Digitrallala!

Hipp, hipp, hurra – die Digitalisierung ist da! Weil wir Schweizer aus Sicht der Obrigkeit für die schöne neue Digitalwelt nicht offen und mutig genug sind, wurde uns am Dienstag eine gigantische Propagandashow verabreicht.

Ein Herz und eine digitale Seele: Bundespräsidentin Doris Leuthard mit Ringier-Chef Marc Walder (links) und SBB-Chef Andreas Meyer.

Ein Herz und eine digitale Seele: Bundespräsidentin Doris Leuthard mit Ringier-Chef Marc Walder (links) und SBB-Chef Andreas Meyer.

(Bild: Keystone)

Peter Meier@bernpem
Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Digital ist überall. Und Doris Leuthard mittendrin. Zum Mittanzen beim Drohnenballett des Cyberillusionisten lässt sich unsere Bundespräsidentin zwar leider nicht überreden. Aber was die Frau sonst alles auf sich nimmt – und das nur für uns: unglaublich! Sie rast im Kampfjet durch den Schweizer Himmel, durchsteigt die Eigernordwand und schlägt zum Schluss im Kampf gegen den IS härter zu als Lara Croft. Kein Witz.

Das Verrückteste daran: «Das Schwierigste war der Ei­ger», verrät unsere Allround­ministerin danach. Die Sache mit dem IS kann also nicht so schlimm sein. Zumindest nicht in der virtuellen Realität am Hauptbahnhof Zürich. Dort nämlich war Leuthard am Dienstag unterwegs: in der Virtual-Reality-Welt an einem «Blick»-Stand.

Ob die Bundespräsidentin an ei­nem normalen Dienstag nichts Wichtigeres zu tun hat, als am Computer rumzugamen? So kann nur ein verknorzter Analogschweizer fragen. Am Dienstag war eben alles andere als ein kom­muner Dienstag. Es war der 1. Schweizer Digitaltag. Mit viel elektronischem Schnickschnack, Brimborium und Prominenz wurde das Hohelied der Digitalisierung in Zürich und ein paar anderen Orten der Restschweiz gesungen.

Zukunft aufs Auge gedrückt: Ausprobieren war am Digitaltag Trumpf. Bild:Keystone

Dieser Digitaltag ist «europaweit einzigartig», im Fall, wie es auf der Internetseite der Organisatoren heisst. Und weiter: «Der Aktionstag steht unter dem Patronat von Bundespräsidentin Doris Leuthard und Bundesrat Johann Schneider-Ammann sowie der ebenso aktiven Teilnahme von Bundesrat Alain Berset.» Bitte was? Unter dem Patronat von Bersets Teilnahme?

Egal, wen kümmern semantische Details, wenn die Digitalisierung ruft. Und sie ruft laut und mächtig. «Wir zünden hier die Digitalrakete Schweiz!», gab Oberbefehlshaberin Leuthard den Marschbefehl durch. Und wer sieht, welche Unternehmen die Mobilmachung unterstützen, der weiss, was es geschlagen hat: Hinter dem Digitaltag stehen ABB, Coop, CS, ETH, Post, Mi­gros, SBB, Swisscom, Google, UBS, Zurich usw. usf. Und damit sicher alle mitbekommen, was am Digitalaltar der schönen neuen Computerwelt gepredigt wurde, sorgten SRF und Ringiers «Blick» für die flächendeckende Über­tragung der Messe.

SRF und der «Blick» sorgten für die ­ flächen­deckende Übertragung der Messe direkt vom Digitalaltar.

Zuvor schon hatten «Blick», «Coopzeitung» und Co. das neue Evangelium unter die Leute gebracht. Dabei verriet Hohepriesterin Leuthard auch, warum dieser Digitaltag so dringend nötig ist: «Wir sollten in der Schweiz mutiger und offener für Neues werden, zum Beispiel was die Nutzung von Daten anbelangt. Die Amerikaner sind da zupackender.» Sprich: Hinterwäldler, raus aus der Höhle!

«I like», sagt da alles in Marc Walders Gesicht. Der Ringier-CEO strahlt am Digitaltag mit Leuthard um die Wette und weicht kaum von ihrer Seite. Kein Wunder. Denn erstens ist Walder Initiant der ganzen PR-Sause – und zweitens deren grösster Profiteur. «Digital Switzerland», das ist Walders Idee, die er mit der unerschütterlichen Begeisterung eines Nerds vorantreibt. Dabei war er einst selbst ein kolossaler Digitalmuffel. Bis er das Silicon Valley für sich entdeckte, mit den coolen Jungs von Google bis Amazon. Denen eifert Walder seither nach.

Er hat schnell gelernt, wie der Hase im Digitalgeschäft läuft: Nicht zögern, Terrain besetzen, Fakten schaffen. Speziell gut ar­beitet Walder mit den staats­nahen Riesen zusammen, mit de­nen Ringier eine eigentliche Di­gitalschaft bildet. Zuerst angelte sich Walder das Gratis-Wi-Fi der SBB: Wer sich an den achtzig grössten Bahnhöfen einloggt, landet automatisch beim «Blick».

2015 folgt der nächste Deal:Ringier gründet mit Swisscom und SRG die Werbeallianz Admeira – wohlwollend begleitet von Doris Leuthard. Zu ihrer grossen Freude stellt sich der «Blick» zurzeit schützend vor die SRG und schiesst aus allen Rohren gegen die «No Billag»-Initiative. Im Ge­genzug übernimmt Leuthard mit Schneider-Ammann das Patronat für den Digitaltag, Swisscom-Chef Urs Schaeppi sitzt im Steuerungsausschuss.

Und als Schneider-Ammann und Leuthard in diesem Sommer das Projekt «Di­gitale Transformation» präsentieren, das zwei Milliarden ­Franken in Ausbildung und Forschung pumpen will, steigt Walder im bundesrätlichen Beirat ein und damit zum digitalen Regierungseinflüsterer auf.Man kann es liken oder nicht: Auch in der digitalen Welt wird fröhlich weiter gekungelt.

Berner Zeitung

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