu einer Sozialarbeiterin an den ­Ägerisee. Nach zweieinhalb Monaten wird auch diese Übung beendet. Sie hätten den Jungen immer fragen müssen, was er wolle, so die Mutter. Er gehe dann schon freiwillig in die Schule.

Alexandra Zürcher, Präsidentin Kesb Affoltern am Albis, nimmt dazu nur zurückhaltend Stellung. Zum Fall selbst dürfe sie zum Schutz der Persönlichkeitsrechte des Jungen nichts sagen. Dass er in Basel kaum passend untergebracht sei, will sie weder dementieren noch bestätigen. «Wir prüfen alle Alternativen – wenn es denn solche gibt.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.04.2017, 08:09 Uhr

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