Mysteriöser Hut von General Guisan gestohlen

Generalsmützen von Henri Guisan kosten bis zu 120‘000 Franken. Doch die spektakuläre Beute birgt für den Dieb eine herbe Enttäuschung.

Der General besass viele Mützen: Eine Statue von Henri Guisan in Lausanne.

Der General besass viele Mützen: Eine Statue von Henri Guisan in Lausanne.

(Bild: Keystone Laurent Gillieron)

Sie kamen am helllichten Tag und flüchteten anschliessend mit einem Motorboot. In Schweden raubten zwei Männer am Dienstag in einem filmreifen Coup zwei 400 Jahre alte Königskronen. Seither fahndet die schwedische Polizei nach einem Nationalschatz – und in der Schweiz offenbart sich der wahre Wert unserer Staatsform: Wo es keinen König gibt, können auch keine Kronjuwelen gestohlen werden.

Doch die republikanische Schadenfreude währt nur kurz. Denn auch unser Land hat einen Verlust von vergleichbaren Dimensionen erlitten. Wie die Zeitung «La Liberté» diese Woche enthüllt hat, ist in Avenches VD unlängst eine Generalsmütze von Henri Guisan gestohlen worden.

Verglichen mit den schwedischen Kronen-Räubern, welche immerhin eine Alarmanlage überwinden und Polizeihubschraubern entkommen mussten, hatten die Hut-Diebe von Avanches leichtes Spiel. Die Casquette du Général war das Prunkstück des Henri-Guisan-Saals, den die Stadt Avenches 2012 für ihren prominenten Mitbürger eingerichtet hat. Dort lag der Hut unter einer simplen Glashaube ohne jede Sicherung. Als das Hôtel de Ville unlängst renoviert wurde, hätten sich die Diebe wohl unbemerkt Zugang verschafft, sagt Stadtpräsidentin Roxanne Meyer (SP). Von Dieben und Beute fehle bis heute jede Spur.

Diese Mütze sass garantiert auf dem Kopf von General Henri Guisan. Foto: Ullstein, Getty Images

Dass ein Guisan-Hut den Vergleich mit einer schwedischen Königskrone keineswegs zu scheuen braucht, weiss man spätestens seit dem Mai 2006, als ein Berner Auktionshaus zwei Guisan-Mützen versteigerte – für die stolzen Summen von 71'300 respektive 121'900 Franken. Dass die Diebe für das Exemplar von Avenches ebenso viel lösen werden, ist aber unwahrscheinlich. Denn mit dem Hut gibt es ein Problem. Das sagt Alexandre Leuba, einer der raren Experten auf dem Gebiet der Guisan-Casquettologie.

Leuba arbeitet im Militär-Museum von Morges und hat - natürlich vor dem Diebstahl - auch das Exemplar von Avenches eingehend untersucht. Dabei fand Leuba heraus, dass es einen solchen Hut gar nicht geben dürfte. 1926 hatte die Schweizer Armee die Verzierungen auf dem Kopfschmuck ihrer Generalität per Verordnung ins Detail geregelt und diese 1940 durch eine neue ersetzt. Die Mütze von Avenches ist eine sonderbare Mischung beider Reglemente. Darum kann sie niemals die offizielle Kopfbedeckung eines Schweizer Generals gewesen sein. Man stelle sich vor, Guisan wäre mit einem nicht regelkonformen Hut in den Weltkrieg gezogen!

Hutträger bis zum Tod

Leuba geht aufgrund seiner Forschungen sogar davon aus, dass Guisan den Hut von Avenches gar nie getragen hat. Trotzdem mag er nicht von einer Fälschung sprechen. Denkbar sei, dass die Schweizer Uniformenfabrik für Guisans Privatgebrauch einst zusätzliche Hüte gefertigt habe. Wie einer davon später nach Avenches gelangte, weiss heute niemand mehr. Selbst im Stadtarchiv habe man dazu keine Spuren gefunden, sagt Stadtpräsidentin Meyer.

Trotz des dreisten Diebstahls gibt es Trost für alle Fans guisanscher Kopfbedeckungen. Der General besass genügend Mützen, um alle einschlägigen Museen glücklich zu machen. Laut Leuba gibt es Guisan-Hüte auch im Zürcher Landesmuseum, im Genfer Militärmuseum und im Thuner Armeemuseum. Guisans allerersten Generalshut ist im jurassischen Delémont zu sehen: Er wurde in der Nacht auf den 1. September 1939 gefertigt, wenige Stunden nach seiner Wahl zum Oberkommandierenden im Zweiten Weltkrieg. Und Guisan war bis zuletzt behütet unterwegs. Sein allerletzte Generalsmütze ist im Militärmuseum von Morges zu sehen. Sie krönte den Sarg, in dem der General am 12. April 1960 in einem grossen Trauerzug durch die Stadt Lausanne getragen wurde.

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