Klassenkampf abgesagt – Klimajugend relativiert Aussagen

Der Schwenker nach links sorgte intern für Irritation. Jetzt sucht die Klimabewegung das Gespräch mit der Wirtschaft.

«Strike for Future» am 15. Mai wird durch linke Forderungen geprägt sein: Schüler demonstrieren in Bern fürs Klima. Foto: Raphael Moser

«Strike for Future» am 15. Mai wird durch linke Forderungen geprägt sein: Schüler demonstrieren in Bern fürs Klima. Foto: Raphael Moser

Janine Hosp

Am 15. Mai nächsten Jahres sollen so viele Menschen auf die Strasse gehen und für das Klima demonstrieren, wie es die Schweiz noch nie gesehen hat. Um dieses Ziel zu erreichen, wollen die jungen Aktivistinnen und Aktivisten Verbände, Organisationen, Gemeinden und Unternehmen angehen – auch solche, die die Interessen der Wirtschaft vertreten und noch nie gestreikt haben. Das hat die Klimastreik-Bewegung an ihrer nationalen Versammlung am vergangenen Sonntag beschlossen. 

Nur: Die wollen nicht. Sie sagen auf Anfrage zwar, dass auch sie etwas gegen die Klimakrise tun wollen. «Ein Streik ist aber nicht unser Mittel, um darauf zu reagieren», sagt etwa Corinne Aeberhard, Leiterin Kommunikation des Schweizerischen Gewerbeverbands. Die Wirtschaft lahmzulegen, sei ihren Interessen diametral entgegengesetzt. Der Verband würde sich deshalb «ganz sicher nicht» an einem Streik beteiligen. 

Linksdrall kam nicht bei allen Aktivisten gut an

Der Schweizerische Arbeitgeberverband würde den Aktivisten ebenfalls eine klare Absage erteilen: «Es ist nicht Aufgabe der Arbeitgeber, private Verhaltensweisen ohne Bezug zur Arbeit zu steuern und zur Klimademonstration aufzurufen», sagt Direktor Roland A. Müller. Sie setzten vielmehr auf klimaschonende Arbeitsmodelle, welche die Digitalisierung heute ermögliche.  Ablehnend reagiert auch Economiesuisse, der Dachverband der Schweizer Wirtschaft:  Als Verband suche man mit Interessierten lieber hinter den Kulissen nach wirtschaftsfreundlichen und wirkungsvollen Lösungen. Der Kaufmännische Verband lässt immerhin noch offen, ob er sich am Streik beteiligen wird.

So zeichnet sich schon heute ab: Der «Strike for Future» am 15. Mai wird vor allem durch linke Forderungen geprägt. Alle teilnehmenden Organisationen dürfen auch ihre eigenen Anliegen einbringen – sie müssen lediglich die Forderungen der Klimastreik-Bewegung mittragen.  Diese werden so aber mehr in den Hintergrund treten.

Mit ihrem Beschluss, Organisationen und Verbände von links nach rechts anzugehen,  relativiert die Bewegung Aussagen, die ihre Vertreter kurz vor dem Wahlsonntag vor den Medien gemacht hatten: Diese sagten, sie wollten sich nicht mehr nur gegen die Ausbeutung der Erde, sondern auch gegen jene des Menschen wehren. Die Klimakrise sei untrennbar mit sozialen Fragen verknüpft. Und sie gaben bekannt, dass sie den Schweizerischen Gewerkschaftsbund angefragt hatten, sie an ihrem grossen Streiktag zu unterstützen. Dieser hat aber noch nicht entschieden.

Niemand, der sich für das Klima engagieren will, soll vor den Kopf gestossen werden.

Das war nicht bei allen Aktivistinnen und Aktivisten gut angekommen. «Wir waren uns alle einig, dass wir die Gewerkschaften anfragen, um über sie die Erwerbstätigen zu erreichen», sagt der Aktivist Andri Gigerl. Dass aber ihre Mitstreiter die Klimakrise mit dem Arbeitskampf verbinden würden, das kam für viele überraschend. Eine Kehrtwende sei der Entscheid vom letzten Sonntag aber nicht. «Wir haben nur offiziell beschlossen, was von vornherein für alle klar war.»  

Auch der Aktivist Matthias Hafner bestätigt, dass mit der Ausrichtung auf den Arbeitskampf längst nicht alle einverstanden waren. Deshalb hat man auch beschlossen, dass offiziell nicht die Klimastreik-Bewegung  die Gewerkschaften anfragt, sondern die «Workers for Future», die aus der Bewegung hervorgegangen sind. Niemand, der sich für das Klima engagieren will, soll vor den Kopf gestossen werden.   

Die «Eltern fürs Klima» haben die zunehmende Fokussierung auf linke Themen ebenfalls mit Sorge verfolgt, wie Mitbegründer Jonas Hostettler sagt. Die Bewegung riskiere so, dass sich ein grosser Teil der Bevölkerung von ihr abwende. Mit dieser breiteren Ausrichtung sind aber auch die Klimaeltern einverstanden.

Gewerbeverband zeigt sich gesprächsbereit

Ganz schlagen wirtschaftsnahe Verbände die Tür aber nicht zu: Der Gewerbeverband etwa wäre grundsätzlich bereit, mit den Klimaaktivisten zusammenzuarbeiten – nur nicht im Rahmen eines Streiks. Über ein Podium hingegen, etwa zum Thema Upcycling, das das Gewerbe sehr beschäftige, könne man reden, sagt Corinne Aeberhard.

Klimaaktivist Andri Gigerl gibt die Hoffnung noch nicht auf, auch Organisationen ausserhalb des linken Lagers zu gewinnen. «Wir müssen es zumindest versuchen, schliesslich geht das Klima alle etwas an», sagt er. Manchmal komme es auch zu Überraschungen. So hat sich etwa der Berner Bauernverband kürzlich bereit erklärt, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

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