Die Wortführerinnen treten ab

Bei den nächsten Wahlen kommt es bei den Frauen zu einem Generationenwechsel. Über ein Dutzend profilierte Politikerinnen treten nicht wieder an.

Wurde in Winterthur zur Schulpräsidentin gewählt: SP-Nationalrätin Chantal Galladé. (Archivbild)

Wurde in Winterthur zur Schulpräsidentin gewählt: SP-Nationalrätin Chantal Galladé. (Archivbild) Bild: Keystone

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Die eidgenössischen Wahlen finden erst im Herbst 2019 statt, aber bereits jetzt steht fest: Bei den Frauen kommt es zu einem Generationenwechsel. Praktisch im Wochentakt geben Parlamentarierinnen bekannt, dass sie nicht wieder antreten werden, am Wochenende SP-Nationalrätin Chantal Galladé (45), die in Winterthur zur Schulpräsidentin gewählt wurde, und wenige Tage zuvor die Freisinnige Corina Eichenberger. Sie wird im Wahljahr 65 Jahre alt. Tages-Anzeiger/Newsnetz sind schon heute 13 National- und Ständerätinnen bekannt, die nicht mehr antreten werden oder erst kürzlich zurückgetreten sind.

Darunter sind auffallend viele Wortführerinnen und Meinungsmacherinnen, etwa die SP-Ständerätinnen Anita Fetz und Pascale Bruderer, im Nationalrat Susanne Leutenegger Oberholzer, Margret Kiener Nellen, Kathy Riklin oder Barbara Schmid-Federer.

Manche von ihnen sassen zwar lange im Parlament, wurden aber so jung gewählt, dass sie nicht aus Altersgründen zurücktreten. Die Sozialdemokratin Evi Allemann etwa wurde 2003 im Alter von 25 Jahren jüngste Nationalrätin. Vergangenen Frühling wurde sie in die Berner Kantonsregierung gewählt und ist bereits zurückgetreten. Die meisten Parlamentarierinnen, die nicht wieder antreten, sind schon über 60 Jahre alt und treten auch wegen einer Amtszeitbeschränkung zurück wie etwa Margret Kiener Nellen. Sie gehören jener Generation an, die von der 68er-Bewegung geprägt wurde und die, wie Kiener Nellen sagt, schon im Gymnasium gelernt hat, dass man mit Eigeninitiative etwas bewegen kann.

«Die Weiber hatten recht»

«Die profilierten Politikerinnen, die nicht weitermachen, werden fehlen», sagt Christine Egerszegi, welche die FDP von 1995 bis 2015 im National- und Ständerat vertrat. Sie seien für die nachkommende Generation von Frauen Vorbild gewesen und hätten ihnen gezeigt, dass man etwas bewegen kann. Vor allem aber: Für junge Frauen sei es wichtig, zu sehen, auf welchem Weg es andere Frauen ins Bundesparlament geschafft hätten. Es gebe auch Alternativen zu jenem über eine Managerkarriere.

Die Politikerinnen, die nun nicht wieder antreten, werden eine Lücke hinterlassen. «Und das ist gut so», sagt Rosmarie Zapfl. Sie bedaure es in der Regel nicht, wenn jemand nach zwölf Jahren oder mehr nicht wieder antrete. «Es gibt junge, spritzige Frauen, die vorne ans Rednerpult stehen und ihre Meinung sagen.» Sie müssten die Chance bekommen, in wichtige Positionen nachrücken und sich bewähren zu können. Zapfl politisierte von 1995 bis 2001 für die CVP im Nationalrat und präsidierte während acht Jahren Alliance F, den Bund Schweizer Frauenorganisationen.

Zapfl begrüsst es auch, wenn junge Politikerinnen nachrücken, weil deren Generation wieder andere Bedürfnisse hat als die ihre – sie selbst musste noch in den Achtzigerjahren die Unterschrift ihres Ehemanns einholen, wenn sie in den Verwaltungsrat eines Unternehmens gewählt werden wollte. Andere Forderungen hingegen seien leider noch immer aktuell, etwa Lohngleichheit oder eine angemessene Vertretung der Geschlechter in Wirtschaft und Politik: «Junge Frauen, die gegen eine Frauenquote waren, merken plötzlich: Die alten Weiber hatten doch recht, es geht nicht ohne.»

Jetzt ist es zu spät

Die Frage ist nur: Gelingt es, die Sitze der abtretenden Parlamentarierinnen wieder mit Frauen zu besetzen? Schon heute ist der Frauenanteil mit 33,5 Prozent im Nationalrat und mit 15,2 Prozent im Ständerat so tief, dass von einer angemessenen Vertretung beider Geschlechter keine Rede sein kann. «Aber wenn Parteien erst jetzt beginnen, diese Lücke zu schliessen, dann ist es zu spät», sagt Claudia Weilenmann von der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen. Oft höre man von Parteien, sie erhielten reihenweise Absagen von Frauen. «Aber wenn man früh genug zu planen beginnt und gute Bedingungen für Frauen schafft, dann geht es schon.»

Das beweist zum Beispiel die SP: 9 der 13 Parlamentarierinnen, die gerade erst zurückgetreten sind oder nicht wieder antreten, stammen aus dieser Partei. Dennoch macht sich Fraktionspräsident Roger Nordmann keine Sorgen, dass der Frauenanteil in seiner Fraktion sinken könnte. In seiner Fraktion sind die Frauen mit 25 von 43 Mitgliedern in der Mehrheit und werden es auch nach den Wahlen noch sein. «Das ist das Ergebnis einer langen Aufbauarbeit», sagt er. In seiner Fraktion politisierten viele junge Frauen, sagt er und zählt ein halbes Dutzend Namen auf. Diese ermuntere er, schon früh Schlüsselpositionen einzunehmen.

Die politischen Vorbilder von früher, Christine Egerszegi und Rosmarie Zapfl, wirken indessen im Hintergrund weiter. Rosmarie Zapfl betätigt sich unter anderem als Mentorin, Christine Egerszegi unterstützt junge Frauen, in denen sie Potenzial sieht, und lädt sie zum Beispiel als Expertinnen an Veranstaltungen ein, um sie bekannt zu machen. Sie sagt: «Das liegt in der Verantwortung von uns Dinosaurierinnen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2018, 20:01 Uhr

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