Die Unschuld ist männlich

SP-Ständerätin Géraldine Savary spürt moralisches Versagen. Männlichen Kollegen ist dies völlig fremd.

Gewissensbisse: Géraldine Savary tritt 2019 zurück. Bild: Keystone

Gewissensbisse: Géraldine Savary tritt 2019 zurück. Bild: Keystone

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Die Waadtländer SP-Ständerätin Géraldine Savary setzt ein bemerkenswertes Zeichen. Sie beendet ihre politische Karriere 2019, weil sie 2011 von Milliardär Frederik Paulsen eine Wahlkampfspende erhielt, die sie ihrer Partei verheimlichte. Sie hätte womöglich nicht so weit gehen müssen. Schon gar nicht, wenn man ihre Situation mit Verfehlungen und Interessenkonflikten von Westschweizer Politikern vergleicht, die logen, Luxusgeschenke akzeptierten, Steuergelder verprassten und Gesetze verletzten.

Doch Géraldine Savary spürte ein moralisches Versagen – gegenüber ihrer Partei, gegenüber der Öffentlichkeit. Sie plagten Gewissensbisse. Die Moral gewichtet sie hoch. Anders als die Männer, die sich in Unschuld wähnen und sich trotz verbriefter Verfehlungen oder möglicher Interessenkonflikten kaltschnäuzig an der Macht halten. Selbstkritik scheinen sie nicht zu praktizieren. Fremdkritik prallt an ihnen ab. Sie halten sich für unverzichtbar. Sie räumen ihr Büro erst, wenn sie den Strafbefehl eines Staatsanwalts oder das Aufgebot für einen Strafprozess bekommen. Bis dahin versuchen sie mit allerlei Manövern den Respekt und die Zuneigung des Volkes zurückzugewinnen. Sie schüchtern Kritiker ein, um sie zum Schweigen zu bringen. Und sie reden in diesen Tagen mit Vorliebe über die Wichtigkeit ihre Regierungsgeschäfte: verbaler Dünger, damit über ihre Affären möglichst rasch Gras wächst. Ihr Spiel wirkt schamlos und erbärmlich. Aber es funktioniert. Zumindest vorläufig. Auch weil ihnen Parteigegner kaum Grenzen aufzeigen und auch von ihren Parteien, bürgerlich und männlich dominiert, kaum Widerspruch kommt. Man will keine Macht hergeben. Zeichen von Schwäche nützen nur den politischen Gegnern.

Solches wollte sich Géraldine Savary nicht antun. Um Zuneigung musste sie in den 25 Jahren als Politikerin nie kämpfen. Sie bekam sie von allein, von den Wählern, von ihrer Partei, auch von Journalisten. Erst in den letzten Wochen wandten sich Teile der Waadtländer Sozialdemokraten, ihr innerster Zirkel also, von ihr ab. Den Rückhalt ihrer politischen Verbündeten zu verlieren, hielt sie nicht aus. Die Kritik der Medien traf sie. Sie stellte ihr eigenes Handeln infrage.

Sie war in den letzten Jahren wiederholt mit dem pauschalbesteuerten Milliardär Frederik Paulsen in die Ferien verreist. Sie hatte sich in dessen Freundeskreis getummelt. Ihr musste bewusst sein: Kapitalisten mag die SP nicht sonderlich, die Pauschalbesteuerung schon grad gar nicht. Die Wende kam erst, als Géraldine Savary gestehen musste, 2011 für ihren Ständeratswahlkampf von Milliardär Paulsen 2500 Franken mehr angenommen zu haben, als die Partei erlaubt. In ihr wuchs die Scham, in den Genossen die Wut. Géraldine Savary kündigte ihr Karriereende an.

Wer nun denkt, Géraldine Savarys Entscheid würde den Druck auf irrlichternde Westschweizer Politiker erhöhen, irrt. Es braucht mehr. Es braucht Savarys Parteikollegen in den Kantonen, welche die Courage aufbringen, Lügen zu entlarven, Missstände anzuprangern und Interessenkonflikte aufzulösen. Auf die Unabhängigkeit der Justiz sollte man nicht in jedem Fall zählen. Géraldine Savary hat mit ihrem Entscheid jedenfalls Massstäbe gesetzt, die auch für andere Politiker gelten müssen. Gerade für jene, die sich noch immer für zu brillant, unverzichtbar, ja unantastbar halten und sich weigern, das eigene Handeln, die eigene Moral und den Respekt vor ihrem Amt infrage zu stellen.

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