Eine halbe Kiste

Die Schweizer besitzen pro Kopf mehr Vermögen als alle anderen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Das reichste Land der Welt ist vor allem ein Land der sehr reichen Menschen. Foto: Keystone

Das reichste Land der Welt ist vor allem ein Land der sehr reichen Menschen. Foto: Keystone

Hannes Weber@hnnswbr

Manche Klischees sind wahr. Zum Beispiel das folgende: Die Schweizer sind die reichsten Menschen der Welt.

530'244 US-Dollar an Finanz- und Sachwerten besitzen erwachsene Schweizerinnen und Schweizer im Durchschnitt, wie die Credit Suisse für ihren «Global Wealth Report 2018» errechnet hat. Etwas weniger als im letzten Jahr, aber trotzdem: Weltrekord, mit deutlichem Abstand. Die zweitplatzierten Australier besitzen im Durchschnitt nur 411'060 Dollar.

530'244 Dollar, was für eine Zahl, eine halbe Kiste! Auch wenn Immobilien und private Vorsorgegelder mit eingerechnet sind – als die Schlagzeilen zum Bericht auf Schweizer Newsportalen auftauchten, dürften sich viele Leserinnen und Leser gefragt haben, was sie falsch machen. Warum sie so deutlich unter diesem Durchschnitt liegen. Und wer all die Menschen sind, die mehr als eine halbe Million Schweizer Franken auf der Seite haben.

Obwohl eine flüchtige Betrachtung suggerieren könnte, dass die Hälfte der Erwachsenen in der Schweiz so viel Geld hat, ist das falsch. Denn der Durchschnittsschweizer besitzt nicht 530'244 Dollar, sondern 183'339. Auch diese Zahl steht im CS-Bericht. Es ist der Median – die Zahl der Reicheren ist genau gleich gross wie diejenige der Ärmeren. Weil die riesigen Summen der höchsten Vermögen auf diesen Mittelwert keinen Einfluss haben, reflektiert er die ungleiche Verteilung von Vermögen besser und fällt deutlich tiefer aus. Nimmt man ihn als Referenz, ist der grosse Vorsprung plötzlich weg und die Schweiz landet auf dem zweiten Rang – hinter Australien, wo das Medianvermögen mit 191'450 Dollar leicht höher ist.

Auch weitere Zahlen aus dem CS-Bericht zeigen: Das reichste Land der Welt ist vor allem ein Land der sehr reichen Menschen. 725'000 Schweizer sind Dollar-Millionäre, mehr als jeder zehnte Erwachsene zählt zu dieser Gruppe. Auch das: Weltrekord. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besteht zu 1,8 Prozent aus Schweizern –Bewohner eines Landes, das nur 0,1 Prozent der Menschen auf dem Planeten beheimatet. Und auch die Superreichen sind sehr gut vertreten: Fast tausend Schweizer haben laut dem Report mehr als 100 Millionen Dollar.

Nicht weltrekordverdächtig ist das andere Ende der Skala. 13,7 Prozent der erwachsenen Schweizer besitzen weniger als 10'000 Dollar. Unter ihnen sind zwar auch junge Erwachsene, die später mehr besitzen werden, Studenten etwa. Es sind aber auch zahlreiche Menschen, die kaum je zu Besitz kommen oder Geld zur Seite legen können. Oder bei denen wegen Schulden gar ein Minus vor dem Vermögen steht.

In der Schweiz steigt das Vermögen dank hoher Stabilität seit sehr langer Zeit an. Doch die Ungleichheit geht trotz diesem Anstieg kaum zurück. Laut CS-Bericht ist die Schweiz das einzige unter den zehn Ländern, von denen die Vermögensverteilung über einen langen Zeitraum vorliegt, das in über hundert Jahren in keiner Periode eine signifikante Reduktion der Ungleichheit erlebt hat.

Diese etwas ausführlichere Betrachtung der CS-Zahlen zeigt: Der Durchschnittsschweizer ist reich, aber nicht halber Millionär. Und Klischees können furchtbar falsch sein. Die alleinerziehende Schweizerin mit Schulden mag im reichsten Land der Welt leben – sie gehört sicher nicht zu den reichsten Menschen der Welt.

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