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«Drohungen und Repressionen nehmen zu»

Der Swissaid-Entführungsfall im Tschad zeigt einen Wandel in der Entwicklungshilfe. Regierungen beargwöhnten Hilfswerke zunehmend, sagt Mark Herkenrath von Alliance Sud. Er benennt die Ursachen.

Eine Afrikanerin verkauft Sheabutter. Das Produkt aus den Nüssen des Karitébaums findet auch in der Schokoladenherstellung Verwendung.
Eine Afrikanerin verkauft Sheabutter. Das Produkt aus den Nüssen des Karitébaums findet auch in der Schokoladenherstellung Verwendung.
Getty Images

Das Hilfswerk Swissaid handelte schnell: Nach der Entführung ihres tschadischen Chauffeurs im Juni zog die Organisation eine kritische Studie zum Erdölgeschäft zwischen der staatlichen Erdölgesellschaft und dem Schweizer Rohstoffkonzern Glencore zurück.

Alliance-Sud-Geschäftsführer Mark Herkenrath versteht dies voll und ganz: «Es ist gescheiter, als symbolischer Akt eine Studie zurückzuziehen, als für entwicklungspolitische Ziele lokale Mitarbeiter in Todesgefahr zu bringen.» Swissaid ist eine der sechs Träger der entwicklungspolitischen Lobbyorganisation Alliance Sud. Herkenrath erläutert, die Situation für Hilfswerke sei vielerorts schwieriger geworden. Dies hänge mit mehreren Faktoren zusammen.

Aufbau einer Zivilgesellschaft

Zuallererst habe sich die Entwicklungszusammenarbeit an sich verändert. Sie erschöpfe sich längst nicht mehr in technischer Aufbauarbeit. Man richte nicht mehr einfach Brunnen ein. Heute gehe es oft um die «Ermächtigung» der lokalen Bevölkerung. Ziel sei ein struktureller Wandel, der die Menschen dazu befähige, ihre Regierung in die Pflicht zu nehmen.

«Das kann sich an der Grenze dessen bewegen, was diese für akzeptabel hält», erläutert Herkenrath. Schon nur deshalb würden ausländische Nichtregierungsorganisationen zunehmend argwöhnisch beobachtet. Drohungen und faktische Repressionen wie Entführungen oder Landesverweise hätten zugenommen, beobachtet er.

Fokus auf fragile Staaten

Diese Entwicklung verstärke sich auch darum, weil Schweizer Entwicklungsprojekte zunehmend in sogenannten fragilen Staaten angesiedelt seien, also in politischer Instabilität.

Bundesrat und Parlament haben 2016 mit der Botschaft zum vierjährigen Rahmenkredit für die internationale Zusammenarbeit unter anderem genau dies gefordert. Denn solche gescheiterten Staaten könnten zu Herkunftsländern von Flüchtlingen werden, wenn sie es nicht schon sind. Von der Aufbauarbeit vor Ort erhofft sich die Schweiz eine gewisse Stabilisierung der Situation.

Das ist ein Puzzleteil der schweizerischen Strategie von Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Sie wird diese am dritten Treffen der Kontaktgruppe zur Migration über das Mittelmeer vertreten. Dieses Innenministertreffen, an dem nebst europäischen auch Minister afrikanischer Länder teilnehmen, findet am 13. November in der Schweiz statt.

Den Schwächsten verpflichtet

Manchmal sind die Bedingungen vor Ort jedoch nicht mehr zumutbar für die Entwicklungszusammenarbeit. So geschehen im ostafrikanischen Land Eritrea. Dort zog sich die Schweiz 2006 zurück, weil Eritreas Regierung nicht mehr kooperieren wollte. Laut Herkenrath kommt ein solch folgenreicher Schritt erst infrage, wenn der Zugang und damit auch die Kontrolle und Begleitung von Projekten verunmöglicht werde. «Ein Rückzug bedeutet immer, dass man die benachteiligte Bevölkerung erst recht im Stich lässt», sagt er.

Swissaids langfristige Ziele

Das Hilfswerk Swissaid erreichte im Tschad mit seiner Unterstützung in Höhe von knapp 1,25 Millionen Franken gemäss Jahresbericht 2016 fast 42 000 Menschen. Damit wurden unter anderem Bauern dazu angeleitet, mehr Wertschöpfung aus der Ernte von ihren Karitébäumen und Erdnussstauden herauszuholen. Dazu sind auch Anschaffungen nötig oder der Zusammenschluss in Verarbeitungs- und Vermarktungs-Genossenschaften.

Für dauerhafte Verbesserungen müssen gemäss Jahresbericht auch staatliche Stellen mitziehen. Eine solche Zusammenarbeit gelinge nur mit einer langfristigen Perspektive. Das Hilfswerk Swiss­aid erhält pro Jahr rund 6,5 Millionen Franken vom Bund, das sind rund ein Drittel seines Jahresbudgets. Dieses Geld ist an Programme und Projekte geknüpft.

Einen Ausstieg aus dem Tschad, wo man seit 1965 präsent ist, kam für Swissaid trotz der Krise nicht infrage. Auch für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit gibt es keinen Grund dazu, schreibt sie auf Anfrage. Die Bedingungen seien zwar schwierig, aber annehmbar.

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