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«Er wird sich hüten, je wieder so sexistisch zu schimpfen»

Der Onlinekommentator, der sich gegen Juso-Frauen abfällig geäussert hat, ist am Freitag freigesprochen worden. «Gar nicht so schlecht», sagt die Klägerin.

Frau Spiess-Hegglin, Sie haben als Geschäftsführerin von Netzcourage einen Onlinekommentator angezeigt; der Mann hatte sich auf Facebook abfällig gegen Juso-Frauen geäussert, die in einem Video mit nacktem Oberkörper ihre BHs verbrannten: «Geili Chatze, wenn sie kei Hirni hei müesse si haut Bübi zeige!», schrieb er. Heute wurde er freigesprochen. Das ist gar nicht so schlecht. Wir haben unser Ziel erreicht: Der Mann wird sich hüten, je wieder auf solche primitive und sexistische Weise ins Internet zu schimpfen, denn er hat deswegen einen beschwerlichen Weg gehen müssen – und wir auch. Wenn er verurteilt worden wäre, wäre er wohl richtig verärgert gewesen. Er wäre aggressiv und in der Folge wohl zu einem Problemfall geworden.

Es ist nicht der erste Kommentator, den sie angezeigt haben.

Nein, seit Herbst 2016 haben meine Co-Präsidentin Irina Studhalter und ich für Betroffene von Anfeindungen in sozialen oder elektronischen Medien bereits gegen 150 Anzeigen eingereicht. In 60 Fällen konnten wir einen Vergleich erwirken, in weiteren 50 Fällen wurde der Urheber – es handelt sich fast durchwegs um Männer – verurteilt. Die übrigen Fälle sind noch offen.

Sie haben viele Vergleiche erwirkt. Waren die Fälle zu wenig gravierend für eine Verurteilung?

Ganz und gar nicht. Aber wir wollen uns nicht rächen, unser Ziel ist nicht eine Verurteilung, sondern ein Vergleich. Das bringt unserer Erfahrung nach am meisten. Wenn es die Staatsanwaltschaft bewilligt, sitzen wir mit dem Beschuldigten an einen Tisch und diskutieren, wie es weitergehen soll. In der Regel schlagen wir vor, dass er einer gemeinnützigen Organisation Geld spendet – das kann Netzcourage selber oder irgendein gutes Projekt sein. Wenn er einwilligt, ziehen wir unsere Anzeige zurück. Wir reden in freundlichem Ton und schauen nicht aus der Warte der Klägerin auf den Beschuldigten herunter. So gehen wir am Ende fast immer einvernehmlich auseinander, es kommt zu keinen weiteren Anfeindungen. Manchmal trinken wir sogar noch ein Bier zusammen. Das ist immer der beste Moment. Der Mann, der heute freigesprochen wurde, ist jedoch nicht auf einen Vergleich eingegangen.

«20 Minuten» fragte seine Leserschaft online: Ging der Kommentator zu weit? 71 Prozent meinten: Nein, alles halb so wild. Übertreiben Sie?

Das Umfrageresultat überrascht mich nicht. Diese Haltung ist bezeichnend für die Leserschaft dieser Zeitung. Es ist wichtig, dass sich die Betroffenen wehren. Es braucht zwar viel Kraft und es braucht Mut, diesen Männern gegenüberzutreten. Aber wenn wir uns nicht wehrten, hiesse das, wir würden die Aussage akzeptieren und dann ginge es immer weiter und weiter.

Haben Sie Hinweise, dass Ihre Interventionen etwas bewirken?

Ja, natürlich. Wir haben bereits gegen 40 Anzeigen im Namen von Juso-Präsidentin Tamara Funiciello eingereicht. Seither haben in den sozialen und elektronischen Medien die Anfeindungen ihr gegenüber um zwei Drittel abgenommen. Es spricht sich herum, dass sie sich wehrt.

Mussten Sie auch Misserfolge hinnehmen?

Nicht wirklich, wenn man sich die Zahlen so vor Augen führt. Wir haben 150 Verfahren eingeleitet, 110 wurden abgeschlossen. Einige wenige Anzeigen wurden abgewiesen, doch wir mussten nur bei einem Fall einen Kostenanteil von 300 Franken übernehmen.

Hat Ihr Engagement auch mit Ihrer eigenen Geschichte zu tun? Auch über Sie war ein Shitstorm hereingebrochen, nachdem die ungeklärten Vorkommnisse nach der Zuger Landammannfeier 2014 in den Medien breitgetreten wurden.

Mein Engagement hat natürlich auch mit meiner Geschichte zu tun. Ich habe während dieser Zeit Resilienz entwickelt und viele Strategien ausprobiert: Mich wehren, mich nicht wehren, mich äussern, schweigen. Für Fehlentscheidungen habe ich gebüsst. Aber jetzt habe ich viele Erfahrungen gesammelt und möchte Frauen unterstützen, welchen ebenfalls Steine in den Weg gelegt werden.

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