Ted Scapa: «Die Schweiz ist ein Paradies»

Der Künstler und Cartoonist Ted Scapa (85) prägte die Sendung «Spielhaus» und gab als Verleger Museumskataloge heraus. Auf Schloss Vallamand lud der gebürtige Holländer zum Gespräch. Das Kunstmuseum Bern widmet ihm eine Schau.

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Helen Lagger@FuxHelen

Wie geht es weiter mit Ihrem Schloss? Man konnte kürzlich lesen, Sie wollten es verkaufen.Ted Scapa:Das stimmt schon, wenn auch nicht gleich heute oder morgen. Seit meine Frau gestorben ist, verbinde ich mit dem Haus viele schmerzhafte Erin­nerungen. Ich habe jetzt eine Wohnung in Bümpliz, wo ich ja früher schon gewohnt habe. Ich gehe gewissermassen «back to the roots».

Ihre Frau, die Malerin und Tänzerin Meret Scapa, war wie Sie eine Künstlerpersönlichkeit. Gab es da auch Konkurrenz? Nein. Das gab es nicht. Wir waren kompatibel, wie man so sagt. Sie war verschwiegen, hat nicht viel über ihre Kunst gesprochen, im Gegensatz zu mir. Ich habe sie sehr bewundert. Sie hat nicht nur gemalt, sie hat auch Keramik gemacht und in Paris getanzt bei Mary Wigman. Sie hatte ganz ­viele Begabungen, die lange im Versteckten geblieben sind. Und dann kamen plötzlich 700 Leute ins Kunstmuseum bei der Ver­nissage zu ihrer Ausstellung vor einem Jahr. Da war ich schon ein bisschen eifersüchtig. Ich habe ja immer Angst, ich sei allein an meinen Vernissagen. (lacht)

Welche schönen Erinnerungen verbinden Sie mit Schloss Vallamand am Murtensee? Wir hatten viele wunderbare Ereignisse in diesem Haus. Wir haben zum Beispiel immer den 1. August mit ganz vielen Freunden gefeiert. Das wurde jedes Jahr grösser, bis es uns irgendwann zu viel wurde. Und natürlich die Erinnerungen an die Kinder, die um mich herum waren. Meine Frau und ich haben ja einen Buben und ein Mädchen aus dem Tibet aufgenommen, die mit unseren eigenen Kindern aufwuchsen. Mit unserer ver­storbenen Tochter Ghita, Merets Sohn Till und unserer Tochter Tessa. Übrig geblieben auf dem Schloss bin nun ich. Leider.

Wie war Ihre eigene Kindheit in Amsterdam? Sie haben dort den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Ja. Ich kann mich gut an das Ende erinnern. Nach fünf Jahren Kriegszeit bin ich mit einer DC-3 der Swissair nach Zürich gekommen. Am Abend haben wir am Bellevueplatz im Restaurant Grüner Heinrich gegessen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Ananas, Patisserien und Schokolade gesehen habe. Ich dachte, ich sei im Paradies gelandet. Ich sage das heute immer noch: Die Schweiz ist ein Paradies. Man sollte davor viel Ehrfurcht haben und sehr viel achtgeben. Das war mein Start in die Schweiz. Dann kam Bern und ­Meret und so weiter und so fort.

Sie wollten als Kind Kapitän werden. Ich wollte Marineoffizier werden. Aber das ist Gott sei Dank nicht gelungen. Ich fuhr später auf Handelsschiffen und fand es fürchterlich. Das endlose Wasser!

«Ich habe eigentlich nie etwas fertig gemacht in meinem Leben.»

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Talent zum Zeichnen haben? Ich habe das gar nicht gewusst. Ich wollte an der Königlichen Akademie in Den Haag studieren, weil es dort sehr viele hübsche Damen gab. Ich habe diese Damen gesehen und gedacht, das ist eine nette Umgebung für mich. (lacht) Einmal dort angekommen, hatte ich sehr gute Lehrer, die mir sehr viel Freiheit gewährten, mich einfach machen liessen. So habe ich Cartoons und Illus­trationen für mich entdeckt. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Den Haag und auch an London, wo ich später ebenfalls studiert habe. Abgeschlossen habe ich die Schule nicht. Ich habe eigentlich nie etwas fertig gemacht in meinem Leben. Ich habe immer alles nur angefangen. Die Ausstellung, die diesen November ins Kunstmuseum Bern kommt, heisst «Ted Scapa ... und so nebenbei». Ich habe bis heute das Gefühl, alles, was ich mache und gemacht habe, sei «so nebenbei» geschehen. Das Wesentliche ist existieren und leben.

In Ihrer eigenen Kunstsammlung gibt es viele exotische Objekte. Ich interessiere mich nicht so sehr für für den Wert der Dinge oder wie alt sie sind. Ich finde es einfach wunderbar, dass in der ­afrikanischen oder asiatischen Kunst oft allein aus der Tradition heraus mit den Händen etwas geschaffen wird. Die Freiheit der Gestaltung ist faszinierend.

Machen Sie einen Unterschied zwischen der freien und der angewandten Kunst? Gute Frage. Ich habe tatsächlich sehr viel Unterschiedliches gemacht. Ich bin ja selbst überrascht, was ich «so nebenbei» gemacht habe. Sowohl bei der freien wie bei der Auftragskunst ist es immer eine Aufgabe an sich selbst, dass man etwas Rechtes macht. Wenn ich Aufträge habe von Swatch, Swissmilk oder kürzlich von der Ronald-McDonald-Stiftung, für die ich im Berner Burgerspital mit Kindern gezeichnet habe, ist das für mich eine Herausforderung. Ob Kunst oder nicht Kunst: Es geht mir ­immer darum, dass der andere begreift, was ich mache. Die Vermittlung ist wohl in allem, was ich tue, mein zentralstes Anliegen.

Am bekanntesten sind Sie bis heute durch die Sendung «Spielhaus». Wie sind Sie zum Fernsehen gekommen? Ich habe damals als Verleger beim Benteli-Verlag Kinderverse herausgegeben, die ich bekannt machen wollte, und ging damit nach Zürich zum Fernsehen. Das war alles noch sehr einfach dort. Sie fanden die Verse super. Man hat gesagt, ich solle dazu zeichnen, und Heidi Abel (die 1986 verstorbene Schweizer Ansagerin und Moderatorin; Anm. d. Red.) würde lesen. Schliesslich habe ich selber gezeichnet und dazu gesprochen. Daraus wurden zwanzig Jahre.

Spielhaus gilt bis heute als Kult. Was machte diese Sendung aus? Sie war einfach. Eine einfache Sprache, einfache Zeichnungen. Wir haben zum Beispiel das Thema Stuhl behandelt. Was kann man damit alles machen? Die Sendung hat nicht nur die Kinder interessiert, auch die Eltern haben mitgemacht. Natürlich gab es damals noch nicht viel Konkurrenz. Ausserdem fanden die Kinder meinen holländischen Akzent lustig. Die sagten immer: «Du sprichst aber komisch.»

Sie geben immer noch Workshops. Wie sind die heutigen Kinder im Gegensatz zu früher? Das Wesen des Kindes bleibt sich gleich. Auch wenn das viel behauptet wird – die Kinder sind heute nicht anders als früher, nur die «Apparate», die sie nutzen, haben sich verändert. Es macht mir immer noch grosse Freude mit Kindern zu zeichnen.

Sie waren als Verleger beim Benteli-Verlag mit vielen berühmten Künstlerinnen und Künstlern bekannt und verfügen über ein grosses Netzwerk. Ja. Durch die Verlagsleitung hatte ich natürlich viele Kontakte zu den Museen. Eine Schlüsselfigur war Erika Billeter (die 2011 verstorbene Kunstkritikerin; Anm. d. Red.). Ich lernte sie bei einem Abendessen im Jura, bei dem auch Dürrenmatt dabei war, kennen. Billeter sass neben mir, und wir kamen ins Gespräch. Wir haben sicher insgesamt vierzig Kataloge zusammen gemacht für Museen überall auf der Welt. Sie ist leider an Krebs verstorben.

Auch mit Jean Tinguely soll Sie eine besondere Freundschaft verbunden haben. Ja, das stimmt. Tinguely war ein verrückter Kerl und hat sich intensiv mit Autos befasst. Auch ich war ein Autofan. Ich bin oft am Sonntagmorgen zu ihm nach Neyruz gefahren. Wir sind dann in seiner chaotischen Küche – es sah noch viel wilder aus als hier bei mir – gesessen und haben zusammen Kaffee getrunken. Wir haben viel lieber über Autos als über Kunst gesprochen. Einmal hat er mir einen roten Ferrari Testarossa präsentiert. Er ist mit mir durch die Dörfer Richtung Lausanne gerast. Ich habe das nicht ausgehalten. So habe ich mich hinter das Steuer gesetzt. Ich bin dann als braver Fahrer mit sechzig gefahren. Das hat wiederum er nicht ausgehalten. Wir mussten uns die ganze Fahrt über abwechseln.

Ein anderer enger Freund von Ihnen war der kürzlich verstorbene Clown Dimitri. Er hätte an ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Bern die Rede halten sollen. Ja, ich hatte einen schönen Kontakt mit Dimitri, war oft bei ihm in seinem Theater in Verscio. Ich habe ihn übrigens zum Zeichnen angestiftet, wofür er mir dankbar war. An der Eröffnung meiner Ausstellung im Kunstmuseum Bern wird seine Tochter Nina ­singen.

Wer wird denn nun die Eröffnungsrede halten? Ja, wer spricht denn überhaupt? (lacht) Ich glaube, Matthias Frehner vom Kunstmuseum spricht zuerst, dann kommt Alt-Bundesrat Adolf Ogi. Mit Dölf bin ich eng befreundet, wir haben eben gerade das Buch «Freude herrscht» zusammen herausgebracht. Danach kommt Beatrice Simon, die Finanzdirektorin des Kantons Bern, als einzige Frau an die Reihe. Und schliesslich spricht auch noch Alexander Tschäppät, der eine seiner letzten Reden als Stadtpräsident halten wird. Und zuletzt noch der Publizist Roy Oppenheim. Ein wahres Ehrenkabinett.

«Ich kam eines Tages mit Adolf Ogi in Kontakt und erhielt den Auftrag, Unteroffiziere kreativ zu machen.»

Wie haben Sie Adolf Ogi kennen gelernt? Ich kenne ihn schon sehr lange. Als er noch Bundesrat war, leitete er ja das Militärdepartement. Ich kam eines Tages mit ihm in Kontakt und erhielt den Auftrag, Unteroffiziere kreativ zu machen. Es gab ein Lager in Mar­tigny, und dort habe ich in Militäruniform kreative Workshops für Soldaten abgehalten. So habe ich Adolf Ogi kennen gelernt, auch wenn wir damals noch keine Freunde waren. Später, als er bereits Alt-Bundesrat war, hat er mich gefragt, ob ich etwas für Kinder machen würde, bei einem seiner Projekte in Kandersteg. Ich habe dann die ganze Familie, seine Frau und die Kinder kennen und schätzen gelernt. Uns verbindet auch, dass wir ein ähnliches Drama, den Tod eines Kindes, durchlebt haben.

Sie sprechen vom Tod ihrer Tochter Ghita, die 2005 im Kindbett verstarb. Wie gehen Sie damit um? Man kann so ein Drama nur durch Arbeit überleben. Meine vielen Tätigkeiten sind mein Lebenselixier.

Ausstellung: «Ted Scapa ... und so nebenbei»,18. 11. bis 19. 2., Kunstmuseum Bern.

Berner Zeitung

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