Zum Hauptinhalt springen

Dieser Mann will die Burka-Bussen im Tessin zahlen

Der Philosoph und Makler Rachid Nekkaz bezahlt, wenn eine Vollschleierträgerin in Frankreich gebüsst wird. Jetzt will er die Bussen auch im Tessin übernehmen.

Rachid Nekkaz will auch im Tessin die Burka-Bussen bezahlen.
Rachid Nekkaz will auch im Tessin die Burka-Bussen bezahlen.
Francois Mori, Keystone

Der Mann ist eine Show, ein Artist der politischen Agitation, streitbar und originell. Die Kameras laufen immer, wenn Rachid Nekkaz (41), Sohn algerischer Einwanderer, geboren und aufgewachsen in der Pariser Banlieue, zu einer Nummer ansetzt. Die aufregendste und teuerste Nummer zeigt der Philosoph und Immobilienmakler seit gut zwei Jahren: Er bezahlt die Bussen jener muslimischen Frauen, die gegen das Verbot des Vollschleiers im öffentlichen Raum in Frankreich verstossen haben. Und zwar fast alle: 653 von insgesamt 661 seit Frühling 2011. Wahrscheinlich hätte Nekkaz auch die restlichen 8 bezahlt, wenn man ihn gelassen hätte. Nun kündigte er an, auch die Bussen im Tessin zu übernehmen.

In Frankreich kostet die Busse für das Tragen des Nikab, dieses dunklen Gewands mit Sehschlitz, dem nahöstlichen Pendant zur hellblauen afghanischen Burka, 119 Euro. Inklusive Anwaltskosten kam ihn das Engagement bisher auf 117 000 Euro zu stehen. Kein Problem, sagt Nekkaz, er habe mit dem Verkauf seiner Internetfirma vor 13 Jahren genügend Geld verdient, um weiterhin alle anfallenden Bussen zu bezahlen. Er will das Gesetz «neutralisieren». Nun läge die Vermutung nahe, er mache dies aus fundamentalistischer Überzeugung. Das Gegenteil ist der Fall.

Nekkaz beschreibt sich als «säkularen Muslim» und «Gegner des Nikab». Schliesslich sei er mit einer amerikanischen Katholikin verheiratet. Als stossend empfindet er, dass ausgerechnet in der Wiege der Aufklärung die Bewegungsfreiheit eingeschränkt werde und nicht alle in der Öffentlichkeit mehr so auftreten dürften, wie es ihnen beliebt. Er glaubt, dass das Gesetz den Fundamentalismus nährt, den es zu bekämpfen vorgibt – und die Islamophobie obendrein. Er hat eine Organisation mit dem schönen Namen «Vergreif dich nicht an meiner Verfassung» gegründet, die sich für die Gleichberechtigung aller Minderheiten einsetzt.

Vor drei Jahren, als Nicolas Sarkozy Bagger gegen Roma-Lager auffahren liess, kaufte er 16 Hektaren in der Auvergne, mitten in der Republik. Für 1 Euro im Jahr wollte er das Land an die Roma vermieten. Auch damals kam das Fernsehen, und Nekkaz inszenierte sich gestenreich als Fürsprecher der Fahrenden, sein mächtiger Haarschopf im Wind. Die Nummer missriet, weil sich die Roma nicht instrumentalisieren liessen. Nekkaz versuchte 2007 auch, für die französische Präsidentschaft zu kandidieren, bekam aber die nötigen 500 Unterschriften von Bürgermeistern und Parlamentariern nicht zusammen. Die Justiz ermittelt noch, ob er nicht mindestens einen Volksvertreter bestochen hat. Fragwürdig scheinen auch seine Immobiliengeschäfte.

Statt gefeiert zu werden, wird der «Zorro des Nikab», wie er auch genannt wird, beargwöhnt. Nekkaz hat genug. Zum 14 Juillet, dem Nationalfeiertag, beantragte er die Aberkennung seiner französischen Staatsangehörigkeit – «unwiderruflich». Er will nur die algerische behalten. «Um es mit den Worten von Albert Camus zu sagen: ‹Zwischen meinem Vaterland und meiner Mutter› entscheide ich mich nach 41 Jahren nun für meine Mutter. Frankreich hat es geschafft, aus mir einen Fremden zu machen.»

Im nächsten Jahr will Rachid Nekkaz übrigens algerischer Präsident werden. Er hat Videos gedreht, Plakate gedruckt, die Nummer läuft schon. In Algerien kennt man ihn als «Anwalt des Nikab» und als «Retter der Moscheen» in Frankreich. Vielleicht muss er die verquere Wahrnehmung seines Engagements noch etwas korrigieren.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch