«Die Schweiz steht bei Bienenverlusten an der Spitze»

Peter Neumann ist der erste Bienenprofessor der Schweiz. An der Universität Bern will er dem Bienensterben auf den Grund gehen und in der Bienenforschung Akzente setzen.

Peter Neumann kennt das Innenleben der Bienen und findet es höchste Zeit, dass dem Tierchen geholfen wird.

Peter Neumann kennt das Innenleben der Bienen und findet es höchste Zeit, dass dem Tierchen geholfen wird.

(Bild: Susanne Keller)

Susanne Graf

Herr Neumann, es war 1.45 Uhr, als Sie unseren Interviewtermin bestätigten. Arbeiten Sie als Bienenprofessor immer so lang? Peter Neumann: In letzter Zeit habe ich oft bis spätabends gearbeitet. Aber das ist eine Ausnahmesituation. Ansonsten bin ich schon bemüht, Ruhepausen zuzulassen.

Ist es das Bienensterben, das Ihnen schlaflose Nächte bereitet? Im Moment habe ich viel zu tun mit dem Aufbau des neuen Instituts. Aber auch das Bienensterben verursacht schlaflose Nächte, unter anderem weil ich viele Anfragen habe für Interviews.

Was macht ein Bienenprofessor? Ich sehe meine Aufgabe darin, hypothesenorientierte Forschung zu betreiben, um die Grundlagen der Bienengesundheit besser zu verstehen. Hier gibt es Nachholbedarf. In der Vergangenheit musste man sich mehr oder weniger aufs Feuerlöschen beschränken. Man musste den Imkern schnell ein Instrument zur Bekämpfung der Varroamilbe in die Hand geben. Jetzt ist es an der Zeit, dass man besser versteht, warum gewisse Bienen mit Krankheit besser klarkommen als andere, und einen nachhaltigen Ansatz entwickeln.

Nachhaltig inwiefern? Wir müssen einen Ansatz finden, der die Imker bei der Krankheitsbekämpfung möglichst wenig fordert, damit das wieder ein leichteres Hobby wird und man die breitere Bevölkerung wieder dazu kriegt, Bienen zu halten. Das hehre Ziele wäre es zudem, dass die Honigbienen in der Schweiz und in Europa wieder wild leben können.

Überleben sie ohne Imker nicht? Nein. Ein Bienenvolk, das nicht gegen die Varroamilbe behandelt wird, ist in zwei bis drei Jahren tot. Zumindest in der Schweiz und in Europa. In Afrika können Bienenvölker sehr wohl mit der Varroamilbe leben. Warum das so ist, wissen wir noch nicht.

In der Schweiz ist die Imkerei ein Hobby. Müsste man sie professionalisieren? Das ist ein heisses Eisen. Ich glaube: nein. Eine Professionalisierung wäre schwierig, weil die Möglichkeit, mit Imkern Geld zu verdienen, in der Schweiz kaum gegeben ist. Professionalisieren kann man aber die Ausbildung der Imker im Bereich Bienengesundheit.

Albert Einstein soll gesagt haben: «Wenn die Bienen aussterben, dauert es noch vier Jahre, bis auch die Menschen aussterben.» Hat er übertrieben? Einstein hat sicher nicht übertrieben, denn diese Aussage ist offenbar gar nicht von ihm. Das sagen mir Kollegen, die über Einstein forschen. Die Aussage ist auch fachlich nicht korrekt. Der Grossteil der menschlichen Ernährung, wie Reis und Getreide, ist nicht abhängig von Insekten-, sondern von Windbestäubung.

Ist die Lage also nicht so ernst? Die Lage ist sehr ernst. Gesunde Ernährung, zum Beispiel Obst und Gemüse, aber auch 80 Prozent aller wilden Pflanzen sind von der Bestäubung durch Insekten abhängig. Wenn diese nicht mehr sichergestellt wären, hätte man ernst zu nehmende Probleme.

Würden Hungersnöte drohen? Zunächst würden vermutlich Obst und Gemüse teurer. In der Schweiz sieht die Lebensmittelsituation ja relativ gut aus, hier haben wir noch viele Bienen und Imker. Trotzdem sind die Verluste vom letzten Winter, mit 50 Prozent toter Bienenvölker, natürlich nicht haltbar. Das sind dramatisch hohe Zahlen. Deshalb ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, dass diese Professur besetzt wurde und wir – das Institut für Bienengesundheit, das ich leiten werde, das Zentrum für Bienenforschung und der neu zu etablierende Bienengesundheitsdienst – die Problematik zusammen angehen können (siehe Kasten).

Ist es noch nicht zu spät, um die Bienen vor dem Aussterben zu bewahren? Zu spät ist es nicht. Aber es ist wirklich an der Zeit, etwas zu tun. Es geht ja nicht nur um Honigbienen, es geht generell um Bestäuber, also auch um Hummel und Wildbienen, die auch seit Jahren im Rückgang begriffen sind.

Sie leiten ein internationales wissenschaftliches Netzwerk. Wo auf der Welt ist das Bienensterben am schlimmsten? Im Coloss-Netzwerk arbeiten rund 300 Personen aus 62 Ländern mit. Es ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, dieses Netz aufrechtzuerhalten. Gemeinsam haben wir zum Beispiel die Methoden, mit denen man die Völkerverluste messen kann, standardisiert (siehe Kasten). Jetzt können wir die Verluste in Amerika, China, Italien und der Schweiz miteinander vergleichen. Früher hat man Äpfel mit Birnen verglichen.

Und: Wo sind die Verluste am gravierendsten? Sie schwanken von Jahr zu Jahr. Im Moment ist die Schweiz fast Spitzenreiterin mit den Verlusten vom letzten Winter, die fast 50 Prozent erreicht haben. Das war mehr als in den USA, wo man in den letzten Jahren jeweils etwa 30 Prozent Verluste hatte. Sicher ist: Gebiete, in denen die Varroamilbe auftritt, haben kontinuierlich höhere Verluste als andere. Darüber hinaus spielen Umweltbedingungen, andere Krankheiten, Pestizide und die Ernährung eine Rolle. Die Zusammenhänge sind leider relativ kompliziert, und wir müssen noch deutlich besser verstehen, warum es in bestimmten Völkern mehr oder weniger Verluste gibt. Es ist eines meiner Ziele, dass wir in Zukunft bessere Prognosen machen können. Damit wir zum Beispiel in einem milden Winter sagen können, worauf Imker im nächsten Jahr besonders aufpassen müssen, damit die Völker nicht zusammenbrechen.

Wo muss der Hebel angesetzt werden, wenn beim Bienensterben so vieles eine Rolle spielt? Gerade wegen der Vielzahl an Faktoren ist es wichtig, sich jetzt auf die Milbe zu konzentrieren. Wie die Malariamücke das gefährlichste Insekt ist für uns Menschen, ist sie für die Bienenwelt am gefährlichsten.

Denken Sie, dass Sie ihr das Handwerk legen können? Selbstverständlich denke ich das. Aber in ein oder zwei Jahren werden wir das Problem nicht lösen. Wir müssen einen langen Atem beweisen und das Ganze systematisch angehen. Das Genom der Milbe ist jetzt bekannt, darauf können wir unsere Forschung ausrichten. Ich denke, dass wir dank der neuen Professur deutliche Fortschritte machen werden.

Übernimmt die Schweiz in der Bekämpfung des Bienensterbens weltweit die Führung? Das würde ich mir sehr wünschen. Die sehr grosszügige Unterstützung durch die Vinetum-Stiftung liefert einen wesentlichen Beitrag. Ich werde mich darüber hinaus bemühen, Drittmittel einzuwerben, um an der Uni Bern grössere Forschungsprojekte zu etablieren. Es ist mir gelungen, zwei grosse Forschungsprojekte aus der EU herzuholen. Wir befinden uns auch mit mehreren Geldgebern in Verhandlung, und zum Beispiel die Ricola-Stiftung unterstützt uns ebenfalls. So hoffe ich, dass wir hier in Bern ganz vorne dabei sind, wenn es um die Forschung geht. Dank dem Management des Coloss-Netzwerks schaffen wir es zudem, eine internationale Drehscheibe zu werden, wenn es um Bienengesundheit geht. Ich erhalte auch Anfragen vom EU-Parlament für Vorträge und werde international um meine Meinung gebeten, wenn es um Bienengesundheit geht.

Das Interesse an den Bienen hat in den letzten Jahren allgemein zugenommen. Spüren Sie das? Wenn ich vor zehn Jahren am Stammtisch erzählte, dass ich mich mit Bienenkrankheiten beschäftige, kassierte ich ein mildes Lächeln. Jetzt erhalte ich eine andere Resonanz. Die Leute sind froh, dass sich jemand um die Bienen kümmert.

Haben Sie «More than Honey» gesehen? Ja. Der Film ist sehr schön. Aber es sind halt drastische Bilder, zum Beispiel jene mit der Handbestäubung. Natürlich kann man mit dem Pinsel bewaffnet die Pollen auf die einzelnen Blüten bringen, aber das können Bienen deutlich besser. Es ist effizienter, die Bienen zu schützen.

Ist die Schweizer Landwirtschaft bienenfeindlich? Die kleinflächige Schweiz ist deutlich bienenfreundlicher als etwa die USA. Aber es wäre schön, wenn man in der Schweiz die Bestäubungsleistung der Imker in irgendeiner Form berücksichtigen könnte.

Woran denken Sie? In den USA sind Bestäubungsprämien gängige Praxis.

Kann man auch ohne Bienenhaus etwas für die Bienen tun? Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Bevölkerung bienenfreundlicher werden würde. Jeder kann etwas machen: Wer einen eigenen Garten hat, kann eine bunte Blumenmischung ansäen und so den Bienen etwas zu fressen bieten. Oder man kann Nisthilfen bauen für Solitärbienen oder Hummeln. Das ist faszinierend, das habe ich schon als Student gemacht.

Imkern Sie selber auch? Mir fehlt die Zeit dazu. Schon meine Topfpflanzen sehen oft furchtbar aus, das möchte ich den Bienen auf keinen Fall zumuten.

Ihre Professur ist für 10 Jahre angelegt. Bekommen Sie das Bienensterben bis dahin in den Griff? Ich glaube, das Problem der Bienengesundheit wird genauso bestehen bleiben wie das Problem der Schweine-, Rinder- oder Geflügelgesundheit. Wo Tiere von Menschen in grosser Dichte gehalten werden, gibt es Probleme mit Krankheiten. Auch Bienen brauchen konstant eine Begleitung mit Grundlagenforschung, allein aufgrund ihrer Bedeutung. Es geht in die zig Millionen Franken pro Jahr, was die Bienen mit der Bestäubung erwirtschaften. Deshalb sollte auch künftig eine Professur zur Verfügung stehen.

Berner Zeitung

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