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Die Symbol-Schweiz im Kleinformat

Die Olympischen Spiele in Sotschi sollen der Schweiz Medaillen bescheren – und bei der Imagepflege helfen. Der Bund reist deshalb mit einem ganzen Haus nach Sotschi.

Hannes Nussbaumer
Das House of Switzerland: Der mobile Holzbau repräsentiert die Schweiz an den Olympischen Spielen in Sotschi. Im Gebäude befinden sich ein öffentliches Restaurant, Studios für Radio und Fernsehen, Lounges, eine Ausstellung und Büros.
Das House of Switzerland: Der mobile Holzbau repräsentiert die Schweiz an den Olympischen Spielen in Sotschi. Im Gebäude befinden sich ein öffentliches Restaurant, Studios für Radio und Fernsehen, Lounges, eine Ausstellung und Büros.
Modernes Design, urbane Gestalt und traditionelles Material: Der Holzbau versteht sich als Symbolschweiz im Kleinformat - modern und gleichzeitig traditionsbewusst.
Modernes Design, urbane Gestalt und traditionelles Material: Der Holzbau versteht sich als Symbolschweiz im Kleinformat - modern und gleichzeitig traditionsbewusst.
Die Architekten Annette Spillmann und Harald Echsle (linke Tischseite) und die Szenografen Katrin Murbach und Fabian Jäggi liessen sich beim Bau des Hauses vom Bild eines Holzbündels inspirieren. Das House of Switzerland besteht aus Holzelementen, die mit schweizerfahnenroten Spanngurten «gebündelt» und stabilisiert werden.
Die Architekten Annette Spillmann und Harald Echsle (linke Tischseite) und die Szenografen Katrin Murbach und Fabian Jäggi liessen sich beim Bau des Hauses vom Bild eines Holzbündels inspirieren. Das House of Switzerland besteht aus Holzelementen, die mit schweizerfahnenroten Spanngurten «gebündelt» und stabilisiert werden.
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Wenn im Februar die globale Aufmerksamkeit auf die russische Schwarzmeerdestination Sotschi gerichtet ist, will die Schweiz einen Doppelerfolg verbuchen. Einen sportlichen, der sich in olympischen Medaillen manifestieren soll. Und einen kommunikativen: Die Schweiz will sich Gastgebern und Publikum so präsentieren, dass man sie nicht so rasch wieder vergisst.

Das Vehikel dazu ist ein bewährtes, nämlich die Einrichtung eines House of Switzerland. Ein solches gehört seit den Winterspielen im japanischen Nagano (1998) zum Schweizer Olympiaprogramm. Seit 2004 ist Präsenz Schweiz, die im Aussendepartement EDA ange­siedelte Image-Agentur des Bundes, für die Häuser zuständig. Mit der Sotschi-­Variante des House of Switzerland betritt die Schweiz indes Neuland – gestern wurde bekannt, wie sich die Schweiz im Olympiapark an der Schwarzmeerküste darstellen will.

Weil die Spiele in Sotschi – anders als etwa in Turin oder Vancouver – nicht in einer bestehenden Stadt stattfinden, sondern weit ausserhalb, sozusagen auf der grünen Wiese (beziehungsweise auf einer eigens für die Spiele errichteten Anlage), konnte sich die Schweiz nicht in ein bestehendes Gebäude einmieten. Der Bund entschied sich, aus der Not eine Tugend zu machen – nämlich: selbst ein Haus zu bauen, und zwar ein mobiles, also ein in seine Einzelteile zerleg- und folglich transportierbares. Aktuell ist das Haus unterwegs nach Russland. Nach den Spielen kommt es zurück und wird bis zum nächsten Einsatz eingelagert. 2014 reist ein Hausteil durch Italien. Als weitere Stationen sind die Leichtathletik-EM 2014 in Zürich und Olympia 2016 in Rio angedacht.

Ein Holzbündel

Damit wird in Sotschi die Tradition des House of Switzerland auf ein neues ­Fundament gestellt – auf ein fahrbares. Im Rahmen eines Einladungsverfahrens beauftragte das EDA die Zürcher Architekten Annette Spillmann und Harald Echsle mit dem Projekt. Die beiden bauten 2006 den preisgekrönten Zürcher Freitag-Turm, indem sie Container stapelten und so ein kleines Hochhaus formten. Die Erfahrung mit transportablen Container-Elementen prädestinierte die beiden Architekten für das Projekt.

Spillmann, Echsle und die mitwirkenden Szenografen Katrin Murbach und Fabian Jaggi von Ortreport standen vor der Herausforderung, einen Bau zu entwerfen, der die Schweiz repräsentiert und sich auf Lastwagen packen lässt. Bern war es zudem ein Anliegen, dass sich die gesamte, also auch die urbane Schweiz im Bauwerk spiegelt. Doch die naheliegende Idee, die Container-Idee weiterzuentwickeln, wurde rasch verworfen. «Container sind nichts Schweiz-Spezifisches», findet Archi­tektin Spillmann. Stattdessen setzten die Projektverfasser auf Holz und entwickelten einen Bau, der an ein Holzbündel erinnert. «Gebündeltes, für den Transport hergerichtetes Holz: Das ist ein Bild, das zur Schweiz passt», sagt Architekt Echsle.

Innovation statt Finanzplatz

So stellt sich die Schweiz in Sotschi nun in einem 730 Quadratmeter grossen, aus vier Hausteilen und einem Innenhof bestehenden Bau dar. Im Gebäude befinden sich ein Restaurant (die Bratwurst für 300 Rubel), Lounges für Gäste, Sportler und Sponsoren, Büros sowie Fernseh- und Radiostudios. Ausserhalb steht eine Bühne zur Feier all­fälliger Medaillen. Kostenpunkt: Laut Nicolas Bideau, Chef von Präsenz Schweiz, kommt das Haus auf rund zwei Millionen Franken zu stehen, die Kosten für Transport, Auf- und Abbau liegen bei einer knappen Million. Damit liegt man zwar über den Aufwendungen für das House of Switzerland an den Sommerspielen in London (1,9 Millionen) – doch kann das Holzhaus mehrmals verwendet werden, ohne dass neue Gebäudekosten anfallen. Zudem können die vier Hausteile einzeln genutzt werden, was die Einsatzvarianten erweitert. «Längerfristig fahren wir günstiger», sagt Bideau.

Das mobile House of Switzerland ist so etwas wie eine Symbol-Schweiz, komprimiert auf ein Haus, das sich aus 14 Lastwagenladungen zusammensetzt. Eine Symbol-Schweiz in (mindestens) vier Dimensionen. Ein moderner Bau und gleichzeitig ein Bau aus Holz, dem Schweizer Traditionsmaterial schlechthin – heisst: Die Schweiz verbindet Innovation mit Tradition. Ein Haus aus mehreren Elementen, die sich zum grossen Ganzen bündeln lassen – heisst: Die Schweiz ist ein föderalistischer Bundesstaat. Ein Nationalhaus ohne Fahnen, dafür mit Schweizer-Fahnen-roten Spanngurten, welche die Holzelemente bündeln und stabilisieren – heisst: Die Schweiz weiss um ihre nationale Geschichte, geht aber entspannt damit um. Schliesslich ein House of Switzerland, das (als einziges solches Haus im Olympiapark von Sotschi) ein öffentliches Restaurant betreibt – heisst: Die Schweiz will ein offenes Land sein. «Architektur ist Sprache», sagt Annette Spillmann, «sie wirkt umso stärker, je weniger Kompromisse eingegangen werden müssen.» Im Fall Sotschi habe das Konzept «weitestgehend konsequent» umgesetzt werden können.

Für Präsenz-Schweiz-Chef Bideau ist das neue Haus der Schweiz ein Glücksfall für die Landeskommunikation: «Das Haus ist der Weg, um die innovative Schweiz darzustellen.» Es ist diese Schweiz, auf die Bideau in Russland fokussieren will. Deshalb werde im Haus auch eine Ausstellung über die Wissenschafts­beziehung zwischen der Schweiz und Russland sowie über ein Schweizer Raumfahrtunternehmen gezeigt. «Unser Image in Russland ist positiv, auch wenn es unter den kritischen Schlagzeilen zum Finanzplatz gelitten hat.» Der Auftritt in Sotschi soll helfen, den Schaden zu mildern und das Image zu polieren.

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