Dieses Spital ist schon eingerichtet, bevor es gebaut ist

In Basel wird 2018 der erste Grossbau der Schweiz fertig, der mit einem digitalen Modell geplant wurde. Später soll gar die Haustechnik digital gesteuert werden. Der Baustellenbesuch ist eine Tour in die Zukunft des Bauens.

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Es ist, als würde man in die Eingeweide des neuen Felix-Platter-Spitals in Basel blicken. Im Untergeschoss des Rohbaus sind an der Decke eines langen Flurs Rohre zu einem mächtigen Bündel geknüpft.

Es sind die Leitungen für Heizung, Lüftung, Kälte, Wasser, Strom und Medizinalgase. Unterscheiden kann man die Rohre kaum. Denn sie sind alle mit der gleichen silbernen Folie umwickelt.

Virtuelles Spital auf Tablet

Auf dem Tablet von Gesamtprojektleiter Florian Schrenk aber sind die Rohre der Leitungssysteme unterscheidbar. Denn sie haben je eine bestimmte Farbe. Mit zwei Fingern zoomt Schrenk auf dem Bildschirm näher heran, sodass man im Detail erkennt, wie sich die Leitungen aneinander vorbeiwinden.

Florian Schrenk zeigt, wie er sich anhand des digitalen Modells auf der Baustelle orientiert. Video: Stefan von Bergen

«Wenn später eine Decke die Leitungen verdeckt, wird das Tablet durch diese hindurch sehen können und anzeigen, wo welche Leitung verläuft», sagt Schrenk.

Nun zoomt er mit den Fingern weiter und weiter weg, bis auf dem Bildschirm seines Tablets der ganze riesige Spitalbau als virtuelles Modell in der Luft schwebt.

Man sieht – wie in einer Puppenstube – die Untergeschosse und die fünf Etagen, ­darin Patientenzimmer, Behandlungs- und Therapieräume, das Restaurant, die Grossküche und die vielen Logistikräume. Natürlich sind sie im virtuellen Modell alle schon möbliert.

Wie eine Puppenstube: Im digitalen ­Modell kann das kleinste Detail des Spitalneubaus herangezoomt werden. Zum Vergrössern hier klicken. Bild: zvg/Totalunternehmer Hand in Hand, c/o Marti Generalunternehmung AG

Digitaler Bau aus Daten

Auf Schrenks Tablet blickt man in die Zukunft des Bauens. Wenn das neue Felix-Platter-Spital im Frühjahr 2019 bezugsbereit ist, dann dürfte es der erste Grossbau der Schweiz sein, der aufgrund eines digitalen Gesamtmodells geplant und gebaut worden ist. Das Verfahren nennt sich Building Information Modeling, kurz BIM. Das Kürzel steht für die digitale Revolution in der Planung und auf der Baustelle.

BIM wird in Zukunft dazu führen, dass Architekten oder Handwerker nicht mehr mit flatternden und unhandlichen Plänen aus Papier auf der Baustelle unterwegs sind. Schon heute entwerfen Architekten, Schreiner, Lüftungstechniker oder Sanitärfirmen ihre Pläne dreidimensional mit dem CAD-Programm auf dem Computer.

Aber jedes dieser Unternehmen verfertigt seine virtuellen 3-D-Modelle bloss für seinen Zuständigkeitsbereich. Die Pläne des Sanitärinstallateurs und jene des Architekten können sich immer noch in die Quere kommen. So gehören Reibungen und Zeitverluste bis jetzt zum Alltag auf einer Baustelle. Und weil die Modelle der einzelnen Player nicht miteinander verknüpft sind, klaffen Informationslücken.

BIM geht einen Schritt weiter. Es führt alle Pläne zu einem digitalen Gesamtmodell zusammen und sammelt alle Informationen in einer Datenbank. Darin finden sich alle erdenklichen Daten zu Materialien, Massen oder Farben der Einzelteile eines Baus.

«BIM vermittelt eine ganz neue Transparenz eines Baus», sagt Schrenk. Das digitale Tool anzuwenden, mache aber erst bei komplexeren Bauten ab einer gewissen Grösse Sinn. «Für den Bau eines Einfamilienhauses braucht man kein digitales Gesamtmodell», sagt er.

Hausdienst per Tablet

Das Basler Felix-Platter-Spital ist ein öffentlich-rechtlicher Betrieb im Besitz des Kantons Basel-Stadt. Er ist auf Altersmedizin, Alterspsychiatrie und Rehabilitation spezialisiert und hat den Status einer Universitätsklinik. 2012 hat der Verwaltungsrat entschieden, den Spitalbetrieb aus all den Einzelpavillons und dem Hauptbau aus den 1960er-Jahren in einem Neubau auf dem gleichen Areal im Basler Iselin-Quartier zu konzentrieren.

Dafür setzte man laut Gesamtprojektleiter Schrenk von Anfang an auf den Zukunftsstandard BIM. Schon für den Architekturwettbewerb wurde die Eingabe eines digitalen Modells verlangt. Noch nicht alle Architekturbüros und Generalunternehmer sind heute dazu in der Lage.

Beim Felix-Platter-Spital soll das virtuelle Modell nicht nur Planung und Bau begleiten, sondern darüber hinaus auch die künftige Bewirtschaftung des Spitals steuern. «BIM to FM» lautet gemäss Schrenk die Formel. FM steht für Facility-Management.

Der technische Hausdienst soll künftig das Spital mit dem digitalen Modell warten können. Dann wird es hilfreich sein, dass man mit dem Tablet die Wände nach Leitungen durchleuchten kann – oder dass man in der Datenbank die genaue Funktionsweise und die Wartungsdaten einer Pumpe aktuell und von überall her abrufen kann.

Abgleich von Plan mit Realität

Trotz dem virtuellen Zukunftsmodell verliert Florian Schrenk nicht so schnell den Boden der Realität unter den Füssen. «Auch mit dem BIM-Verfahren muss man vorher nachdenken», sagt er. Die Wirklichkeit hält sich nicht automatisch an das digitale Modell. Man müsse den digitalen Plan immer wieder mit der bau­lichen Realität abgleichen, sagt Schrenk.

Die Wirklichkeit hält sich nicht automatisch an das digitale Modell eines Bauwerks. Man muss den ­digitalen Plan immer wieder mit der baulichen Rea­lität abgleichen.Florian Schrenk Gesamtprojektleiter

«As built» – so, wie es gebaut ist – nennt sich die Nachführung der gebauten Wirklichkeit im Modell. Mit Laserscans wird der entstehende Spitalbau immer wieder minutiös vermessen und das Resultat ins BIM-Modell übertragen. So sollen auch Spielräume und kleine Abweichungen einkalkuliert werden, die im perfekten digitalen Modell gern vergessen werden.

Das digitale Modell hilft aber, Fehler beim realen Bau vorauszusehen. BIM kann zum Beispiel die Deckenpläne des Architekten mit den Leitungsplänen des Lüftungstechnikers übereinanderlegen und so Kollisionszonen erkennen, wo sich Leitungen und Türrahmen in die Quere kommen könnten. Bis jetzt fallen solche Fehler erst auf, wenn es zu spät ist. Sie müssen dann für viel Geld zurückgebaut werden.

BIM erspart allerdings nicht, dass alle Beteiligten miteinander reden. Die involvierten Firmen auf der Felix-Platter-Baustelle besprechen an wöchentlichen Sitzungen den Ablauf und die Etappen der Bautätigkeit. Es seien vor allem diese Absprachen, die das Bauen effizient machen würden, sagt Schrenk. Denn sie verhindern etwa, dass der Schreiner warten muss, weil der Maler noch nicht fertig ist.

Auf halbem Weg in Zukunft

Beim Neubau des Felix-Platter-Spitals ist die digitale Planung erst auf dem halben Weg in die Zukunft. So gibt es etwa kein W-LAN auf der Baustelle. Florian Schrenk muss sein Tablet im W-LAN des Baubüros immer wieder aktualisieren. Auf der Baustelle ist er mit einer abgespeicherten Version des digitalen Modells unterwegs.

Schrenk kann auch noch nicht die volle Kapazität des BIM-Modells abrufen. Dieses könnte nämlich neben den drei räumlichen Dimensionen auch die Zeit und die Kosten verwalten. In der Datenbank müssten dafür aber die Kosten und Lieferfristen jedes einzelnen Bauteils abgespeichert und aktualisiert werden.

Der Bauherr könnte so selber abchecken, wie die Bauunternehmen Zeitplan und Kosten im Griff haben. So weit ist man beim Felix-Platter-Spital noch nicht. Von seinen Arbeitskollegen der Planungs- und Consultingfirma Drees & Sommer weiss Florian Schrenk aber, dass bei anderen Projekten Zeit und Geld ins BIM-Modell integriert werden sollen.

Auch so kann Schrenk vermelden, dass der Felix-Platter-Neubau dank digitaler Planung der derzeit am schnellsten realisierte Spitalbau der Schweiz in dieser Grösse ist. 2013 wurde der Wettbewerb ausgeschrieben und Anfang 2015 der Vertrag mit der Arbeitsgemeinschaft «Hand in Hand» abgeschlossen.

Diese besteht aus der Berner Marti Generalunternehmung AG, der BAM Swiss AG, BAM Deutschland sowie den Architektenbüros Wörner-Traxler-Richter sowie Holzer-Kobler. Auch der Baubeginn erfolgte noch 2015. Ende Oktober 2018 soll der 250-Millionen-Bau abgeschlossen und Ende März 2019 betriebsbereit sein.

Gebaut wird noch archaisch

Macht BIM den Spitalbau auch günstiger? «Jedenfalls die Betriebskosten», sagt Schrenk. Bis jetzt gelte die Gleichung, dass rund vier bis sechs Jahre Betrieb eines Grossspitals gleich viel kosten würden wie dessen Bau. Weil aber das BIM-Modell virtuelle Tests und Betriebssimulationen schon während der Planung und der Bauzeit ermöglicht, dürfte sich der Betrieb verbilligen.

«An den Baukosten ändert sich aber vorderhand nichts», sagt Schrenk. Denn auch beim Felix-Platter-Spital werde noch «archaisch mit Verschalungen und Handarbeit» gebaut. Die Zukunft der Bautechnik ist erst im Labor angebrochen – etwa auf dem Testgelände der Materialprüfanstalt Empa in Dübendorf, wo die ETH Zürich digital gesteuerte Roboter ein dreistöckiges Normelementhaus bauen lässt.

Besichtigung mit Videobrille

Futuristisch geht es auch schon auf der Baustelle des Felix-Platter-Spitals zu und her. Kürzlich sei man mit einer Videobrille, die an ein Smartphone angeschlossen sei, durch den Neubau spaziert, sagt Schrenk. Die Brille visualisiere neue Raumvarianten und die künftige Raumausstattung. Bald können Kunden und Bauherren noch vor der Vollendung ihre fertig möblierten Bauwerke besichtigen.

Obwohl das neue Gebäude des Felix-Platter-Spitals in Basel noch nicht steht, kann man es dank einem digitalen Modell schon besichtigen. Video: zvg/Totalunternehmer Hand in Hand, c/o Marti Generalunternehmung AG

Das Spitalpersonal hat die künftige Eingangshalle schon besucht, bevor es sie gibt. An einem Personalanlass führte die Projektleitung einen gefilmten Spaziergang durch das virtuelle Spital vor. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.08.2017, 06:12 Uhr

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