Good News zum Hunger

Ist die Welt heute in Schieflage, fragt Stefan von Bergen und blickt zurück in die Geschichte.

Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Vor genau hundert Jahren verordnete der Bundesrat den Schweizerinnen und Schweizern zwei fleischlose Tage in der Woche. Ein staatlicher Eingriff in die private Speisekarte, echt jetzt? Veganer wären heute vielleicht erfreut, bürgerliche Politiker und die Fleischlobby verärgert. Am 23. Februar 1917 verordnete die Schweizer Landesregierung tatsächlich einen Fleischverzicht, allerdings aus purer Not.

Der Erste Weltkrieg, garstiges Wetter und Missernten ­hatten zu einer Versorgungs­krise geführt, auf die die Behörden nicht vorbereitet waren. Der Hunger, diese überwunden geglaubte Geissel, kehrte zum letzten Mal in die Schweiz zurück.

Was geht das uns heute an? Wir haben mehr als genug zu essen, verzichten freiwillig auf Fleisch und bemühen uns, den Food-Waste zu reduzieren. Hunger in der Schweiz, das mutet wie eine skurrile Erinnerung aus einer fernen Epoche an. Geografisch betrachtet aber ist uns der Hunger immer noch nahe. Tausende von Kindern hungern gerade im Südsudan, in Nigeria oder Somalia. 795 Millionen Menschen sind weltweit mangelhaft ernährt.

Das ist schlimm und zeigt, wie schlecht die Welt ist, sagt etwa der Dauer-Hunger- Kritiker Jean Ziegler in jedem seiner Bücher und weckt so das schlechte Gewissen von uns Wohlgenährten.

Man kann unsere verblasste Erinnerung an den Hunger aber auch als gute Nachricht verstehen. Wenn es bei uns möglich war, den Hunger in den letzten hundert Jahren zum Verschwinden zu bringen, dann ist es auch anderswo möglich. Hunger ist nicht ein unausweichliches Schicksal, es ist ein lösbares Problem und eine Frage der internationalen Organisation.

Allein in den letzten fünfzehn Jahren ist die Zahl der Hungernden laut UNO um 216 Millionen zurückgegangen, ihr Anteil von 18 auf 11 Prozent der Weltbevölkerung. Hunger ist jedoch immer noch eine der grössten Todesursachen weltweit.

Aber laut der Weltgesundheitsorganisation WHO starben 2016 fast gleich viele Menschen an Herzkrankheiten. Sie sind oft eine Folge von Fettleibigkeit. Sie ist das Gegenteil des Hungers.

Berner Zeitung

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