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Die verklärte Schweiz

Die Ecopop-Initiative drückt die Sehnsucht nach der «guten, alten Schweiz» aus, die es so nie gegeben hat.

Von Hannes Nussbaumer
Kinder beim Blumenpflücken bei Oberhofen BE, ca. 1950. Foto: Keystone, Photopress-Archiv
Kinder beim Blumenpflücken bei Oberhofen BE, ca. 1950. Foto: Keystone, Photopress-Archiv

Die Schweiz steht im Bann der Ecopop-Initiative, welche die jährliche Netto­zuwanderung auf starre 0,2 Prozent der Wohnbevölkerung festzurren will. Am 30. November wird abgestimmt. Nach den letzten Umfragen ist das Nein-Lager zwar im Vorteil, doch entschieden ist nichts.

Dass eine Initiative von dieser Radikalität eine solche Zustimmung findet, ist untypisch für die Schweiz. Bis vor kurzem galt die Regel: Vorlagen mit weitreichenden, das wirtschaftliche Wohlergeben potenziell bedrohenden Auswirkungen hatten an der Urne keine Chance. Allerdings war bereits das Ja zur Masseneinwanderungsini­tiative eine Ausnahme von der Regel. Niemand weiss, ob und wann weitere Ausnahmen folgen.

Schleichende Entfremdung

Diese Veränderung im Kleinen, im Stimmverhalten, versinnbildlicht eine Veränderung im Grossen. Die Schweiz befindet sich in einer Ära des Wandels. Wichtigster Motor ist die Globalisierung. Dabei ist die Schweiz eine Nutzniesserin: Dass hier Wohlstand, Stabilität und praktisch Vollbeschäftigung herrschen, verdanken wir auch unserer internationalen Verflechtung.

Doch den Globalisierungsprofit gibt es nicht gratis: Er lässt Zuwanderung und Immobilienpreise steigen und forciert die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig verlieren Schweizer Traditionstugenden wie das Masshalten an Strahlkraft. Das Lohn­niveau im Topmanagement der Schweizer Grosskonzerne hat sich den Spitzensalären in der globalen Champions-League angepasst, was die Entfremdung zwischen Normalbürgern und Wirtschaftselite befördert.

Und so verbreitet sich mehr und mehr der Eindruck: Die vertraute Schweiz kommt uns abhanden – jene ordentliche, in den Traditionen verhaftete Nachkriegs-Schweiz in der sich Gemütlichkeit, Genügsamkeit und Strebsamkeit harmonisch vereinten. Jene Schweiz, die durchaus um die existenzielle Notwendigkeit des internationalen Austauschs wusste, die aber Wert darauf legte, diesen dosieren und kontrollieren zu können. Und die überhaupt viel Wert auf Unabhängigkeit und Eigenständigkeit legte.

Die Sehnsucht nach dieser Schweiz ist verbreitet. Sie ist typisch für Zeiten des Wandels. Wandel macht unsicher und verstärkt das Verlangen nach Klarheit und Sicherheit. Oft erliegt man dabei einer Täuschung: Denn unbeschwert und unabhängig – so war die Schweizer Vergangenheit nur im idealisierten Rückblick von uns Heutigen. In der Realität gehörten auch Intoleranz, rigide Moralvorstellungen, Konformitätsdruck und soziale Härte dazu.

Die Ecopop-Initiative ist Ausdruck dieser Sehnsucht nach der verklärten Retro-Schweiz. Die Initianten vermitteln den Eindruck, wir bekämen die verlorene Ideal-Schweiz zurück, wenn ihr Anliegen eine Mehrheit fände: ein gesund austariertes Land ohne Wachstumsfixierung, mit viel Sensibilität für den Schutz der Lebensgrundlagen.

Recycling ausgeschlossen

So verständlich die Sehnsucht ist: Sie ist eine Fata Morgana. Die Vergangenheit lässt sich nicht rezyklieren, schon deshalb nicht, weil sich nicht nur die Schweiz, sondern die Welt als Ganzes verändert hat. Wer glaubt, mit einem Ja zu Ecopop würden die Tugenden, Werte und Eigenschaften der Nachkriegs-Schweiz wieder aufleben, der irrt. Ein Ja brächte die idealisierte Vergangenheit keinen Millimeter näher. Es würde aber das Fundament der heutigen Schweiz akut gefährden – all das, was ihren Erfolg ausmacht: die Stabilität, den Wohlstand, die Sicherheit.

Das Land war schon einmal in einer ähnlichen Situation – und zwar in der angeblich so unbeschwerten Nachkriegsära: 1970 stimmte die Bevölkerung über die erste Schwarzenbach-Initiative ab. Der rechtskonservative Zürcher Nationalrat James Schwarzenbach wollte mit ihr die Überfremdung stoppen. Die Initiative verlangte, dass in keinem Kanton (ausser in Genf) der Ausländeranteil 10 Prozent überschreiten dürfe. Das Begehren traf den Nerv der Bevölkerung, die sich vom Strom der Fremdarbeiter bedroht fühlte – zwischen 1958 und 1964 hatte sich die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte in der Schweiz verdoppelt. Der Abstimmungskampf war heftig, schliesslich stimmten 46 Prozent für, 54 Prozent gegen die radikale Initiative.

Das Problem löste sich dann von selbst, als im Zug der Rezession ab Mitte der 70er-Jahre eine starke Rückwanderung einsetzte. Wer also heute darauf vertraut, dass sich die Kräfte des Marktes und der Konjunktur wieder ändern werden und dass es noch immer so war, dass auf Phasen mit starker Einwanderung solche mit schwacher beziehungsweise mit Rückwanderung folgen: der hat die histo­rischen Fakten auf seiner Seite.

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