Die wenigsten Rentner finanzieren ihre AHV selber

Die Initiative für die Erhöhung der AHV-Renten ist eine Herausforderung für die Demokratie. Die ganz grosse Mehrheit der Stimmberechtigten würde profitieren – auf Kosten kommender Generationen.

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(Bild: Cartoon: Max Spring)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Am 25. September findet eine schwierige Abstimmung statt. Die Stimmberechtigten befinden über einen Ausbau der AHV, von dem die allermeisten von ihnen profitieren würden, ohne die vollen Kosten zu begleichen. Die Initiative «AHV plus» des Schwei­zerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) verlangt ab 2018 eine Erhöhung aller Altersrenten der AHV um 10 Prozent.

Dieser Urnengang wirft brisante Gerechtigkeitsfragen auf, vor allem wegen der doppelten Umverteilung, auf der die AHV aufgebaut ist: von reich zu arm und – weitaus wirkungsmächtiger – von jung zu alt. Letztlich stellt sich die Frage, wer pro­fitiert und wer bezahlt.

Die folgenden Angaben stützen sich auf Berechnungen des SGB sowie Aussagen von Thomas Friedli, Chefmathematiker im Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), und Jérôme Cosandey, Rentenspezialist von Avenir Suisse, der Denkfabrik der Wirtschaft.

Hauptprofiteure sind die heutigen Rentner.Für alle, die bereits eine Rente erhalten, ist die SGB-Initiative eine Freude. Sie erhalten praktisch gratis 10 Prozent mehr AHV. Das sind zunächst 4 Milliarden Franken pro Jahr, danach steigt die Summe laufend an. Die Rentenerhöhung würde voraussichtlich über eine Erhöhung der Lohnbeiträge (Lohn­abzüge) finanziert.

Davon wären Rentner nicht betroffen. Sie merken höchstens indirekt etwas: Da der Bund von Gesetzes wegen ein Fünftel der Ausgaben der AHV deckt, müsste er irgendwie 800 Millionen Franken im Jahr auftreiben. Ohne Sparprogramme oder Steuererhöhungen wird das kaum gehen.

Je höher das Alter, desto grösser die Freude.«AHV plus» ist nicht nur für Rentner sexy, sondern auch für ältere Frauen und Männer, die noch erwerbstätig sind. Sie müssen zwar noch ein paar Jahre die höheren Lohnbeiträge bezahlen, aber nicht mehr lange. Nach der Pensionierung erhalten sie dafür bis zum Tod im Durchschnitt während 22 Jahren (Frauen) oder 19 Jahren (Männer) eine höhere Rente. Auch Spitzenverdiener profitieren von «AHV plus», wenn sie demnächst pensioniert werden.

Prinzipiell kommen alle heutigen Erwerbstätigen zu billig in den Genuss der höheren Rente. Das liegt daran, dass sie die höheren Lohnbeiträge nicht während der vollen AHV-Beitragsdauer von 44 Jahren einzahlen müssen. Diese Voraussetzung erfüllt bei einer Umsetzung ab 2018 erst der Jahrgang 1998, der 2063 pensioniert wird.

Auch Leute mit hohen Löhnen profitieren.Die meisten heutigen Erwerbstätigen sind also sowieso Nutzniesser. Doch was ist mit den künftigen Arbeitskräften, die 44 Jahre lang höhere Lohnbeiträge abliefern müssen? Bis zu welchem Einkommen ist «AHV plus» für sie «rentabel»?

Auf den ersten Blick scheint die Sache einfach: Um im Alter eine maximale Rente (aktuell 2350 Franken) zu erhalten, muss man zuvor den maximalen AHV-Lohn (aktuell rund 7000 Franken) erzielt haben. Wer im Durchschnitt eines vollen Arbeitslebens ein Einkommen in dieser Höhe ­hatte, bekommt die Maximal­rente.

Wer mehr verdient hat, hat zwar höhere AHV-Beiträge abgeliefert, erhält aber trotzdem nur die maximale Rente. Bedeutet das, dass man mit einem Lohn von 7000 Franken die eigene Rente finanziert und mit einem höheren Lohn sogar den Rest der Bevölkerung quersubventioniert hat? Eben nicht.

Das hat, vereinfacht gesagt, drei Gründe. Erstens wird die AHV nicht nur über die Lohnbeiträge der Angestellten und der Arbeitgeber finanziert, sondern auch vom Bund und den Konsumenten über die Mehrwertsteuer. Damit wird die Umver­teilung in der AHV kaum mehr durchschaubar. Zweitens werden wir immer älter und beziehen ­immer länger Renten. Und diese werden drittens obendrein auch noch alle 2 Jahre an die Teuerung und die Lohnentwicklung angepasst – sprich: erhöht.

Deshalb muss man ein deutlich höheres Einkommen erzielen, um seine Rente wirklich selber zu finanzieren und in der AHV zum «Nettozahler» zu werden. Wie hoch die entscheidende Lohnschwelle genau ist, ist unklar. Nach einer neuen Analyse des Bundes liegt die Grenzlinie zwischen «Gebern» und «Nehmern» bei einem durchschnittlichen Lohn von rund 8500 Franken über die ganze Berufslaufbahn. Der Kreis der Zahler ist damit ausgesprochen klein: Nur 8 Prozent der heutigen Rentner sind «Nettozahler», der grosse Rest wird subventioniert.

Auch wenn diese Analyse nicht unbestritten ist, steht eines fest: Der grösste Teil der Rentner profitiert ganz konkret davon, dass die nachfolgenden Generationen immer mehr Geld in die AHV einzahlen. Diese Umverteilung wird durch «AHV plus» nicht verändert, sondern einfach «marginal» verstärkt, wie Friedli vom BSV sagt.

Umverteilung von jung zu alt ­erzwingt langfristig starkes Wachstum. Die AHV verspricht der grossen Mehrheit Gewinne im Alter, die nur möglich sind, wenn immer neue, junge «Investoren» in das System einsteigen. Dazu sagt Jérôme Cosandey von Avenir Suisse: «Ein solches System würde man in der Finanzwelt sofort verbieten. Das funktioniert auch in der AHV nur, solange Bevölkerung und Wirtschaft weiter stark wachsen. Sonst werden die Lasten für die Erwerbs­tätigen massiv steigen.» Steigen werden sie sowieso, weil die Zahl der Rentner langfristig stärker steigt als die der Werktätigen – damit zum nächsten Punkt:

Teurer wird es sowieso – auch ohne «AHV plus». Wir alle müssen sowieso bald tiefer ins Porte­monnaie greifen, um schon nur den Erhalt des heutigen Rentenniveaus zu sichern. Im Jahr 2030 fehlen der AHV aus heutiger Sicht auch ohne Rentenerhöhung rund 7 Milliarden Franken.

Um dieses Loch zu stopfen, sind vor allem zwei Massnahmen geplant: Rentenalter 65 für Frauen und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 1 Prozentpunkt, was dannzumal rund 3,5 Milliarden Franken im Jahr kostet. Mit «AHV plus» würden 2030 sogar 12 Milliarden Franken fehlen, Tendenz steigend. Die möglichen Gegenmittel sind bekannt: ­höhere Steuern, höhere Beiträge, höheres Rentenalter.

Berner Zeitung

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