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Die Schweizer Forschung ist Spitze – aber nur dank den Ausländern

Eine Karriere an Schweizer Unis ist für ausländische Forscher attraktiv, nicht aber für Schweizer Topleute. Sie ziehen besser bezahlte Jobs in der Privatwirtschaft vor.

Hannes Nussbaumer

Der Schweizer Forschungsplatz ist top. Kürzlich präsentierte das Staatssekretariat für Bildung und Forschung dazu neue Fakten – nämlich eine Studie, die aufzeigt, wie oft wissenschaftliche Publikationen aus der Schweiz von anderen Forschern irgendwo auf der Welt zitiert werden. Das Ergebnis: Die Schweiz belegt auf dem sogenannten Zitationsindex hinter den USA den zweiten Platz.

Erstklassig schliesst die Schweiz auch bei der jährlichen Vergabe sogenannter Grants ab, mit denen der Europäische Forschungsrat die Forscherelite fördert. Von insgesamt 427 Starting Grants, die im Herbst 2010 an herausragende Jungforscher vergeben wurden, gingen 27 in die Schweiz. Das bedeutet Platz vier – hinter den europäischen «Grossmächten» Grossbritannien, Deutschland und Frankreich. Gemessen an der Bevölkerungszahl, steht der Forschungsplatz Schweiz an der Spitze.

Die Grant-Vergabe zeigt zweierlei:

  • Erstens dokumentiert sie die Qualität der hiesigen Universitäten und Hochschulen – präziser: ihrer technischen und naturwissenschaftlichen Abteilungen. Nur einer der 27 Grants geht an die Geistes- und Sozialwissenschaften.
  • Zweitens veranschaulicht sie exemplarisch eine Spezialität des Schweizer Forschungsplatzes: Die grosse Mehrheit der hier wirkenden Spitzenforscher sind Ausländer. Von den 27 «Schweizer» Grants gehen nur gerade 4 an Schweizer Staatsbürger. In keinem anderen Land ist der Anteil Einheimischer unter den Grant-Gewinnern so klein wie in der Schweiz.

Nationalität kümmert Bund nicht

Zu den vier hierzulande tätigen Schweizer Forschern mit Starting Grant kommen noch fünf hinzu, die an ausländischen Institutionen forschen. Das ändert aber nichts am Grundproblem: Offenbar haben Schweizer Forscher Mühe, im eigenen Land an die Spitze zu kommen. Wo liegt das Problem?

Für Isabella Beretta vom Staatssekretariat für Bildung und Forschung gibt es gar kein Problem: Die Schweizer Forschungsförderung richte sich nicht nach der Nationalität, sondern nach der Exzellenz. «Dieser Ansatz wird auch in Zukunft nicht geändert.» Alle an Schweizer Universitäten und Hochschulen Forschenden würden nach einheitlichen Prinzipien unterstützt. Die Nationalität spiele keine Rolle.

Nun bestreitet niemand, dass ein erfolgreicher Forschungsplatz international ausgerichtet sein muss. Trotzdem sehen nicht alle Experten die Realität so sorgenfrei, wie dies das Staatssekretariat für Bildung und Forschung zu tun scheint. Dieter Imboden, Präsident des nationalen Forschungsrats, sagt: «Wir haben in der Forschung nicht zu viele Ausländer. Aber wir haben zu wenige Schweizer.»

Odilo Huber, Co-Präsident von Actionuni (der Vereinigung der Hochschulassistenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter), sieht zwei Hauptgründe:

  • Zum einen seien die Arbeitsbedingungen an den Schweizer Hochschulen im internationalen Vergleich höchst attraktiv – mit der Folge, dass die Schweiz sehr gut aufgestellt sei, wenn es darum gehe, die internationale Wissenschaftler-Elite ins Land zu holen.
  • Zum anderen seien die Verhältnisse an den hiesigen Unis aber nicht konkurrenzfähig mit den Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in der Schweizer Wirtschaft – mit der Folge, dass gerade unter jungen Schweizer Studierenden die grössten Talente oft in die Privatwirtschaft wechselten und nicht an der Universität blieben.

Forschungsratspräsident und ETH-Professor Imboden ist sich dieser Problematik bewusst – aus eigener Erfahrung: «Ich hatte mehrere superbegabte Doktoranden, die bewusst keine Karriere in der Forschung gewählt haben.» Die eher bescheidene Ausbeute der einheimischen Schweizer Forscher bei der Grant-Verteilung hat für Imboden aber nicht nur damit zu tun, dass in den universitären Labors die einheimischen Mitarbeiter fehlen. «Die Schweizer Forscher sind auch deshalb weniger hungrig auf europäische Fördermittel, weil bei uns eine eigene Nachwuchsförderung existiert: Es gibt Förderprofessuren, und es gibt das Programm Ambizione.» Zwar stünden diese Fördermassnahmen allen in der Schweiz tätigen Forschern offen – also nicht nur jenen mit Schweizer Pass. «Aber der Ausländeranteil ist hier kleiner als bei den Grants», so Imboden.

Gleichwohl ist Odilo Huber von Actionuni der Ansicht, die Situation sei unbefriedigend. In einer Studie zuhanden des Staatssekretariats für Bildung und Forschung moniert Actionuni, dass es nicht gelinge, «genügend begabte junge Leute aus den eigenen Reihen für eine akademische Karriere zu rekrutieren». Es bestehe deshalb «Handlungsbedarf».

Actionuni will höhere Löhne

Konkret schlägt die Studie vor, dass für Doktorierende Bedingungen geschaffen würden, die es einigermassen mit der Privatwirtschaft aufnehmen könnten. Was zur Folge hätte, dass der Anreiz, eine akademische Karriere einzuschlagen, generell erhöht würde – auch für junge Schweizer Wissenschaftler, also für solche «aus der eigenen Reihe». Damit verbunden wäre die Hoffnung, dass früher und besser als heute selektioniert werden könnte – dass also nur noch die exzellentesten Wissenschaftler zum Doktorat zugelassen würden.

Huber glaubt indessen nicht, dass sich die Situation in absehbarer Zeit bessert. Die Politik verspüre keinen Druck, etwas dafür zu tun, dass den Hochschulen mehr einheimische Talente erhalten blieben. «Es gibt ein riesiges Angebot an ausländischen Wissenschaftlern, die sofort in die Schweiz kommen. Weshalb also etwas ändern, das dazu noch etwas kosten würde?»

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