Zum Hauptinhalt springen

Empörung über die Pläne für Atomendlager

Sechs Regionen eignen sich in der Schweiz geologisch zum Bau von Tiefenlagern für radioaktive Abfälle. In allen formiert sich Widerstand.

TA/Michael Treuthardt

Die Suche nach einem Standort für ein Atommülllager in der Schweiz konkretisiert sich. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) schlägt dem Bund sechs Regionen vor. Nach den ersten Reaktionen der betroffenen Kantone zu schliessen, wird die Überzeugungsarbeit allerdings schwierig. Verschiedene Kantonsregierungen wehrten sich gestern in scharfen Communiqués gegen die Pläne der Nagra und des Bundesamtes für Energie (BfE).

Wellenberg wieder ein Thema

Der Zürcher Regierungsrat Markus Kägi erklärt im TA-Interview, Zürich habe «bereits heute zahlreiche Sonder- und Zentrumslasten zu tragen, die der ganzen Schweiz zugute kommen». Grundsätzlich unterstützt er aber das Standort-Auswahlverfahren. Kägi wird denn auch den Vorsitz eines «Ausschusses der Kantone» übernehmen. Dieser wird den Bund bei der Durchführung der Standortsuche begleiten.

Für den hochaktiven Atommüll hält die Nagra die Gebiete mit Opalinuston für geeignet: das Zürcher Weinland, «Nördlich der Lägern» auf der Grenze zwischen Zürich und Aargau und der Bözberg im Kanton Aargau. Für die schwachaktiven Abfälle kommen zusätzlich der Jura-Südfuss, das Gebiet «Südranden» im Kanton Schaffhausen und der Wellenberg in Nidwalden in Frage. Die Nagra hat nur die geologische Eignung berücksichtigt. Bei der weiteren Auswahl sollen zusätzlich raumplanerische und sozioökonomische Kriterien einbezogen werden. Auch die volkswirtschaftlichen Auswirkungen sollen untersucht und «mögliche Formen der Abgeltung» geregelt werden, hiess es gestern an einer Medienorientierung des Bundesamtes für Energie und der Nagra.

Eine Volksabstimmung zum Schluss

Das BfE wird in den nächsten Wochen Informationsveranstaltungen für die Bevölkerung durchführen. Erst in rund zehn Jahren dürfte die Nagra die Rahmenbewilligungsgesuche einreichen. Denkbar sind nach Abfallkategorie getrennte Lager oder ein Kombilager. Das letzte Wort hat dann das Stimmvolk. Ziel ist es, 2030 ein Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und 2040 eines für hochradioaktive Abfälle in Betrieb zu nehmen.

Sechs Regionen kommen für Atomendlager in Frage

Ursula Hafner-Wipf fiel aus allen Wolken. Zwei Wochen sind es her, da erhielt die Schaffhauser Regierungspräsidentin Post vom Bundesamt für Energie (BfE): «Mir wurde mitgeteilt, dass unser Kanton ein idealer Standort für ein Endlager für schwach oder mittelaktive Atomabfälle sei und in die engere Auswahl komme. Das kann doch nicht wahr sein!»

Gestern haben BfE und die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) auch vor den Medien über ihre Endlagerpläne informiert.

Grundsätzlich denkbar sind nach Abfallkategorie getrennte Deponien oder ein Kombilager. Die definitiven Rahmenbewilligungsgesuche wird die Nagra in etwa zehn Jahren einreichen. Über die Standortfrage endgültig zu entscheiden haben die Schweizer Stimmbürger an der Urne.

Für hochradioaktiven Müll, der eine Million Jahre lang sicher verwahrt werden soll, kommen ausschliesslich Gebiete mit Opalinuston in Frage: das Zürcher Weinland auf dem Kantonsgebiet von Zürich und Thurgau, «Nördlich Lägern» in Zürich und im Aargau sowie der Aargauer Bözberg.

Für schwächer strahlenden Müll werden zudem der Jura-Südfuss in den Kantonen Solothurn und Aargau, der Wellenberg in Nidwalden und eben der Schaffhauser «Südranden» ins Auge gefasst.

Das Wellenberg-Debakel

Fünf der sechs Regionen wurden in den letzten Jahren schon offiziell als mögliche Endlagerkandidaten gehandelt. Es gibt allerdings Nuancen. So zog die Nagra den Jurasüdfuss in einer Studie von 2005 noch als Lagerstätte für hochradioaktive Abfälle in Erwägung.

Neu auf dem Radar von Öffentlichkeit und Politik taucht «Südranden» auf; die Überraschung der Schaffhauser ist also berechtigt. Nagra-intern war das Gebiet indes bereits einmal im Gespräch. Das war in den Achtzigerjahren - ehe sich die Nidwaldner Regierung an den Bund wandte und ihm den Wellenberg als Aufbewahrungsort für schwach- und mittelaktive Abfälle offerierte. Die Nagra liess von «Südranden» ab und konzentrierte sich auf den Wellenberg. Dieses Vorhaben scheiterte dann aber am Widerstand der lokalen Bevölkerung: Die Nidwaldner haben das Projekt Wellenberg in zwei Urnengängen - 1995 und 2002 - versenkt.

Informationsoffensive geplant

In Bundesbern reagierte man auf dieses Verdikt mit zweierlei Massnahmen: Das Parlament beschloss 2003, dass die Kantone beim Thema Endlager nichts mehr zu entscheiden haben. Gleichzeitig erklärte die Landesregierung, sie wolle den Willen der Nidwaldner Stimmbürger akzeptieren. Noch diesen April beteuerte Energieminister Moritz Leuenberger an einer Medienkonferenz: «Der Wellenberg kommt aus demokratischen Gründen nicht in Frage.»

Vor diesem Hintergrund darf auch das Befremden im Kanton Nidwalden über die gestern präsentierten Lager-Pläne nicht überraschen. Die Kantonsregierung teilte per Communiqué mit: «Diese Kehrtwende widerspricht eklatant dem Grundsatz von Treu und Glauben.»

Demgegenüber wiesen Nagra-Geschäftsführer Thomas Ernst und BfE-Direktor Walter Steinmann darauf hin, dass bei der nun präsentierten Auswahl ausschliesslich die geologische Eignung mit Priorität bei der Langzeitsicherheit berücksichtigt worden sei. Raumplanerische, volkswirtschaftliche und weitere weiche Kriterien sollen erst in einer nächsten Stufe miteinbezogen werden, um die Auswahl zu reduzieren. Dieser Entscheid ist dann Sache des Bundesrates. «Wäre der Wellenberg heute nicht berücksichtigt worden, hätten die Vorschläge politische Schlagseite gehabt und wären unglaubwürdig gewesen», erklärte Steinmann. «Uns ist an einem transparenten Prozess mit Beteiligung der betroffenen Regionen gelegen.»

Mit dieser Botschaft werden BfE und Nagra in den kommenden Wochen in die betroffenen Regionen gehen. Zudem soll ein «Ausschuss der Kantone» den Bund im Verfahren begleiten. Darin können ebenfalls Vertreter aus Deutschland Einsitz nehmen.

Aargau als heimlicher Favorit

So neutral und transparent man sich beim Bund derzeit gibt - insgeheim hat man einen Hoffnungsträger: den Kanton Aargau, Standortkanton der AKW Leibstadt, Beznau I und II. Hinter vorgehaltener Hand verweist man im Departement für Umwelt, Verkehr-, Energie und Kommunikation (Uvek) auf Finnland. Dort entsteht das weltweit erste Endlager für abgebrannte Brennstäbe: auf dem Gelände eines AKW und mit Zustimmung der lokalen Bevölkerung. Mehrere vom TA angesprochene Uvek-Mitarbeiter sind darum der Ansicht, dass die Bevölkerung in der Umgebung eines oder mehrerer AKW - lies: die Aargauer - am ehesten Verständnis für das Entsorgungsproblem aufbringt.

Den Aargauer Regierungsrat Peter C. Beyeler empören solche Äusserungen. Im Gespräch mit dem TA liess der Umweltvorsteher seinerseits durchblicken, wo das Endlager am besten zu erstellen sei: im Zürcher Weinland. Seiner Meinung nach ist dies der sicherste Standort. Beyeler kann sich dabei auf die Nagra-Studie von 2005 berufen. Darin wird das Weinland in der Tat als die geeignetste Region für hochradioaktive Abfälle ausgewiesen.

Regierungsrätin Ursula Hafner-Wipf sieht ihren Kanton Schaffhausen deswegen aber noch lange nicht aus dem Schneider. Sie gibt jetzt eine sozioökonomische Studie in Auftrag, die aufzeigen soll, warum Schaffhausen auf gar keinen Fall als Standort für ein Atomendlager in Frage kommt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch