Doch noch EU-Geld für Schweizer Forscher

Die Schweiz kann wohl bereits ab Mitte September wieder am EU-Forschungsprogramm «Horizon 2020» mitmachen. Allerdings nur beschränkt: Die Schweizer Industrie bleibt vorläufig aussen vor.

Aufatmen – für den Moment: Ein Mitarbeiter des Human Brain Project im Labor der EPFL.<br>Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Aufatmen – für den Moment: Ein Mitarbeiter des Human Brain Project im Labor der EPFL.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Anja Burri@AnjaBurri

Gute Nachrichten für die Schweizer Spitzenforscher: Sie werden wahrscheinlich bereits ab Mitte September wieder Geld aus den EU-Fördertöpfen beantragen können. Dieser Zeitpunkt reicht genau für das Programm der attraktiven ERC Advanced Grants, die sich an besonders erfahrene und erfolgreiche Forscher richten. Für die weniger erfahrenen Forscher sind die Anmeldefristen bereits abgelaufen.

Auf dieses Szenario stellten sich auch die Spitzenforscher ein. Doch nun sind sich die Verhandlungsdelegationen der Schweiz und der EU Ende Juli einig geworden. Gemäss dem paraphierten Abkommen darf sich die Schweiz bis Ende 2016 teilweise am 80 Milliarden Euro schweren Forschungsprogramm «Horizon 2020» beteiligen. Nach dem Ja zur Zuwanderungsinitiative der SVP im Februar hatte die EU die Verhandlungen über eine gleichberechtigte Teilnahme der Schweiz suspendiert. Das schmerzte, nicht zuletzt, weil die hiesigen Hochschulen und Forscher stärker von «Horizon 2020» profitieren dürften, als die Schweiz Mittel in den Fonds einzahlen muss. So war es zumindest beim Vorgängerprogramm gewesen.

Vertraulicher Brief

Weil der Bundesrat und die EU das Abkommen noch genehmigen müssen, sind vorerst keine offiziellen Informationen erhältlich. Wie die «Schweiz am Sonntag» berichtete, hat Bildungsminister Johann Schneider-Ammann aber die zuständigen Kommissionen des Parlaments in einem vertraulichen Schreiben über die Details informiert. In dem Brief, der auch dem «Tages-Anzeiger» vorliegt, erläutert der Bundesrat, wie stark die Schweiz wieder ins EU-Forschungsprogramm eingebunden wird: «Inhaltlich besteht die mögliche Teilassoziierung darin, dass sich die Schweiz wieder als assoziierter Staat an gewissen Teilen von ‹Horizon 2020› beteiligen kann – und das möglicherweise bereits ab dem 15. September.»

Gemäss Schneider-Ammann lässt die EU die Schweiz am sogenannt ersten Pfeiler von «Horizon 2020» teilhaben, der «Wissenschaftsexzellenz». Dazu gehören die Förderprogramme für Einzelforschungsprojekte, die sogenannten ERC Grants. Für die Schweiz waren diese in der Vergangenheit besonders attraktiv: Zwischen 2007 und 2013 steuerte sie 240 Millionen Euro an den ERC-Fördertopf bei. Demgegenüber erhielten hiesige Projekte über 500 Millionen Euro. Die Schweiz soll auch am Programm zur Förderung der Mobilität von Nachwuchswissenschaftlern teilnehmen können oder am Programm zur Erforschung neuartiger Ideen.

Bittere Pille für die Industrie

Ausgeschlossen bleibt die Schweiz nach Angaben des Bildungsministers hingegen von den beiden anderen Pfeilern von «Horizon 2020»: den Forschungsschwerpunkten zur Industrie und zu den gesellschaftlichen Herausforderungen. Im Rahmen der Industrieprogramme erhalten Firmen von der EU Fördergelder für Forschung und Innovation in Bereichen, die für die Wettbewerbsfähigkeit besonders relevant sind. Dazu gehören Informations- und Kommunikationstechnologien, Nanotechnologie, Biotechnologie, fortschrittliche Produktionstechniken oder Weltraum.

Bitter ist der Ausschluss für forschungslastige Schweizer KMU. Diese hätten mit «Horizon 2020» von einer verstärkten Förderung profitieren können. Dazu kommt es nun wohl nur in bescheidenerem Umfang. Um den Ausfall der gesamten EU-Fördergelder zu kompensieren, hat der Bundesrat für das laufende Jahr rund 500 Millionen Franken bereitgestellt. Davon sollen auch die KMU einen Teil erhalten. Bereits von diesem Ersatzprogramm profitieren konnten die Forscher, die bisher ERC-Grants beantragen wollten. Sie mussten ihre Gesuche statt an die EU an den Schweizerischen Nationalfonds schicken. Der Bund werde die Schweizer Forschenden in den ausgeschlossenen Themengebieten auch künftig «bestmöglich unterstützen und erfolgreiche Projektpartner in der Schweiz national finanzieren», schreibt Schneider-Ammann. Insgesamt hat das Parlament für die siebenjährige Teilnahme der Schweiz an «Horizon 2020» 4,4 Milliarden Franken bewilligt. Zumindest einen Teil davon kann der Bundesrat für Ersatzmassnahmen verwenden.

Wie es für den hiesigen Forschungsplatz nach 2016 weitergeht, ist unklar. Ob die Schweiz ab 2017 weiterhin teilweise oder allenfalls sogar vollständig bei «Horizon 2020» mitmachen darf, macht die EU gemäss Schneider-Ammann weiterhin davon abhängig, ob und wie es mit der Personenfreizügigkeit weitergeht.

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