Die Politik der Nationalbank zerstört die Altersvorsorge

Die Negativzinsen fressen das Anlagevermögen auf. Es ist Zeit für aussergewöhnliche Massnahmen.

Die Nationalbank hat ihre Bilanz in den letzten Jahren um 700 Milliarden aufgebläht, um den Franken tief zu halten und die Wirtschaft zu stützen.

Die Nationalbank hat ihre Bilanz in den letzten Jahren um 700 Milliarden aufgebläht, um den Franken tief zu halten und die Wirtschaft zu stützen.

(Bild: Keystone)

Arthur Rutishauser@rutishau

Bei der Altersvorsorge zeichnet sich in der Schweiz eine Katastrophe gigantischen Ausmasses ab. Verursacht ist dies zum einen durch zu hohe Renten im Verhältnis zur Lebenserwartung. Zum anderen werden die Pensionskassenvermögen durch die Negativzinsen aufgefressen. Während es für Ersteres endlich eine Rentenreform braucht, sind beim Zweiten aussergewöhnliche Massnahmen nötig.

Es findet eine Umverteilung von den Sparern zu den Schuldnern statt.

Die Schweiz startete 2019 in das fünfte Jahr mit Negativzinsen. Das heisst, wenn die Banken Geld bei der Nationalbank deponieren, müssen sie 0,75 Prozent Zins zahlen, statt dass sie einen Zins erhalten, wie das im kapitalistischen System üblich ist. Dieses Zinsniveau schlägt auf die ganze Wirtschaft durch. Sparer erhalten kaum Zins, wenn sie ihr Geld zur Bank bringen, der Bund erhält 0,2 Prozent Zins, wenn er sich verschuldet. Insgesamt findet eine riesige Umverteilung von den Sparern zu den Schuldnern statt.

Die grössten Sparer im Land sind die Pensionskassen, die unsere Altersguthaben verwalten. Deren Geschäftsmodell ist darauf aufgebaut, dass sie die Renten nicht nur mit Beiträgen finanzieren, sondern auch mit den Erträgen aus dem Anlagevermögen. Im Wesentlichen legen die Pensionskassen ihr Geld in drei Kategorien an: Immobilien, Aktien und Obligationen. Wegen der Tiefzinspolitik scheiden Investitionen in Obligationen praktisch aus.

Die Rechnung ist schnell gemacht: Wenn man bei einer Inflation von knapp einem Prozent in Papiere investiert, die praktisch keinen Zins bringen oder bei denen man gar draufzahlt, wird Geld vernichtet. Investiert man stattdessen in Immobilien, dann führt dies zu einer noch grösseren Preisblase, als es sie heute schon gibt. Investieren die Pensionskassen noch mehr in Aktien, passiert an der Börse dasselbe.

Das Anlagevermögen der Schweizer Pensionskassen ist im Moment mit 800 Milliarden Franken zufälligerweise fast gleich gross wie die Bilanzsumme der Nationalbank. Die hat ihre Bilanz in den letzten Jahren um 700 Milliarden aufgebläht, um den Franken tief zu halten und die Wirtschaft, namentlich die Exportindustrie und den Tourismus, zu stützen. Daran wird sich so schnell nichts ändern. Weil in Europas Süden, vor allem in Italien, noch immer Krise herrscht. Bleiben die Zinsen im Euroraum tief, kann die Nationalbank noch über Jahre die Zinsen nicht anheben, weil sonst der Franken massiv ansteigt. Darum ist damit zu rechnen, dass die Pensionskassen weiterhin ausbluten.

Wenn nichts geschieht, dann zerstört die Politik der Nationalbank längerfristig die Altersvorsorge. Deshalb ist es durchaus angebracht, wenn die Politik darüber nachdenkt, jährlich 2 Milliarden in das Vorsorgesystem zu pumpen, wenn man sich vorher nicht scheute, die Industrie mit 700 Milliarden zu stützen. Wenigstens so lange, wie die Negativzinsen beibehalten werden. Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Massnahmen.

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